Playtime - München

Das Leben ist kein Ponyhof

Job, Maloche, Ausbeutung, Beruf oder Erfüllung – was ist Arbeit, und wie setzen sich Künstler damit auseinander?

Am Ende braucht man den Menschen nur noch wegen seiner Fingerkuppen. Zärtlich, und dabei doch nur professionell, streichen sie über den Autolack und prüfen, ob sich keine Fehler eingeschlichen haben.

Maschinen könnten das nicht – zumindest wurden bisher keine entwickelt, die so sensibel sind wie Finger. Dafür haben die Roboter alles andere erledigt und sorgen dafür, dass in Ingolstadt ein Audi nach dem anderen übers Fließband rollt. Ihr mechanisches Ballett hat der türkische Künstler Ali Kazma schweigsam in Szene gesetzt: Arbeit wird zum Energiefeld, in dem der Mensch nur noch für Glanzeffekte sorgt.

"Playtime" heißt die Ausstellung im Münchener Lenbachhaus und ist die Erste des Kurators Matthias Mühling in seiner neuen Rolle als Museumsdirektor. Der Titel ist einem Film von 1967 entlehnt, in dem Jacques Tati durch eine produktionsgesteuerte Glasfassadenwelt mäandert. Ein Spiel ist das Ganze allerdings nicht. Schließlich prägt vor allem die Arbeit unsere Welt in einer Weise, bei der statt blanker Existenzsicherung zunehmend Identitätsstiftung und soziale Anerkennung im Zentrum stehen. Dass der Mensch dabei immer mehr hinter der Technik verschwindet, ist das Paradox dieser Entwicklung – weshalb Kazmas Arbeit zu den eindringlichsten Beispielen eines kuratorischen Trendthemas zählt, wie es auch die 8. Berlin-Biennale streift.

Dabei haben Künstler bereits seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert visuelle Pendants zur Marxschen Entfremdungstheorie geliefert. Explizit politisch wurde es zwar erst mit der Konzeptkunst – trotzdem wirkt die Fließbandgroteske "Modern Times" (1936), in der Charlie Chaplin ins Räderwerk einer Fabrik gerät, mit ihrem einfachen Symbolismus hier wie ein Vorreiter reduzierter ästhetischer Ansätze. So zeigt Allan Sekula in seiner Diaserie von 1972 Arbeiter beim Verlassen einer Flugzeugfabrik, die Waffen für den Vietnam-Krieg herstellt – der Übergang zum Privatleben ist von müden, misstrauischen Gesichtern geprägt. Und Martha Rosler zelebriert mit Semiotics of the Kitchen (1975) eine aggressive Anti-Werbesendung zur perfekten Hausfrau, in der Quirl und Küchenrolle zu Metaphern von Wut und Knechtschaft werden.

Neben Monica Bonvicinis Fragebögen für Bauarbeiter, durch die man etwas über Schimpfwörter und raue Hände erfährt, sind die Musikvideos wie "She works hard for the money" von Donna Summer unterhaltsame Höhepunkte der Schau. Dagegen lassen Harun Farockis Aufnahmen von Beratungsmeetings für flexiblere Raumkonzepte (2012) leider jede poetische Brechung missen, und Michaela Meliáns maschinengenähte Tomboy-Zeichnungen von "Föhn, Putzeimer und Joystick!" (1999/2004) passen eher in eine Gender-Schau. Überhaupt bleiben die meisten Werke einem Arbeitsbild des 20. Jahrhunderts verhaftet; also einer Ära, in der Arbeit noch konkret sichtbar war. Was fehlt, sind Kommentare zum Verschmelzen von Arbeit und Freizeit, die das Gefühl unserer Epoche an der Schwelle zwischen Industrie- und Wissensgesellschaft auf den Punkt bringen. Auf den Dokumentarfilm "Work Hard – Play Hard" (2011) von Carmen Losmann, der genau das tut, hätte eine Schau wie diese nicht verzichten dürfen.

Playtime

München, Lenbachhaus
bis 29.06.2014
http://www.lenbachhaus.de/ausstellungen/playtime/

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