Art is Therapy - Amsterdam

Der Post-it-Philosoph

Der britische Philosoph Alain de Botton will Museumsbesuchern die Kunst wieder näher bringen – dafür hat er 150 Post-it-Zettel im Amsterdamer Rijksmuseum aufgehängt. Die Kunst soll Besucher heilen.

Nachdenklich betrachtet die Frau das liebevoll gemalte Schälchen mit den Walderdbeeren ein zweites Mal. Sie hat gerade die Informationen neben dem Stilleben gelesen.

Nicht die auf dem kleinen weißen Schildchen, das in Museen üblicherweise unauffällig neben einem Kunstwerk hängt: wann das Bild gemalt wurde, in welchem Stil und von wem. Nein, die auf dem großen gelben Zettel, der unübersehbar darüber hängt - wie ein überdimensionales Post-it, das jemand im Vorrübergehen an die Wand geklebt hat.

“Irgendwie bezieht man das ja sofort auf sich selbst”, meint die Niederländerin mit einem kleinen Seufzer, während sie sich zum nächsten Gemälde begibt, im Gefolge ihre Freundinnen, die bestätigend nicken: “Das gibt einem schon ganz schön zu denken!”

Wäre Alain de Botton Zeuge dieser Szene geworden, er hätte vermutlich ein paar triumphierende Freudenschreie von sich gegeben: Genau diesen Effekt will der ebenso umstrittene wie beliebte Philosoph mit seiner Post-it-Aktion im Amsterdamer Reichsmuseum bewirken.

150 solcher großer gelber Zettel hat er überall im Gebäude verteilen dürfen. 150 Zettel mit 150 verschiedenen Klagen und Problemen, wie sie Psychotherapeuten in ihren Praxen tagtäglich hören: angefangen bei Liebeskummer über Minderwertigkeitskomplexe bis hin zu Ängsten, Suchtproblemen oder Stress. Und wie man sie mit Hilfe von Kunstwerken wieder los werden kann.

Zum Beispiel den Walderdbeeren von Adriaen Coorte aus dem Jahre 1696: “Ich bin nicht mehr verliebt in dich, ich will die Scheidung”, lautet das Problem. In dicken schwarzen Lettern steht es auf niederländisch und englisch auf dem gelben Zettel. Und darunter de Bottons Therapievorschlag: “Coorte weist uns auf die außergewöhnliche Schönheit der Erdbeeren. Er erinnert uns daran, dass wir manche Dinge zu schnell als selbstverständlich betrachten. Was er mit den Erdbeeren tut, sollten wir mit vielem in unserem Leben tun. Vor allem mit unseren Geliebten.”

Kunst als Therapie. So lautet auch der Titel eines Buches, das de Botton zusammen mit seinem Landsmann, dem Kunsthistoriker John Armstrong veröffentlicht hat. Darin lassen die beiden kein gutes Haar an den musealen Präsentationsformen von Kunst, nämlich chronologisch nach Stilen und Epochen geordnet, wie es seit dem 19. Jahrhundert üblich ist. Worüber der Besucher, ebenfalls wie es sich gehört, auf kleinen weißen Schildchen belehrt wird. “Sinnlos und störend”, findet de Botton. Denn damit, so wettert er, “wird der Besucher aufgefordert, das wichtig zu finden, was Kunstelite und akademische Kunstwelt für wichtig halten!” Als ob sich der Durchschnittsmuseumsbesucher über Kunstströmungen den Kopf zerbreche! Diese Angaben würden ihn nicht nur überfordern, sondern - noch schlimmer - vom Eigentlichen ablenken: Kunst unvorhereingenommen auf sich einwirken zu lassen. Um sich ihren therapeutischen Effekt zunutze zu machen. Denn das, so de Botton, sei die Daseinsberechtigung von Kunst: “den Menschen durchs Leben helfen. Das wussten schon die alten Griechen. Sie nutzten die Kunst, um bessere Menschen zu werden.” Doch anno 2014 sei das vollkommen in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt durch den Siegeszug der l’art pour l’art-Maxime.

Mit seinen 150 Post-its will der britische Philosoph die Menschheit wieder an den therapeutischen Effekt von Kunst erinnern und die Inhalte seines Buches in die Tat umsetzen. Auslöser war ein Besuch in Amsterdam anlässlich der Wiedereröffnung des renovierten und umgebauten Reichsmuseums 2013: De Botton traf dort auf den ebenso glücklichen wie stolzen Museumsdirektor Wim Pijbes und teilte ihm mit, was er von der Neueinrichtung seines Hauses hielt – nämlich nichts. Wobei er nicht mit der Reaktion des pragmatischen Niederländers gerechnet haben dürfte, dem Angst vor Experimenten fremd ist. Denn Pijbes hörte sich alles geduldig an und meinte dann nur: “Okay, mach’s besser!”

Was sich de Botton nicht zweimal sagen ließ. Schon im Treppenhaus versucht er mit einer ersten Lektion die Museumsbesucher umzuerziehen: “Menschen, die es normal finden, ins Fitnessstudio zu gehen”, steht da, “schrecken möglicherweise davor zurück, in einem Museum genauso hart an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten wie an ihrer körperlichen Kondition.”

