Les Archives du Reve - Paris

Schöne Überforderung

Nicht nur die Zeichnungen, die Kurator Werner Spies im Zeichnungsarchiv des Musée d'Orsay zusammengetragen hat, laden zum Träumen ein, für die Schau im Musée national de l’Orangerie hat er auch Künstler wie Neo Rauch und David Lynch um einen Beitrag gebeten.

Eigentlich ist das eine echte Überforderung: aus über 80 000 Zeichnungen – darunter zarte Pastelle von Edgar Degas und futuristische Architekturentwürfe von Henry Provensal, Buchillustrationen von Maurice Denis und Gebrauchsgrafik von Émile Gallé – eine kohärente Ausstellung zusammenzustellen.

Genau das muss Werner Spies gereizt haben. Der deutsche Max-Ernst- und Picasso-Experte mit Wohnsitz in Paris versteht sich als Mann des künstlerischen Crossovers. Er verbindet ebenso gern Literatur mit bildender Kunst wie Klassische Moderne mit Zeitgenössischem. Unter dem Titel "Les Archives du Rêve", hat er sich nun dem schier unerschöpflichen Schatz selten gezeigter Papierarbeiten aus der Sammlung des Musée d'Orsay angenommen.

Statt nach einem repräsentativen Querschnitt zu streben, ließ er sich bei der Auswahl von losen Gedankenspielen leiten. Natürlich dürfen die französischen Säulenheiligen, Cézanne, Courbet und Renoir, nicht fehlen. Doch der wahre Zauber dieser Schau entfaltet sich an den Rändern des Bekannten, etwa wenn Spies aus den Tiefen des Archivs die fantastischen Zeichnungen von Carlos Schwabe (1866 bis 1926) ans Licht zaubert, einen symbolistischen Maler, der in Altona geboren wurde und Ende des 19. Jahrhunderts Bücher von Zola und Baudelaire illustrierte. Oder bei der Betrachtung der magischen Nachtbilder von József Rippl-Rónai oder Léon Spilliaert, die den verwischten Fotorealismus von Gerhard Richter vorwegnehmen. So werden wir vom ausgehenden 19. Jahrhundert in die Gegenwart katapultiert.

Dazu hat sich der Kurator noch etwas besonders Schönes ausgedacht. Spies bat 100 zeitgenössische Künstler, dar­unter auch Literaten, Regisseure und Komponisten, sich mit einer eigenen Arbeit auf eine der 200 ausgewählten Zeichnungen zu beziehen. Das reicht von kreativen Kopien (Neo Rauch, Robert Longo) über absurde Gedichte (Herta Müller) und Regieanweisungen (David Lynch) bis zum zeichnerischen Bonmot von Siri Hustvedt, die sich von Cézannes Grünem Krug zu dem Aquarell einer rundlichen Badenden im grünen Einteiler inspirieren ließ. Traumhaft!

Les Archives du Reve

bis 30. Juni,
Musée national de l’Orangerie,
Paris

Vom 22. Januar bis 3. Mai 2015 ist die Schau auch in der Albertina in Wien zu sehen.
http://www.musee-orangerie.fr/