Beuys / Brock / Vostell - Karlsruhe

Something is happening

Soeben eröffnete im Karlsruher ZKM Museum für Neue Kunst die Ausstellung "Beuys Brock Vostell". Die von Peter Weibel und Co-Kurator Eckhart Gillen konzipierte Schau wirft Schlaglichter auf die Zusammenarbeit der drei höchst unterschiedlichen Künstler – und lässt die Zeit der wilden Fluxus-Aktionen und Happenings lebendig werden.

Der Schreck ist kalkuliert: Ein Starfighter hängt bedrohlich über den Besuchern wie eine stählerne Todesmetapher. Werden die dünnen Seile halten? Ganz angstfrei geht man jedenfalls nicht unter dem Monstrum umher.

Im Nachkriegs-Deutschland der sechziger und siebziger Jahre war der Abfangjäger allein für jene gefährlich, die ihn fliegen mussten: Bei 269 Abstürzen starben 108 Piloten. In der hier gezeigten, kleinformatigen Collagenserie von Wolf Vostell (1932 bis 1998) nimmt sich das Unding fast putzig aus: "Das Ei" heißt sie und datiert aus dem Jahr 1977. Zur documenta 6 im selben Jahr wollte Vostell nämlich ein Exemplar auf das Dach des Fridericianum platzieren – doch nutzte der damalige Geschäftsführer der documenta GmbH, Dr. Lucas (CDU), den mit seiner Funktion (nach eigenen Worten) verbundenen "Ermessensspielraum" aus, die Realisierung des Starfighter-Projekts zu verhindern. Vostell witterte Zensur, wandte sich an die Presse, führte den Rückhalt seitens des künstlerischen Leiters Manfred Schneckenburger ins Feld – und hatte selbst die Statik prüfen lassen. Es half alles nichts. Nun also hängt die lange schon ausrangierte Maschine in den hohen Räumen des Karlsruher ZKM und verfehlt ihre Wirkung nicht. Wie hätte wohl der 1936 geborene Künstler und Autor Bazon Brock, der 1977 zum dritten und letzten Mal seine Besucherschule in Kassel abhielt, Vostells Geste kommentiert?

Es war auch jene documenta, auf der Joseph Beuys 100 Tage lang seine legendäre "Honigpumpe am Arbeitsplatz" betrieb: eine künstlerisch-soziale Transformationsmaschine. Hier in Karlsruhe liegt sie nun da wie ein erlegtes Tier, wirkt wie ein Relikt aus fernen Zeiten – und damit dem schrottreifen Düsenjet auf den ersten Blick nicht unähnlich. Es braucht etwas Zeit, bis sie so etwas wie Aura entfaltet. Aber so ist das mit Dingen, die stark mit Aktionen und Personen der Vergangenheit verknüpft sind. Weibel ist Ausstellungsprofi genug um zu wissen, dass genau dieses Problem nur mediale Reanimationen, also historische Bewegtbilder und O-Töne, lösen können. Einige der von ihm und seinem Team aus deutschen Senderarchiven zutage geförderten Schwarzweiß-Filme waren lange verschollen und überraschen heute, trotz Unschärfe und fehlender Farben.

So finden sich in der Ausstellung zahlreiche Loop-Projektionen, die viel von der kommunikativen und theatralischen Ausdruckskraft der drei Künstler spürbar werden lassen: Wir sehen Brock, wie er wortreich über eine Perwoll-Verpackung doziert oder ein blaues Verkehrsschild mit weißem Pfeil vor laufender Kamera zum kulturell-relevanten Gegenstand erhebt. Wir sehen Vostell, wie er, am Boden liegend, Dutzende kleiner Nadeln in rohes Fleisch steckt. Und wir sehen Beuys, wie er bei einem 24-Stunden-Happening in der Wuppertaler Galerie Parnass auf einer Kiste hockt und wippt. Bei dieser Aktion im Sommer '65 waren auch Brock und Vostell beteiligt, aber auch sechs weitere Künstler, darunter Nam June Paik.

Während Filme, Collagen, Zeichnungen und großformatige Exponate den Zugang zum Thema der Schau erleichtern, fordern die vielen kleinen, in Vitrinen versammelten Objekte von den Besuchern Zeit und Konzentration. Hier finden sich Briefe, Skizzen, seltene Fotos, Kataloge in Kleinstauflage, vergilbte Plakate und Pamphlete. Sie alle werden Eingang finden in einen über 600-seitigen Band zur Ausstellung, der in Vorbereitung ist. In der Karlsruher Schau kann man schon jetzt auf Entdeckungsreise gehen: Brock (der letzte Lebende des Trios), lernen wir etwa, starb schon 1966. Und zwar als "29-jähriger Pensionär" und Versicherungsangestellter der Allianz. Eine fingierte Todesanzeige – ein Fluxus-Jux.

Beuys Brock Vostell – Aktion Partizipation Performance (1958-1977)

bis 9. November 2014, ZKM Museum für Neue Kunst, Karlsruhe
http://zkm.de