Koki Tanaka - Interview

einen Blick auf uns selber werfen

Koki Tanaka lässt Friseure, Töpfer und Pianisten für seine Videos zusammenarbeiten. Für art erklärt er, warum Teamwork das große Thema seiner Werke ist.

Koki Tanakas Videos zeigen Personen, die gemeinsam die gleiche Tätigkeit ausführen: Sie spielen zusammen auf einem Klavier ein Stück oder neun Friseure kreieren einer Frau gemeinsam eine Frisur.

Auch seine Installationen und Performances drehen sich stets um soziale Beziehungen.

Ihre Werke bringen die Schwierigkeiten und Widersprüche kollektiven Handelns zum Ausdruck. Warum schaffen Sie diese sozialen Momente?

Nicht nur Friseure oder Pianisten, auch Töpfer oder Dichter habe ich zusammengebracht. Alle Projekte sind Teil einer fortlaufenden Serie. Es geht jedes Mal um den Prozess der Kollaboration, darum, wie alle Beteiligten in einer Situation mit offenem Ende zusammenarbeiten. Wenn sie sich als temporäre Gruppe treffen, sind sie zunächst erfreut über die Idee zu kollaborieren. Aber jeder von ihnen hat einen anderen Hintergrund, jeder hat eine andere Vorstellung von seinem Beruf, von "Kunst" und davon wie "Kunst gemacht wird". Dabei entstehen unerwartete Momente für jeden Teilnehmer. Sie müssen sich darüber äußern, was sie vom Haareschneiden, von der Töpferei, von Musik oder von Dichtung denken. Zu Beginn eines Videodrehs gebe ich den Gruppen immer ein selbstreflektives Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen sollen. Beim Piano-Video zum Beispiel war das Thema "sound track for collective engagement”, was schließlich genau der Situation entspricht, mit der die Gruppe konfrontiert war: Alle sollten gemeinsam auf einem Klavier spielen.
Die Gruppe der Töpfer setzte ich aus Profis zusammen. Sie waren schließlich diejenigen, die am meisten aneinandergerieten. Irgendwann im Laufe dieses kollaborativen Prozesses weigerte sich einer der Töpfer, weiterzumachen, und er begann, darüber zu sprechen, was ihn hinderte. Ich glaube, Scheitern ist irgendwie ein Teil dieser Projekte, die immer etwas Wahres über Kollaborationen aufdecken: Eine Seite ist schön, die andere Seite ist hässlich.

Töpfer, Friseure, Pianisten oder Dichter, Sie suchen sich Personen aus, die kreativ arbeiten. Warum wählen Sie sie nicht aus anderen Berufsgruppen, Ingenieure zum Beispiel, die gemeinsam eine Brücke bauen?

Die Tätigkeit von Ingenieuren ist von Arbeitsteilung geprägt, zum Beispiel in technischer Hinsicht. Sie kann zu einer hierarchischen Organisation im Arbeitsprozess führen. Das ist keine kollaborative Zusammenarbeit. Die künstlerische Tätigkeit ist persönlicher – das Malen eines Bildes etwa – sie impliziert keine Rollenaufteilung. Dieser Arbeitsprozess ist organischer. Wollen die Beteiligten gemeinsam etwas kreieren, müssen sie demokratisch zusammenarbeiten. Die künstlerische Produktion ist ein sehr gutes Beispiel für das kollaborative Arbeiten, sie ist aber auch ein sehr extremes Beispiel, weil man eigentlich allein tätig ist. In meinen Projekten geraten die Teilnehmer in eine Situation, in der sie wirklich darüber nachdenken müssen, was Kollaboration für sie bedeutet. In diesem Sinne repräsentiert die extreme Situation auch unsere Gesellschaft. Durch diese temporären Gemeinschaften können wir einen Blick auf uns selber werfen.

In einem Statement zu Ihrer eigenen Kunst schreiben Sie, dass Sie sich in Ihrer Arbeit mit alltäglichen Entscheidungen auseinandersetzen. Dabei nennen Sie ganz einfache Dinge: die Wahl der Erdnussbutter oder der Toastbrotscheibe am Morgen. Steht also die banale und subjektive Gegenwart im Fokus Ihrer Arbeit?

Persönliche Entscheidungen sind manchmal auch politische Entscheidungen. Ich habe kürzlich für das ICA in London ein Projekt über Personen aus den Vierteln in London gemacht, in denen 2011 die "England Riots" ausgebrochen sind. Ich bat die Teilnehmer, die in irgendeiner Form an dem Aufstand beteiligt waren, in einer Art Reenactment ihren Heimweg von dem Tag nachzulaufen, an dem die Unruhen ausbrachen, filmte sie dabei und interviewte sie später. Jeder von ihnen hatte sehr persönliche und spezielle Gründe gehabt, damals eben diese Route zu wählen. Einer erzählte, wie er an diesem Abend mit seiner Freundin heimging und sie unbedingt mitrandalieren und an den Plünderungen in den anliegenden Shops teilnehmen wollte, um ihm ein T-Shirt zu klauen. Er wiederum bat sie, sich nicht in die Aufstände einzumischen.