Noch belehrender wird der Ton in der Ehrengalerie bei Vermeers “Sträßchen in Delft”: “Das wirkliche Leben findet woanders statt!”, lautet hier das Problem. Und: “Ich habe eine nicht angebrachte Sehnsucht nach Glitter und Glamour.” De Bottons Antwort: “Auch das Normale kann Besonders sein. Das Haus versorgen, den Hof kehren, ein Auge auf die Kinder haben – darum geht es im Leben. Das erzählt uns dieses Bild.”

Wer darunter zu leiden glaubt, dass er sich keine schönen Dinge leisten kann, sollte sich die kleine chinesische Schale aus dem 12. Jahrhundert anschauen, die aufgrund ihrer Schlichtheit oft übersehen werde. Die mache ihm klar, “dass Dinge auch aufgrund ihrer reinen und eleganten Form wertvoll sein können und nicht alleine deswegen, weil sie viel Geld kosten”.

Noch eine Lektion, dieses Mal vor dem Interieur der St. Odulphuskirche in Assendelft, ein Werk, wie es für Pieter Jansz Saenredam typisch ist: Das bringe dem Betrachter bei, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: “In meinem Leben dreht sich alles ums Geschäft, um Ablenkung, Chaos, Twitter”, lautet die Beschwerde. Und de Bottons Therapievorschlag: “Wer ein ausgewogenes Leben führen will, braucht Ruhe, Konzentration und Regelmaß. Lass’dich nicht ablenken, das kann dein Leben ruinieren! Sammle nicht zu viele Dinge an, lass los, was du nicht wirklich brauchst!”

Und was ist mit Rembrandts Nachtwache? Welche Probleme thematisiert das Prunkstück des Reichsmuseums? Einsamkeit und Angst vor übervollen Orten, findet de Botton. “Ich wollte, es wären weniger Menschen hier”, lautet die Klage. Die Reaktion des Philosophen: “Du stehst in einer Menge, und du betrachtest eine andere Menge. Aber deine Menge, das ist der große Unterschied, ist anonym.” Der Betrachter, davon ist de Botton überzeugt, würde viel lieber Teil der anderen Menge sein: dieser Gruppe von Menschen, die unter der Leitung ihres Kapitäns Frans Banninq Cocq des Nachts durch die Straßen ziehen, bei Wind und Wetter, um zusammen für Ordnung und Sicherheit zu sorgen: “Wenn wir könnten, würden wir uns ihnen gerne anschließen. Weil Kameradschaft unendlich viel wichtiger ist als Bequemlichkeit und Komfort.”

Da dürften ihm sehr viele Museumsbesucher zustimmen. Allerdings: Nicht alle lesen die Zettel. Manchmal liegt es daran, dass sie zu weit unten oder zu weit oben hängen. Aber selbst in Augenhöhe entgehen sie so manchem Besucher noch: “Oh, thanks, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben”, sagt die Kunstgeschichtsstudentin aus Texas. “Wie hieß der Philosoph doch gleich wieder?”

Andere lesen sie aus Prinzip nicht. So wie der junge Mann aus Deutschland: “Das kostet mich viel zu viel Zeit!”, winkt er ab. Womit er Recht hat. Mindestens eine Minute pro Post-it muss man schon einkalkulieren, mal mehr mal weniger. Anders ausgedrückt: Wer alle 150 lesen will, braucht dazu zweieinhalb Stunden. Mindestens.

Zu diesem Resultat kam auch eine Rezensentin der renommierten niederländischen Tageszeitung Volkskrant, die mit stopwatch anrückte: “nicht mitgerechnet die Zeit, die ich brauche, um mich von Bild zu Bild zu begeben. Und ohne ein einziges Bild betrachtet zu haben!” Sie empfand die Post-it-Aktion als Beleidigung, de Botton mache Museumsbesucher zu “infantilen Opfern”.

Das ist denn auch der meistgehörte Kritikpunt, den der Brite einstecken muss: Er klagt darüber, dass der Museumsbesucher zu sehr von der Kunst abgelenkt wird - lenkt aber selbst ab. Er wettert über die Bevormundung der Kunstelite - und bevormundet selbst. Und er verkündet zuweilen Binsenwahrheiten: Kann jemandem, der nicht von selbst entdeckt, dass ein Kircheninterieur von Saenredam einen beruhigenden Effekt haben kann, wirklich noch geholfen werden?

Andererseits: Manchmal muss man übertreiben und übers Ziel hinausschießen, um Dinge in Bewegung zu bringen. Und um festzustellen, wieviel in Bewegung kommen muss, dazu braucht man sich als Museumsbesucher nur umzusehen: Unglaublich, wieviele Menschen als erstes auf das Schildchen neben dem Gemälde schauen und erst dann entscheiden, ob es das Kunstwerk wert ist, näher betrachtet zu werden! Fühlen Sie sich jetzt auch ertappt? Und die Gruppe übermütiger junger Touristen aus Spanien, die sich vor der Nachtwache versammelt haben, um sich auf Selfies zu verewigen – haben sie die Kompagnie von Frans Banninq Cocq überhaupt eines Blickes gewürdigt? Sie rennen bereits zum nächsten Bild, für ein weiteres Selfie, dieses Mal mit Vermeers Milchmädchen.

Alain de Botton hat recht. Das Kunstwerk sollte wieder zur Hauptsache werden. Und wenn es dazu einen Umweg über gelbe Post-its braucht – prima.

Art is Therapy

Amsterdam, Rijksmuseum
bis 7. September 2014
https://www.rijksmuseum.nl/en/art-is-therapy

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