Triennale & Artissima

Turin

Saturnische Melancholie
Passend zum Triennale-Motto "50 Monde des Saturn": Olafur Eliassons "Your space embracer", 2004 (Foto: Brändström & Stene 2004, © Olafur Eliasson 2004, Courtesy Neugerriemschneider, Berlin, und Tanya Bonakdar Gallery, New York)
SATURNISCHE MELANCHOLIE
Turin hat schon lange mehr zu bieten als nur den Fußballclub Juventus und den Hauptsitz von Fiat. Der neue Standortfaktor ist die zeitgenössische Kunst. Am Wochenende eröffneten die zweite Turin-Triennale, kuratiert von Daniel Birnbaum – und zeitgleich fand die Kunstmesse Artissima statt. art war vor Ort.
// UTE DIEHL, TURIN

Drei große Institutionen, das Schloss Rivoli, die Stiftungen Sandretto und Torino Musei widmen sich in Turin ausschließlich der aktuellen Kunst. Unterstützt wurden sie bisher unter anderem von der Stadt, der Region Piemont, der Bank San Paolo und der Turiner Sparkasse. Doch jetzt riskiert ein Viertel aller Unternehmen im norditalienischen Piemont die Schließung.

Für den 21. November steht Turin ein Generalstreik bevor. Bei Fiat und seinen Zulieferungsbetrieben macht sich Angst breit. Michelin hat seine Produktionsstätte bereits geschlossen. Für rund 2000 Arbeiter der historischen Autowerke Bertone und Pininfarina gibt es nichts mehr zu tun. "In schweren Zeiten ist es besser, eine Kunstausstellung weniger zu machen und dafür einen Kindergarten einzurichten", meinte Turins linker Bürgermeister Chiamparino.

Vor ein paar Tagen ging in Turins Straßen und Plätzen wieder die traditionelle, von Künstlern erdachte Weihnachtsbeleuchtung, "Luci d’artista", an. Auch darüber hatte es im Stadtrat Auseinandersetzungen gegeben. "Ich war glücklich, als die Lichter angingen", erzählt ein Taxifahrer, "psychologisch war das sehr wichtig." Die Turiner Triennale für zeitgenössische Kunst findet nun zum zweiten Mal statt. Stadt, Region und Banken waren sich einig, die Finanzmittel nicht zu kürzen. Leiter der T2-Triennale ist Daniel Birnbaum. Als er vor sechs Monaten ernannt wurde, konnte er noch nicht ahnen, wie passend sein Thema der "saturnischen Melancholie" bei der Eröffnung sein würde. "50 Lune di Saturno" (50 Monde des Saturn) ist der Titel seiner Triennale. "Die Melancholie ist zwar eine düstere, aber eine produktive Gemütsverfassung", ermutigte Birnbaum in seiner Eröffnungsrede die Vertreter der Banken und der Turiner Stadtverwaltung, "sie ist überhaupt die Voraussetzung für Kreativität."

Schattenspiele von Vergewaltigungsszenen

Und rund um den Saturn kreisen in Turin 50 Künstler-Monde. Zwei dürfen besonders stark leuchten: Olafur Eliasson, 41, und Paul Chan, 35. Eliasson hat in einem großen, backsteinüberwölbten Saal im Schloss von Rivoli zwei Werke aus verschieden großen Plexiglasringen aufgehängt, die von zwei Scheinwerfern angestrahlt und farbige Kreise und Linien über die Wände werfen. Und während dieses kühle Spiel des Lichts den Betrachter in eine gelassene Stimmung versetzt, führt uns der Südkoreaner Paul Chan in die Hölle. Er zeigt in der Stiftung Sandretto Schattenspiele von Vergewaltigungsszenen, von Marquis de Sade mit nervösem Voyerismus verfolgt und auf großen Bildschirmen spielen sich in der Ästhetik von Videospielen apokalyptische Szenen ab, ein Töten und Vernichten in krankhaftem Wiederholungszwang.

Eigentlich stamme der Triennale-Titel von Wolfgang Tillmans, sagt Birnbaum, und von ihm ist denn auch eine schöne, melancholische Foto-Installation zu sehen. Ganz nah am Thema ist auch der polnische Maler Wilhelm Sasnal, 36, der nicht nur Saturn gemalt hat, sondern auch ein Mädchen mit aufgestütztem Kopf, gleich Dürers "Melenconia" und den Widerschein des Mondes im Wasser der Wechsel vor der nächtlichen schwarzen Silhouette seiner Heimatstadt Krakau. Nostalgie gehört zum melancholischen Gemütszustand. Der Pole Robert Kusmirowski, 35, hat einen Großcomputer aus den fünfziger Jahren nachgebaut, der einen ganzen Raum einnimmt. Darin bewegt sich der Künstler, durch eine Glaswand vom Betrachter getrennt, in mathematische Berechnungen versunken, weit von der Gegenwart entfernt.

Starker Naphthalingeruch entströmt einer großen Mottenkugel, die der Südkoreaner Koo Jeong-A am Museumseingang von Rivoli plaziert hat. 15 junge italienische Künstler nehmen an der Triennale teil. Der Sizilianer Alessandro Piangiamore, 32, hat eine Landschaft mit Regenbogen gemalt, der aber vom Himmel gerutscht aus dem Bild hängt. Lara Favaretto lässt verschiedenfarbige Rotationsbürsten, wie man sie von Autowaschanlagen kennt, auf Hochtour laufen und Alberto Tadiell, 25, leitet durch ein an der Wand angeordnetes System von Transformatoren, Steckern und elektrischen Leitungen Stromstöße.

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