Tobias Rehberger - Sankt Georgen

Maserati vor dunklem Tann

Der kunstenthusiastische Klan Graesslin bekommt Zuwachs. Ab sofort gehört Künstler Tobias Rehberger zum Sammlungsschoß der Familie. In Sankt Georgen im Schwarzwald werden seine Arbeiten in einer Ausstellung präsentiert.

Es ist ein warmer Samstag im Mai – warm, auch im schattigen Schwarzwald. Ein dunkler Maserati schiebt sich der Bergstadt Sankt Georgen entgegen. Heute steckt der Sportwagen nicht vermeintlich in einer Blechkiste, wie 2001 in Münster. Heute ist er reell, und der Künstler selbst sitzt am Steuer.

Begleitet von seiner Familie ist Tobias Rehberger auf dem Weg in den Sammlerschoß der Familie Graesslin. Seine große Schau in der Frankfurter Schirn wurde gerade abgebaut. Jetzt wird er in der Sammlung Graesslin eine Ausstellung seiner Arbeiten eröffnen. Und während in der Mainmetropole – seit Jahrzehnten Rehbergers Lebens- und Kreativ-Zentrale – ein breites Spektrum auf 20 Jahre seines Schaffens geboten wurde, findet man bei den Graesslins, an diesem südlichen Zipfel Deutschlands, einen deutlich enger geschnittenen, sehr persönlichen Blick auf das Oeuvre des multidisziplinär tätigen Künstlers.

"Meine Arbeiten hier – Sammlungsbestände aber auch frische Leihgaben aus meinem Atelier – erzählen viel über die Sammler selbst", so Rehberger zur Besonderheit der Schau unter dem Dach der Sammlung Graesslin: "Eine Sammlung ist fast ein Porträt des Sammlers, ein ganz persönlicher Blick auf meine Arbeit. Da erfährt man viel über sich als Künstler." Und auch für die Sammler hat so eine Schau etwas von öffentlicher Selbstbeleuchtung. Denn seine Sammlung der Allgemeinheit zu präsentieren, ist ein wenig wie einen Fremden durchs eigene Schlafzimmer zu führen.

Im Falle der Sammlerfamilie Graesslin hat der Akt des Kunst-Kaufens und -Ausstellens sowieso seit Beginn einen familiäreren Bezug und einen privateren Anstrich als bei vielen anderen Sammlern. Kunst gleich Leben? Kunst auf jeden Fall gleich Familie. Diverse Kunstschaffende und der kunstenthusiastische Klan Graesslin bilden in Sankt Georgen seit mehr als 40 Jahren eine Sippschaft, die das übliche Band zwischen Sammler und Künstler deutlich dehnt.

Das Unternehmer-Ehepaar Dieter und Anna Graesslin hatte Anfang der siebziger Jahre begonnen die damals wenig populäre Kunst des Informel zu sammeln. Die Kinder Bärbel, Karola, Sabine und Jürgen folgten diesem Kunstenthusiasmus und fokussierten sich mit derselben Konsequenz wie ihre Eltern auf andere Kunstgattungen. So in den achtziger Jahren auf die zeitgenössischen, damals kaum beachteten deutschen Kunst-Protagonisten. Darunter war der Kunst- und Lebenswilde Martin Kippenberger.

Die Geschichten über die Verbindung zwischen Martin Kippenberger und den Graesslins sind bekannt: Kippenberger ging bei den Graesslins ein und aus, lebte dort phasenweise, betrieb ein Atelier in Sankt Georgen. Doch nicht nur Kippenberger selbst, auch viele seiner Weggefährten und Studenten, darunter Tobias Rehberger, lernten die Gastfreundschaft und die kreativ anregende Atmosphäre bei den Graesslins kennen, schätzen und nutzen.

Tobias Rehberger erinnert sich an einen seiner ersten Besuche Anfang der Neunziger in Sankt Georgen, als Martin Kippenberger wieder einmal eine Nacht mit Mau Mau zum Tag machte, dieses Mal, um mit dem Sammlersohn Jürgen Graesslin erfolgreich um die Finanzierung eines kleinen Katalogs für seine Studenten zu zocken.

1991 eröffnete eine Gruppen-Ausstellung mit einer Arbeit Rehbergers und anderen Studenten Kippenbergers unter dem Titel "Virtuosen ihrer Zeit" in der Galerie von Bärbel Graesslin in Frankfurt. 1995 kaufte die Galeristin die erste Arbeit von Rehberger für die Familien-Sammlung an. Weitere Werke folgten dem Weg in die Kunstkammern der Graesslins und Jahrzehnte nach Kippenberger bezeichnet sich heute auch Tobias Rehberger als Familien-Mitglied: "So sind die Graesslins eben – man hat keine Chance, will vielleicht auch gar keine haben – sie ziehen Dich in die Familie rein."

Ein ganz persönlicher Blick Tobias Rehbergers auf seine Sammler zeigt vor Ort die Arbeit "Anna, Bärbel, Bernadette, Bernward, Christian, Cosima, Karola, Katharina, Rosanna, Rüdiger, Sabine, Thomas" von 1999/2009 – eine auf die Graesslins zugeschnittene Variante der seit 1994 von Rehberger entworfenen Blumen-Vasen-Sets: Gefäße – mal wuchtig, mal fragil, den Charaktereigenschaften der Porträtierten folgend geformt – treffen auf die Lieblingsblumen der Dargestellten. Inmitten des Vasen-Arrangements hier thront Anna Graesslin, die Sammlermutter. Ihre individuellen Blumengewächse biegen sich aus den einzelnen Kanülen des an eine Euter-Form angelehnten Vasenkopfs.

Interessant wäre ergänzend dazu ein weiterer Vasen-Stammbaum: Tobias Rehberger selbst als Vase inmitten der ganzen Künstlerkollegen, wie beispielsweise Günther Förg, Albert und Markus Oehlen und später Christopher Williams und Heimo Zobernig, die hier in Sankt Georgen ein- und ausgingen und -gehen. Vielleicht ist das ein Gemeinschaftsprojekt für lange Schwarzwälder Winterabende, wenn es eher einen Schneepflug als einen Maserati braucht, um den Hang gen Sankt Georgen hinauf zu schnaufen? Gründe für Künstler und Kunstinteressierte, zu den Graesslins zu kommen, gibt es auf jeden Fall zu jeder Jahreszeit und in jeder Schaffensphase viele.

Tobias Rehberger

Kunstraum Grässlin, bis Frühjahr 2015
https://www.sammlung-graesslin.eu/sammlung-graesslin/sammlung/

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