The Ukrainians - Berlin

Quallen über der Krim

Von der Krim bis zum Maidan: Die DAAD-Galerie zeigt in Berlin die erste umfassende Schau ukrainischer Gegenwartskunst

Der Künstler Yuri Leiderman vertritt eine originelle Auffassung zum Thema Krieg. "Die Ukraine und Russland befinden sich de facto im Kriegzustand", doziert er auf der Ledercouch in seinem Atelier in Berlin-Moabit.

"Unter diesen Umständen ist es besser, diesen Konflikt sofort mit aller Kraft auszutragen, anstatt ihn der nachfolgenden Generation zu überlassen." Zumindest fairer und gerechter wäre das, meint Leiderman. Tatsächlich? Sollten wir uns auf neue Großkriege freuen? Ist das künstlerisch-ironische Überhöhung oder Aufruf zum offenen Krieg? Wir wissen es nicht – wie wir überhaupt sehr wenig wissen über dieses Land, über das doch so unendlich viel geschrieben wird.

Fest steht: Jahrzehntelang verbrachten die Einwohner der Ukraine ihren Urlaub auf der Krim – Rücken an Rücken mit Russen und anderen Völkern. Es ist schön auf der Krim, vor allem im Hochsommer. Bestes Badewetter - gäbe es da nicht diese Quallen, die vom Himmel immer wieder auf die ahnungslos Sonnenbadenden herab plumpsen, ähnlich wie die Kröten in dem einstigen Kultfilm Magnolia.

Der Künstler Mykola Ridnyi hat 2009 ein Video über die Krim gedreht, in dem Quallen die Hauptrolle spielen. "Es gibt da Ende August eine Zeit, in der zigtausende tote Quallen am Strand herumliegen", erzählt er in den schmalen Räumen der Berliner DAAD-Galerie, wo das Video zurzeit in Endlosschleife läuft. Einen ironischen, humorvollen Film wollte er produzieren, doch dann wurde er von der Wirklichkeit überrollt: "Genau zum Zeitpunkt unseres Drehs, im Sommer 2009, fand der russische Überfall auf Georgien statt. Insofern gibt es da eine merkwürdige Parallelität – vielleicht mit dem Unterschied, dass der Überfall auf Georgien noch viel brutaler war." Das Video als Vorwegnahme zukünftigen Schreckens. Mykola Ridnyi, 29 Jahre alt, wirkt ein wenig schüchtern und sehr jung, während er an der Wand der DAAD-Galerie lehnt.

Gleich um die Ecke vom Checkpoint Charlie ist hier binnen weniger Wochen von der Kuratorin Bettina Klein eine Ausstellung aus dem Boden gestampft worden, die es in sich hat. Ein knappes Dutzend Künstler bevölkern die Schau "The Ukrainians", angereichert durch Panels, Diskussionen und Lesungen. Die einen berichten, sie hätten 2004 Künstlerstatus erreicht, seit der Orangen Revolution also; die anderen, wie Boris Mikhailov und Jury Leiderman, sind schon eine Generation länger dabei, haben ihrerzeit in Odessa und Moskau gearbeitet und wohnen jetzt in Berlin. Eine solche Dichte ukrainischer Kunst suchte man in Deutschland bisher vergeblich. Wer freilich eine gerade Linie aufspüren möchte, eine Kohärenz jenseits des gemeinsamen Engagements, der findet kaum etwas außer individualistische Gesten und sorgsam gehütete Positionen.

Noch nie waren Künstler so sehr teilnehmende Beobachter ihrer selbst, ihre eigenen Dokumentaristen, wie am Maidan, wo Überwachungskameras und Videokünstler unablässig filmten, als wollten sie keinen Moment dieses historischen Moments verpassen, wenn sie nicht gerade per Facebook oder Twitter verkehrten. Die "erste virtuelle Revolution" sei das gewesen, heißt es, auch wenn vielfach noch mit Pappe und Holz hantiert wurde. Da waren die großen, obsessiven Augen zu sehen, die Oleksandr auf einem Demo-Plakat vor sich hertrug, ein Augenpaar, das der Staatsmacht signalisierte: "Ich sehe, was ihr tut." Nach hinten aber sandte dieses janusköpfige Schild auch eine Botschaft an die Protestierenden: "Wir lieben euch." Nicht schlecht für eine Revolution.

