Grossgörschen 35 - Berlin

Das Laboratorium

Es war eine Notgemeinschaft junger Künstler, die vor 50 Jahren in Berlin zusammenfand und die Stadt als Kunstzentrum endlich wiederbelebte

Scharen junger Künstler aus der Bundesrepublik, die dem Wehrdienst entkommen wollten, zog es Anfang der Sechziger nach Westberlin. Denn wer einen Wohnsitz im Westen der damals noch geteilten Stadt vorweisen konnte, musste nicht zum "Bund".

Mit dem Umzug gewannen sie also Zeit und Freiheit, aber mit Ausstellungsmöglichkeiten sah es für die Absolventen der Kunsthochschulen in der Stadt schlecht aus. Es gab keinen Kunstverein und allenfalls vier oder fünf ernstzunehmende Galerien. Wer sich als Maler nicht in dem eher unverbindlichen Jargon des Informel erging, hatte es schwer, seine Arbeiten überhaupt präsentieren zu können. Um die ei­genen, überwiegend figurativen Arbeiten zeigen zu können, gründete vor 50 Jahren deshalb eine forsche, weder politisch noch programmatisch gesonnene Künstlergruppe den Ausstellungsort "Großgörschen 35". Titelgebend war die Adresse des im zweiten Stock einer Gewerbeetage gelegenen Raums. Der heute 73-jährige Markus Lüpertz, einer der Initiatoren von "Großgörschen 35", beschreibt die damalige Situation: "Zu dem Zeitpunkt, als ich nach Berlin kam, war Berlin tot. Es gab ein paar Originalkünstler, die so taten, als würde Heinrich Zille noch leben, das war zum Kotzen. Anschluss an die internationale Kunst gab es nicht. Meine Generation war die erste und einzige, die damit aufgeräumt hat und die Berlin kunstmäßig international angeschlossen hat."

19 Künstler gehörten zu "Großgörschen 35", die meisten waren Studenten oder Absolventen der da­-
ma­ligen Hochschule für Bildende Künste in Berlin. In dem fast lupen­reinen Männerclub debütierten neben Lüpertz Künstler wie K. H. Hödicke, Hans-Jürgen Diehl, Peter Sorge und Hans-Georg Dornhege. Der Frauenanteil ging gegen null, allenfalls Lebensgefährtinnen erhielten später in der vier Jahre währenden Künstlergemeinschaft vereinzelt Präsentationsmöglichkeiten. Da war die Aufbruchsemphase aber schon verpufft und Lüpertz hatte sich vom Acker gemacht.

Zum Jubiläum von "Großgörschen 35" erinnert eine Ausstellung im Haus am Kleistpark an die quasi erste deutsche Produzentengalerie im Berliner Bezirk Schöneberg. Die von Eckhart Gillen kuratierte und der Kunststiftung Poll unterstützte Schau zeigt in den Sälen Arbeiten von 19 Mitgliedern der Gruppe aus den Jahren 1964/65. In den Kabinetten wird die Geschichte der Initiative mit Plakaten, Fotos und Katalogen dokumentiert. Experte Gillen betont das weite stilistische Spektrum der Gruppe, die sich als Notgemeinschaft zusammenfand und doch "das Laboratorium ­einer neuen figurativen Kunst wurde, welche die informelle Kunst ablösen und von hier aus die westdeutsche Kunst bis weit in die Achtziger hinein prägen sollte".

Großgörschen 35

bis 10. August, Haus am Kleistpark, Berlin
http://www.hausamkleistpark.de/index.php/haus-am-kleistpark/ausstellungen-hak