Aufgeblasen - Berlin

Aufgeblasen

Aufblasbare Skulpturen überwinden die Schwerkraft und erinnern an Kaugummi und Hüpfburgen. Eine Reise durch die Welt aufgeblasener Kunst anlässlich der Berliner Otto Piene-Ausstellungen.
In Otto Pienes Fußstapfen:Otto Piene und Co. wollen hoch hinauf

Eine aufblasbare Skulptur, die Massen begeistert: Florentijn Hofmans Gummiente kommt im September 2013 in Taiwan an

Otto Piene will die Blicke der Menschen in den Himmel lenken – so wie jetzt wieder mit seinem Sky Art Event in Berlin: Piene lässt drei 90 Meter hohe, sternenförmige Luftskulpturen vom Dach der Nationalgalerie aufsteigen.

Schon in den fünfziger Jahren erfand er deshalb die Sky Art Events und schickte aufblasbare Skulpturen in die Luft. Der Himmel wurde erobert und bespielt. Doch der Mitbegründer der Avantgarde-Gruppe ZERO schuf nicht nur neue Räume für die Kunst, sondern sprengte mit seinen Experimenten auch alle künstlerischen Grenzen und ersetzte Pinsel und Leinwand durch Licht, Feuer, Rauch und Luft. Seine bahnbrechenden utopischen Visionen zeigen jetzt gleich zwei Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie und der Deutsche Bank KunstHalle. Viele weitere Künstler sind in Otto Pienes Fußstapfen getreten und verwenden Luft als künstlerisches Material.

Schwebende Ballons, aufgeblasene Landschaften und fliegende Objekte: Für aufblasbare Skulpturen hat sich der englische Begriff „Inflatable“ etabliert. Inflatables fangen das überirdische, unendliche Material Luft ein und bannen es in vielfältige Formen der Körperlichkeit. Einige wirken wie eine groteske Übertreibung, wie Florentijn Hofmans überdimensionierte Spielzeuge. Seine gigantische Gummiente schickte er auf Weltreise. Mit kindlicher Zufriedenheit schwamm sie von Hafen zu Hafen und zog tausende Besucher an. Auch der Partyhut-tragende Frosch auf den Dächern von Kobe (Japan) oder die tote Fliege in Querétaro (Mexiko) lassen die Passanten innehalten.

Luftskulpturen thematisieren einen uralten Menschheitstraum: Zauberhafte Geschichten vom Fliegen erzählt uns Héctor Zamora mit seinen Arbeiten. Auch wenn der eingeklemmte Zeppelin in den Gassen Venedigs an eine ungemütliche Landung denken lässt, so geben seine sich aufrichtenden Fallschirme Raum für den Aufstieg. Auch Plastique Fantastique, die sich aus Architekten, Bildhauern und Designern zusammengeschlossen haben, kreieren wundersame Konstrukte aus Luft. Ob ein Riesenrettungsring im Wasser oder aufgeblasene Röhren, die Fußgängerzonen verstopfen – mit ihren organischen Formen weisen sie auf die Vergänglichkeit ihrer urbanen Umwelt hin. Während hier ein Dialog mit der Stadt entsteht, hebt das Künstlerpaar Sabina Lang und Daniel Baumann, kurz LB, die Grenze zur Architektur auf: Sie bauen ganze Wände aus Luft, die an aufgestellte Luftmatratzen erinnern. Noch höher hinaus geht es meist bei Tomás Saraceno: Der Künstler verwendet Luft, um Wolken, Inseln und Zufluchtsorte zu kreieren, die von den Besuchern bestiegen werden können.

Luft ist überall, sie umhüllt und durchdringt alles. Luft ist meist geschmacklos, geruchlos und kaum wahrnehmbar. Inflatables lassen dem Element jedoch nicht seinen sphärischen Charakter, sondern machen es sichtbar. Auch Jeff Koons und Erwin Wurm tun das und pusten bereits seit langer Zeit ihre Arbeiten auf. Koons entnimmt seine Skulpturen direkt dem Schwimmbadespaßmarkt und baut diese häufig in Chrom und Stahl nach. Wurms Figuren, Autos und Häuser scheinen zu viel gegessen oder sogar die gesamte Welt verschluckt zu haben. Häufig bekommen Objekte als Inflatable eine unterhaltsame, kindliche Komponente. Wohingegen Hofman und Koons gewaltfreies Spielzeug aufblasen, widmet sich Michael Sailstorfer dem Kriegerischen und schuf eine Panzerattrappe. Aufgepustet erscheint jedoch auch diese eher harmlos: eine Hüpfburg für Spiel und Spaß.

Die Verwendung von Luft als künstlerisches Material begann 1919 mit Marcel Duchamps Air de Paris, gefangener Pariser Luft in einer Glasphiole. Ende der fünfziger Jahre knüpfte Piero Manzoni daran an und füllte einen Luftballon mit seinem Atem. Viele Künstler nutzen für ihre Arbeiten dieses wohl ursprünglichste Inflatable. Ob leuchtende Quallen, putzige Raupen, langstelzige Flamingos oder schlafende Pinguine – Jed Berk zaubert mit Ballons einen ganzen Zoo. Sina Geinert knotet mit den altbekannten Schlauchballons nicht wie Jeff Koons den klassischen Pudel, sondern kreiert eine Modekollektion. Die Bildhauerin Katrin Wegemann bringt die Ballons sogar zu einer Aufführung und inszeniert eine auf- und absteigende Choreografie silber reflektierender Kugeln im Raum. Die Endlichkeit von Luftballons wird deutlich, wenn diese Künstlerin ihre Arbeiten nicht nur aufbläst, sondern zum Platzen bringt. 280 Sekunden dauert die Spannung, die sich dann in einem großen Knall löst.

Ähnlich wie die Ballons von Katrin Wegemann schweben die Tüten von Nils Völker durch den Raum. Als rauschende Welle in einem Kirchenschiff oder als ein atmender Rhythmus – ein stetes Werden und Vergehen. Den Bezug auf den Atem und das Leben nutzen viele Luftkünstler. So tauchen die Wesen von Joshua Allen Harris wie aus dem Nichts auf. Polarbären, Monster, Insekten. Sie hängen meist an Lüftungsschächten und nutzen den dort entstehenden Luftstoß, um sich aufzubäumen. Ebenso schnell, wie sie erscheinen, sind sie wieder verschwunden, und man muss auf die nächste U-Bahn warten. Auch Stefan Demmings Gemüse wächst und vergeht. Durch Gebläse füllen sich die Pilze, Blumen und Zwiebeln mit Luft, erschaffen ein Zauberfeld und fallen dann wieder in sich zusammen.

Mit Otto Pienes Sommerausstellungen kehrt der Wegbereiter der Inflatables zurück und die Besucher werden abermals in den Himmel aufschauen: Drei seiner riesigen sternförmigen Luftskulpturen steigen bei dem „Sky Art Event“ am 19. Juli in den Berliner Nachthimmel auf.

Otto Piene: More Sky

Neue Nationalgalerie
Samstag, 19. Juli 2014
17 bis 3 Uhr

http://www.ottopieneinberlin.de/index.php?id=1771

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