Olesia Khomenko war den ganzen Winter über auf dem Maidan dabei. Sie gehört zur renommierten Künstlergruppe REP ("Revolutionary Experimental Space") und ist noch immer vom eigenen revolutionären Furor ergriffen. "Ich habe mich gefragt, wie ich als Künstlerin zum Gelingen der Revolution beitragen konnte, und dachte dann: Ich tue das, was ich am besten kann, nämlich zeichnen." Nicht den Maidan natürlich, der war ja schon der Ort einer idealen, utopischen Gesellschaft geworden, der war gleichsam selbst Kunstwerk und brauchte keine impressionistische Überhöhung mehr. Also begann sie, die Menschen am Maidan zu zeichnen, ganz einfach mit Papier und Bleistift, wie ein Straßenkünstler. Oft habe sie die Skizzen an die Leute verschenkt, sie hätten sich sehr darüber gefreut und sahen sich bestätigt. Sie habe mit Kohlepapier gearbeitet und so immer eine schwarze Kopie behalten. Darunter auch der erste Märtyrer vom Maidan, ein Armenier mit Schärpe, den sie Tage vor seinem Ableben auf dünnes Zeichenpapier bannte.

Einen ganzen Stapel solcher Skizzen hat Olesia Khomenko nach Berlin mitgebracht. Ästhetische Schmalkost, wie aus der ersten Zeichenstunde an der Kunstakademie, wo doch in Kiew immer noch nach sowjetischer Tradition streng gegenständlich gemalt wird. Sind die simplen Porträts ein nationales Epos in Form einer Straßenzeichnung? Irgendwo zwischen Politik, Pathos und Art Brut? Sind das "The Ukrainians", die die Ausstellung meinte – benannt ursprünglich nach einer britischen Band, die mit Ostrock-Folklore und pseudo-nationalem Ost-Kitsch aufwartete?

Sogar in die Krankenhäuser und Leichenhallen sollen sich die Künstler diesmal eingeschlichen haben. Sie zeichneten Opfer, Schwerverletzte und Tote, Menschen, die, als sie noch lebten, von ihrer Kunst angeblich berührt waren. Doch sind die Künstler jetzt die neuen Frontberichter, ist das Lazarett das neue Atelier? "Postcards from Maidan" – wie Kinderzeichnungen kursierten diese Zeichnungen massenweise im Internet. Sogar Rembrandts Anatomiestunde wurde von jungen Revolutionären per Ölbild nachempfunden.

Umso obskurer das Zeichensystem, das sich die Gruppe REP hat einfallen lassen: sozusagen eine eigene Comicsprache, ein System von Hieroglyphen der Utopie – das Wörterbuch als Sprache der Utopie wird gleich mitgeliefert. Das Huhn steht für Naivität, die Gummistiefel für Fortschritt, ein davoneilender Mann im Anzug für einen fliehenden Präsidenten. Auf einer ganzen Wand der DAAD-Galerie sieht man nun ein solches Mega-Piktogramm mit Hühnchen und Pferden abgebildet. Was das soll, weiß man allerdings nicht so recht. Ein neues Esperanto, wie die REP-Künstler meinen, ist es jedenfalls nicht.

Vielleicht muss das ja so sein: dass die Sprache der Utopie scheitert, weil schon die Utopie nicht näher benennbar ist. Inzwischen steigen auch die ersten Künstler bei REP wieder aus oder sind dabei auszusteigen, so dass sich manche in Berlin nur noch hinter vorgehaltener Hand äußern. Und dann gibt es noch die Generation der Veteranen: Boris Mikhailov, eine Generation älter als die jungen Künstler vom Maidan, hat eine herrliche Performance auf einem Kriegsschiff abgehalten. Dabei ließ er eine golden angestrichene Holzkassette wie eine Schmuckkassette präsentieren, die drei Buchstaben enthält. Es sind genau die drei Buchstaben des ukrainischen Alphabets, die es vom russischen Alphabet unterscheiden – übersetzt bedeuten die Wörter "Fuck". Ist das noch Patriotismus oder schon deutliche Kritik des nationalistischen Wahnsinns?

Humor, Ironie und manchmal Sarkasmus sind ein Markenzeichen der älteren ukrainischen Generation. Yuri Leiderman zum Beispiel, Künstler und Schriftsteller, handelt in seiner Kunst nach einer Logik des Absurden, die keine Logik kennt. Auch er fühlt sich von der Wirklichkeit eingeholt. "Ich habe 2007 Schauspier in Nazi-Uniformen durch die Straßen von Odessa rennen lassen. Aber jetzt ist das Wirklichkeit, bezeichnen sich Linke und Rechte, Nationalisten und Revolutionäre gegenseitig als Nazis. Wer hätte das vor Kurzem noch für möglich gehalten?" Unterdessen spaltet die Frage des Umgangs mit Putin die ukrainische Künstlergemeinschaft. Leiderman hat einen Boykottaufruf gegen die Manifesta initiiert, der mächtig Wellen schlug, eine Biennale, die in diesem Sommer in Sankt Petersburg abgehalten werden soll. Andere, wie der Fotokünstler Boris Mikhailov, sind gegen einen Boykott. So gehen Freundschaften in die Brüche. Bisher wurde die ukrainische Künstlergemeinschaft durch den Druck von außen zusammengehalten; jetzt wirken neue Fliehkräfte.

The Ukrainians

DAAD-Galerie, bis 21. Juni
http://www.daadgalerie.de/