Marina Abramovic - London

Planlos in die 512-Stunden-Performance

In der Londoner Serpentine Gallery gab Marina Abramovic schon mal eine Kostprobe ihrer partizipatorischen Performance "512 Hours" – und ließ art-Korrespondent Hans Pietsch die Unebenheiten einer weißen Wand studieren.

Julia Peyton-Jones und Hans-Ulrich Obrist, Co-Chefs der Serpentine Gallery, hatten zur Pressekonferenz gebeten. Oder vielmehr hatte Marina Abramovic gebeten. Die Grande Dame der Performance-Kunst wollte uns erklären, was sie in den nächsten drei Monaten in der Galerie zu tun gedenke. Und sie wollte uns auch einen kleinen Vorgeschmack der für die Serpentine konzipierten Performance "512 Hours" geben – Marina Abramovic 512 Stunden alleine mit ihrem Publikum in den drei leeren Ausstellungsräumen.

Nicht ganz alleine, wie sich herausstellte. Lynsey Peisinger, ihre Choreografin, und 45 junge Männer und Frauen in Schwarz, die ein fünftägiges Training durchlaufen hatten, würden ihr zur Seite stehen. Wie, das wurde nicht so ganz klar. Außerdem würde die Künstlerin über ein paar alltägliche Requisiten wie Tisch und Stuhl verfügen. Wie sie diese nutzen würde, wusste sie selbst noch nicht.

Und das ist der Punkt: "Ich habe fürchterliche Angst", gestand sie. Noch nie sei sie an eine Performance ohne einen festen Plan herangegangen, hier werde sie völlig frei und offen die Dinge auf sich zukommen lassen. "Das birgt natürlich noch mehr als sonst die Möglichkeit des Scheiterns in sich, das ist es, was mich schreckt", sagte sie.

Im Eingangsbereich der Galerie sind eine Reihe von Schließfächern aufgebaut, 160 an der Zahl. Soviele Besucher dürfen in die Performance, denn sie müssen ihre Taschen, Handys, iPads, Uhren in den Fächern zurücklassen. "Wir planen ständig unsere Zukunft oder reflektieren die Vergangenheit", sagte Künstlerin. "Hier soll es nur um das Jetzt gehen."

Nach einem kurzen Vortrag über Geschichte, Entwicklung und Bedeutung der Performance-Kunst und ihre Rolle in ihr – immer an der Spitze natürlich – sollte die kurze Kostprobe beginnen. Wir Journalisten wurden aufgefordert, unsere Taschen, Handys und Kameras in einem Nebenraum zu deponieren. Auch wir sollten uns ganz im Jetzt verankern. Marina Abramovic, in langem schwarzem Mantel und mit Pferdeschwanz, begann, in den Räumen umherzugehen, gravitätisch, relaxed, aber absichtsvoll. Plötzlich ergriff sie die Hand einer jungen Frau und führte diese an eine der Wände. Die junge Frau musste sich mit dem Gesicht zur Wand stellen und dort verharren. Wie lange? Dann ein Mann mittleren Alters, dann erneut eine junge Frau. Im Nu standen zehn Personen stocksteif an den Wänden.

Dann war ich an der Reihe. Ich hatte versucht, mich abzuwenden, als sie zielstrebig auf mich zusteuerte. Sie muss gemerkt haben, dass ich solchen partizipatorischen Events immer aus dem Weg gehe. Zu spät – sie nahm meine Hand und verschränkte unsere Finger ineinander. Sie führte mich schweigend in den nächsten Raum, an eine andere weiße Wand. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter, die andere auf die Wirbelsäule und flüsterte mir ins Ohr: "Zehn Minuten." Dann verließ sie mich.

Da stand ich nun, alleine, und starrte auf eine weiße Wand. Zehn Minuten lang? Glücklicherweise hatte ich meine Lesebrille auf der Nase und konnte die Unebenheiten der Wand genau studieren, die Schlieren, die der Pinsel des Anstreichers hinterlassen hatte, und die kleinen Schmutzflecken. Ab und zu stellte sich jemand neben mich und starrte mich an. Ich fühlte mich beobachtet. Von dem positiven Energiefluss, von dem Abramovic zuvor gesprochen hatte, keine Spur. Auch war ich neugierig, was sich hinter mir abspielte, und so durchbrach ich nach fünf Minuten den Zauber und drehte mich um. Der Mann neben mir, der erst nach mir hingestellt worden war, hatte ebenfalls genug und verließ frühzeitig seine Wand.

Je länger die Performance dauerte, desto lauter wurde die Unterhaltung derer, die nicht an einer Wand standen. Wir Journalisten sind eben doch Zyniker. Auf der anschließenden Pressekonferenz gab die Künstlerin zu, dass diese Demonstration nicht dem entsprochen habe, was sie während der Performance vorhatte. "Zu viel Struktur", sagte sie, "wir wollen sehr viel freier sein." Alles werde durch ihre Person kanalisiert, das Positive wie das Negative, sie sei dazu da, ihrem Publikum zu dienen. Und dass die Galerie für die nächsten drei Monate ihr Zuhause ist, wie Direktorin Peyton-Jones gesagt hatte, nimmt sie wörtlich: Morgens schließt sie eigenhändig die Tür auf, abends schließt sie wieder ab.

Marina Abramovic: 512 Hours

Serpentine Gallery, London, bis 25. August 2014
http://www.serpentinegalleries.org/exhibitions-events/marina-abramovic-512-hours