Lichtbilder - Frankfurt

Fotopioniere im Städel

Das Städel-Museum hat in den letzten Jahre wichtige Fotoarbeiten angekauft – jetzt ist erstmals ein Überblick über frühe Fotokunst zu sehen.

Wer die Aufnahme sieht, die der englische Jurist und Fotograf Roger Fenton 1857 vom British Museum in London gemacht hat, kommt nicht umhin, die kompositorische Finesse zu bestaunen, mit der er die kalte Monumentalität des Motivs untergräbt.

Rechts unten, geradezu winzig, platzierte er eine Mutter mit Kind. Dreizehn Jahre später hatte der italienische Reise- und Architekturfotograf Carlo Naya eine Manipulationstechnik erfunden, die Aspekte des heutigen Photoshop vorweg zu nehmen scheint: Auf der Grundlage von mehreren unterbelichteten Negativen, die er zusammenfügte und mit einer bläulichen Farbe überzog, erfand er das gefakte Nachtbild. Kurz darauf fotografierte Léon Vidal einen italienischen Dolch aus dem 16. Jahrhundert dessen silbrige Schneide auf geradezu wundersame Weise vor dem roten Tuch, auf dem er liegt, zu schweben scheint. Zur Herstellung dieser frühen Farbfotografie hatte Vidal einen beachtlichen Aufwand getrieben, indem er Schwarz-Weiß-Negative in mehreren Schichten mit Farbpaletten bedruckte. Doch wer kennt schon Fenton, Naya oder Vidal?

Natürlich sind unter den Fotopionieren, die das Städel derzeit unter dem Titel "Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960" präsentiert, auch bekanntere Namen. Der Brite Eadweard Muybridge zum Beispiel, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Verfahren entwickelte, das vom menschlichen Auge nicht nachvollziehbare Bewegungsabläufe sichtbar macht, ist nicht nur Fachleuten ein Begriff. Mithilfe von zwölf bis 36 sukzessive auslösenden Kameras machte er erstmals das Galoppieren eines Pferdes oder das Laufen eines Menschen sichtbar, indem er die Aktionen in einzelne Standbilder zerlegte.

Auch August Sander, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten auf dokumentarisch-sachliche Art porträtierte, gehört längst zu den berühmtesten Künstlern der Welt. Und doch – das zeigt die Schau, die mit zirka 160 Arbeiten ausschließlich Werke aus der eigenen Sammlung präsentiert – weiß man erstaunlich wenig über die Anfangsjahre eines Mediums, dessen Rang als künstlerische Ausdrucksform bis vor wenigen Jahrzehnten noch heftig angezweifelt wurde.

Ein interessanter Zufall will es, dass das Städel Museum 1845 das erste Kunstmuseum war, das Fotografie ausstellte. Dies lässt sich aus einer Anzeige des Fotografen Sigismund Gerothwohl im "Frankfurter Intelligenz Blatt", dem amtlichen Mitteilungsblatt der Stadt, schließen, wo der Künstler "Lichtbilder auf Papier" ankündigt. Fotografie-Ausstellungen hatte es bis dahin nur in Industrie-, Gewerbe- und Weltausstellungen gegeben.

0Mit dem systematischen Sammeln von Fotoarbeiten hat man im Städel allerdings erst vor wenigen Jahren begonnen, als die DZ-Bank einen Teil ihrer Sammlung ins Museum brachte. Möglich wurde die aktuelle Schau aber erst durch den Erwerb bedeutender Konvolute aus den Sammlungen von Uta und Wilfried Wiegand 2011 und Annette und Rudolf Kicken 2013. Zusammen mit den Beständen des Hauses ermöglichen sie einen erhellenden Überblick über die Anfänge der (Kunst-)fotografie. Zu sehen sind unter anderem Sehnsuchtsbilder aus Italien wie die pittoresken Landschaftsaufnahmen von August Alfred Noack oder die abstrus gestellten Genreszenen, die Georgio Sommer von Neapolitanern beim Entlausen oder Makkaroni-Essen (mit den Händen!) anfertigte. Oder kühne Architekturfotografien von Werner Mantz, die die Ära des Neuen Bauens auf kongeniale Weise widerspiegeln, sowie sachlich-nüchterne Maschinenbilder von Albert Renger-Patzsch. Ein Highlight der Schau sind die skurrilen Verfremdungseffekte der 1949 gegründeten Gruppe fotoform, deren Schlüsselfigur Otto Steinert die Realität nicht einfach wiedergeben, sondern durch den experimentellen Einsatz neuer Techniken wie Fotogramm, Luminogramm und Negativmontage verfremden und auf aufregende Weise neu formen wollte. "Subjektive Fotografie" lautete die Losung, und wer wissen möchte, was damit gemeint ist, schaut sich am besten Steinerts "Ein-Fuß-Gänger" von 1950 an: ein Baumstamm auf einem Gehweg, ein vertrocknetes Herbstblatt daneben – und ein Fußgänger, der bis auf den rechten Schuh vollkommen in seiner eigenen Bewegungsunschärfe verschwunden ist.

Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960

Frankfurt am Main, bis 5.10.2014
http://www.staedelmuseum.de/sm/index.php?StoryID=1990