Für ihn hat das Reenactment persönliche Erinnerungen wachgerufen. Die Aufstände sind ein politisches Ereignis gewesen, aber zugleich werden sie zu ganz subjektiven Erlebnissen. Beginnen die Erzählungen mit alltäglichen Dingen, so enthüllen sie später etwas Unerwartetes.

Sie bespielten den japanischen Pavillon bei der Venedig-Bienale 2013 und zeigten dort ihre künstlerische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen kollektiven Handelns unter dem Licht der Nuklearkatastrophe von Fukushima von 2011. Ihre Videoarbeiten sind aber teils schon davor entstanden. Klingt zynisch, aber spielte Ihnen da der Zufall einfach sehr gut zu?

Ich hatte bereits 2010 "A haircut by Nine Hairdressers at once (second attempt)” gemacht. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und schließlich der Nuklearkatastrophe, hatte sich mein Blick auf diese Arbeit plötzlich gewandelt. Ich sah eine kleine Verbindung zwischen dem "Hair Cut”-Video und der japanischen Gesellschaft nach Fukushima. So eine Katastrophe, auch wenn sie überhaupt nicht wünschenswert ist, kann utopische Momente der Solidarität und gegenseitigen Hilfe hervorholen. Nicht nur in Japan: Das Buch "A Paradise Built in Hell The Extraordinary Communities That Arise in Disaster” von Rebecca Solnit, das ich daraufhin gelesen habe, handelt von den vielen Naturkatastrophen in den USA – dem Erdbeben in San Francisco oder dem Hurikan Katrina in New Orleans. Solnit beobachtet darin, dass sich jedes Mal nach diesen Desastern kurzweilige Gemeinschaften bildeten, die Menschen solidarisierten sich. Das sah ich auch in Japan. Als mich dann noch die Kuratorin Mika Kuraya des japanischen Pavillons fragte, ob ich nicht die Fukushima-Katastrophe in Venedig thematisieren wolle, nahm ich das "Hair Cut"-Video als Ausgangspunkt unseres gesamten Projekts im japanischen Pavillon, das sich schließlich mit dem Zustand und den Möglichkeiten einer postkatastrophalen Gesellschaft befasst.

Hat sich Ihre persönliche oder künstlerische Haltung seit der Fukushima-Katastrophe geändert?

Ja. Die Künstler meiner Generation in Japan wurden zuvor immer als unpolitisch bezeichnet, da sich unsere Arbeiten hauptsächlich auf Phänomene des Alltäglichen konzentrierten, gelöst von der politischen und sozialen Situation in Japan. Das hatte einen Grund, denn diese Generation ist aus der Rezession der Neunziger hervorgekommen, die nunmehr schon 20 Jahre dauert. Wir haben Japan nie als ein wirtschaftlich starkes Land empfunden. Der Euro oder das britische Pfund schienen mir immer sehr teuer zu sein, wenn ich nach Europa reiste. Es gab kein Geld mehr, wir hatten nichts, also rückten wir den Fokus auf die Gegenwart und die kleinen Dinge um uns herum. So fühlten wir uns als ich noch die Kunsthochschule besuchte. Doch die Katastrophe von Fukushima hat uns alle aufgeweckt, nicht nur meine Generation, sondern alle Japaner.

Ihre Videos, die Sie auf der Venedig-Biennale zeigten, sind alle online abrufbar. Jeder kann sie sehen. Geht es Ihnen dabei auch um eine Art Gemeinschaft, die zwar nicht räumlich aber übers Internet miteinander verbunden ist?

Venedig ist ein spezieller Fall. Meine Projekte im japanischen Pavillon sind auf eine Art mit Japan verzahnt, sie stammen aus Japan und handeln von Japan. Doch ist das Land nunmal weit weg von Italien. Also habe ich alle Videos und Informationen über den Pavillon im Internet hochgeladen und noch vor der Eröffnung über Twitter freigegeben. Ich habe schlichtweg das japanische Publikum dem der Biennale vorgezogen.

Grundsätzlich aber geht es mir darum, dass ein allgemeines Publikum leicht Zugang zu meinen Arbeiten findet. Und das erreiche ich, indem ich meine Filme online stelle, obwohl ich sie gleichzeitig über eine Galerie verkaufe. Ich bin ein großer Fan von Francis Alys. Auch er stellt fast all seine Videos online und fügt sie so einem "öffentlichen Bereich" ("public domain") zu. Seine Arbeit ist für die Öffentlichkeit gemacht, also macht er sie öffentlich. Das mag ich.

Sie sind von der Deutschen Bank zum Künstler des Jahres 2015 gekürt worden. In der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin werden Sie im nächsten Jahr Ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Europa haben. Was werden Sie präsentieren?

Meine künstlerische Praxis variiert. Noch weiß ich es nicht genau, aber ich werde ältere Arbeiten mit neuen verbinden. Jetzt beziehe ich soziale und politische Themen in meine künstlerische Praxis ein, früher konzentrierte ich mich mehr auf den Alltag und seine Objekte. Eine Brücke zwischen diesen beiden Bereichen meiner Kunst zu schlagen, ist für mich nun die Herausforderung. Ich sehe die Ausstellung als hervorragende Möglichkeit, aus der Retrospektive eine Art Abbild meiner gesamten künstlerischen Praxis anzulegen. Die Ausstellung wird wie eine thematische Landkarte werden. Ich bin aber selber gespannt, wie sie aussehen wird.