Louise Bourgeois - Zürich

Der Kuss der Spinnenfrau

In Zürich zeigt eine berührende Ausstellung, wie Louise Bourgeois noch im hohen Alter Autobiografisches in große Bildhauerkunst verwandelte und dabei frischer und stärker wirkt als die Arbeiten vieler trendbewusster Youngsters.

Louise Bourgeois ist wieder da. Nicht leibhaftig. Doch in Zürich kann man derzeit noch einmal in das vielschichtige Universum der 2010 gestorbenen Grande Dame der Gegenwartskunst eintauchen.

Oder besser noch: Gedankenfäden spinnen zwischen Paris und New York, Käfig und Kindheitstrauma, Mutterliebe und Materialfixierung, stahlharter Bildhauerei und sofakissenweicher Psychoanalyse. Die Ausstellung "Die Spinne und die Tapisserien" der Galerie Hauser & Wirth wurde von Bourgeois’ langjährigem Assistenten Jerry Gorovoy zusammengestellt und konzentriert sich auf Skulpturen und Textilarbeiten aus den Jahren 1996 bis 2008, eine Zeit, als sich die Künstlerin mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Wie unglaublich kreativ die über 90-Jährige bis zu ihrem Tod blieb, zeigen gerade diese späten Plastiken. Wuchtige Köpfe aus blumenbestickten Gobelins, geometrische Säulen aus zerschlissenen Wandbehangstoff, filigrane Spinnenfrauenwesen aus Edelstahl und Stoff und immer wieder käfigartige Konstruktionen mit mysteriösen Erinnerungstücken. Besonders die lebensgroßen Köpfe, die Bourgeois aus Stoffresten geformt hat, strahlen mit ihrem anatomischen Eigenheiten, dem textilen Muster-Patchwork und den groben Nähten eine expressive Kraft aus, die einen gleichzeitig grinsen und erschaudern lässt.

Die Künstlerin hat ihn ihrem Werk immer wieder Kunstgeschichte mit persönlicher Geschichte verwoben. So spielen auch diese Skulpturen in ihren massiven Vitrinen mit den gängigen Displaytechniken klassischer Marmor- oder Bronzebüsten. Die Tatsache, dass die Köpfe aus Stoff sind und Gebrauchsspuren tragen, nimmt ihnen die Erhabenheit. Sie sehen aus wie versehrte Puppen, deren Oberfläche von Verlust und Vergangenheit erzählt.

Die Vorliebe für das textile Material trägt bei Bourgeois autobiografische Züge. Die Künstlerin wurde 1911 in eine großbürgerliche Familie geboren, die in Paris eine Galerie und Reparaturwerkstatt für antike Tapisserien betrieb. Als Kind litt sie unter der Strenge der Mutter und der Untreue des Vaters. In ihrer Kunst spielen später Themen wie männliche Potenz, weibliche Ohnmacht und die kindliche Angst vor dem Verlassenwerden immer wieder eine zentrale Rolle. Manche Kritiker halten ihre Käfig-Environments für "Gefängnisse der Leidenschaft", andere sehen darin "typisch weibliche Bewältigungskunst". Bermerkenswert ist, dass Bourgeois sich dieser Themen annahm, lange bevor die Frauenbewegung feministische Kunst hoffähig machte. Angesichts der großen Anerkennung, die Louise Bourgeois in den letzten Jahren erfuhr, mit Ausstellungen in London, Berlin und jetzt gerade wieder auf der Manifesta in St. Petersburg, vergisst man leicht, dass sie als kompromisslose Kunstpionierin jahrzehntelang ein Schattendasein führte. Als "artist’s artist" wurde sie von vielen Kollegen geschätzt, doch im offiziellen Kulturbetrieb hatte sie kaum Gewicht. Das änderte sich erst 1982 mit der Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art – der ersten Einzelschau einer Frau in der Geschichte des MoMA. Damals war Bourgeois schon 71 Jahre alt. Und es wurde der Startschuss für ihr atemberaubendes Spätwerk, dass frischer und stärker wirkt als die Arbeiten vieler trendbewusster Youngsters.

Zeitlebens sammelte Louise Bourgeois alle Arten von Textilien. Das Sezieren und Reparieren von gewebtem Material blieb für sie ein Lebensthema – und Therapie zur Verarbeitung der Kindheitstraumen. "Gewalt kann durch Restaurierung rückgängig gemacht werden. Zum Glück komme ich aus Familienverhältnissen, in denen der Schaden an Tapisserien repariert wurde, und diese Idee des Reparierens ist bei mir geblieben. Die Dinge können heil gemacht werden", schreibt sie in ihrem Tagebuch. Wer durch die Zürcher Ausstellung geht und am Ende vor dem gerahmten Leinentuch landet, auf das sie mottenzerfressene Reste eines Wandteppichs liebevoll aufgenäht und mit Händen, Füßen und weiblichen Brüsten verziert hat, erkennt, dass ihr zumindest in der Kunst diese Heilung gelungen ist.

Louise Bourgeois: L’araignée et les tapisseries

bis 26. Juli, Hauser & Wirth, Limmatstraße 270, Zürich, Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–17 Uhr, Eintritt frei.
http://www.hauserwirth.com