Roman Signer - St. Gallen

Steil nach oben

Ein Arsenal an Zündbarem von der Rakte bis zum Gewehr – in einer Werkschau des Schweizer Künstlers Roman Signer wird mit Witz und Zündstoff Banales in Abgründiges verwandelt.

Der Künstler scheint gut gelaunt und zu einem Spaß aufgelegt. Er trägt rote Feu­erwehrhandschuhe und winkt uns zu, bevor er in seinen blauen Piaggio steigt.

Statt zur Spritztour ins Grüne geht es aber abrupt himmelwärts. Das Lieblingsgefährt aller Italiensehnsüchtigen wird um 90 Grad nach oben gekippt. Der In­sasse muss sich dabei vorkommen wie jemand, den man plötzlich mit dem Stuhl umwirft. Eine in jeder Hinsicht unangenehme Erfahrung. Das Video von der Aktion und das Gefährt selbst mit der Schnauze nach oben begrüßen die Besucher der Überblicksausstellung, die Roman Signer im Kunstmuseum St. Gallen eingerichtet hat.
Darin findet sich alles, was das Werk des 1938 in Appenzell geborenen, seit langem in St. Gallen lebenden Künstlers ausmacht: Die alltäglichen Materialien vom Hocker über den Tisch bis zu Fässern, Leitern und Gummistiefeln. Das Arsenal an Zündbarem von der Rakete bis zum Gewehr. Vor allem aber fasziniert der unvergleichliche Blick Signers, der die kleinen Verschiebungen erkennt, die aus dem Banalen Skurrilitäten und Abgründe erstehen lassen.

Skulptur ist bei ihm nicht mehr das Feste, Unveränderliche, sondern ein Prozess aus vielen Momenten,
ein Handlungszusammenhang, der die Veränderung ins Zentrum rückt. Keiner hat uns so sehr gezeigt wie er, dass Skulptur eine temporale Dimension hat, auch da, wo sie unverrückbar erscheint. Gleichwohl ist diesmal alles anders. Denn in vielen neuen ­Arbeiten betritt der Künstler bislang kaum gesehenes Terrain. Die bekannte Sprache dient ihm weniger der skulpturalen Forschung, sie gewinnt eine archaische, existenzielle Dimension. Jetzt rückt unsere anthropolo­gische Situation direkt ins Zentrum. Zeit ist Lebenszeit, Veränderung spielt bisweilen mit bedrohlichen Kräften: Wie bei dem Fahrrad, das festgespannt mit etlichen Gummiseilen, von der Flex geteilt wurde. Wie ein Memento mori liegen nun, zerfetzt in unzählige Teile, Rad, Gummis und Trennscheibe in einem Ausstellungssaal. Schmunzeln darf man trotzdem, die Aktion hat schließlich auch Spaß gemacht.

Roman Signer

bis 26. Oktober,
Kunstmuseum St. Gallen
http://www.kunstmuseumsg.ch/