Die Göttliche Komödie - Frankfurt/Main

Der Himmel liegt im Erdgeschoss

Dantes Meisterwerk "Die Göttliche Komödie" dient nur als Anlass, nicht als Reibungsfläche für den bunten, belehrenden Ausstellungsparcours, den Kurator Simon Njami im Frankfurter MMK – Museum für Moderne Kunst inszeniert hat. Hier erkunden 53 afrikanische Künstler Dantes drei Jenseitsreiche Himmel, Hölle und Fegefeuer mit Bezug zur Gegenwart.

Was Kuratoren sich so einfallen lassen: Dantes Göttliche Komödie und mehr oder weniger bekannte Künstler afrikanischer Abstammung – wie passt das zusammen? Gut, auch Dante Alighieri erfuhr die politischen Umbrüche seiner Zeit um das Jahr 1300 am eigenen Leib und floh, in seiner Heimatstadt Florenz mit dem Tode bedroht, ins Exil. Was aber erkennt der Blick aus anderen Kulturen und Religionen in Dantes Lehrgedicht vom Fall und der Läuterung des Menschen im Jenseits?

"Sentimental Negotiations Act V" nennt Joël Andrianomearisoa seine Installation aus zahllosen, in verschiedenen Winkeln aufgeklappten und zu Wandschirmen verbundenen Make-up-Spiegeln. Das Begehren zerfällt in ebenso viele Facetten wie das Bild, das wir uns vom Leben machen – im Diesseits wie im Jenseits. Andrianomearisoa ist nicht der einzige Künstler in der Ausstellung "Die göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler", der Ahnungen, Ängsten und Hoffnungen eine Bühne bereitet. Zoulikha Bouabdellah schneidet ein Stück aus Gebetsteppichen aus und stellt goldglänzende High Heels hinein, Guy Tillim fotografiert unberührt-paradiesische Landschaften und Kader Attia repariert zerbrochene Spiegel mit Draht, als lasse sich der Riss in der Welt und in den Bildern heilen.

Es sind gemischte Gefühle, dunkle Fantasien und in hellem Licht erstrahlende Hoffnungen, angesiedelt zwischen Glaube und Konsum, Armut und Krieg, Mythos und Volksglaube, Ökonomie und Politik, aus denen der Kurator ­Simon Njami im MMK eine Komödie der Irrungen und Wirrungen mensch­lichen Strebens inszeniert hat. Oder ist es doch eine Tragödie? Bunt, überraschend, oft banal, illustrativ und ­belehrend, ist die Schau auf alle Fälle. Ein Kaleidoskop, in dem rund 50 Künstler – in Afrika verwurzelt und ­geprägt von unterschiedlichen Religio­nen und Kulturen – unheilvolle und heilsame Facetten des Glaubens ­beleuchten und zwischen Schicksal, ­Zufall, Leid und Verzweiflung nach Trost und Erkenntnis Ausschau halten.

Und Dante? Im heterogenen Remix von Motiven und Begriffen ist seine Vision des christlichen Jenseits eher Anlass als Reibungsfläche, um in verschiedenen Arbeiten über die verschlungenen Wege des Lebens, über Schuld und Läuterung, Verdammnis und Vergebung nachzusinnen. Kein Wunder, wenn sein Aufstiegsmodell aus Hölle, Fegefeuer und Paradies frech auf den Kopf gestellt wird. Der Himmel liegt im Erdgeschoss, das Fege­feuer lodert darüber, und ganz oben wartet der Höllenkreis. Ob so die neue, weitgefasste Internationalität aussieht, die neben oder gar an die Stelle der europäisch-amerikanischen Kunst tritt? Das Grundrezept von ­Njamis Dante-Remix scheint angesagt zu sein. Man kennt das Leibgericht ambitionierter Kuratoren von Biennalen. Man nehme ein Thema, das alle angeht – das Jenseits –, wähle einen prominenten Bezugspunkt in der ­Geschichte – Dante – und übersetze das Ganze in einen aktuellen, inter­kulturellen Kontext. Voilà, fertig ist das große Theater.

Die Göttliche Komödie – Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler

bis 27. Juli,
MMK – Museum für Moderne Kunst,
Frankfurt am Main

Der Katalog ist im Kerber Verlag erschienen und kostet im Museum 48 Euro, im Buchhandel 65 Euro.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten 
unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.
http://www.mmk-frankfurt.de/de/ausstellung/die-aktuellen-ausstellungen/ausstellung-details/exhibition_uid/12195/