Dana Schutz - Hannover

plakativ, obszön und gewalttätig

Die Kestnergesellschaft zeigt die provozierende Malerei von Dana Schutz.

Provozierend, stimulierend und unglaublich frisch – so ist die Malerei von Dana Schutz: Das großformatige Bild "Shaving" (2010) zeigt explizit die Intimrasur einer Frau am Strand. Die gesichtslose Frau vollzieht den kosmetischen Zwang zur Enthaarung der Bikinizone in aller Öffentlichkeit.

Die gespreizten Beine der Figur lassen uns unmittelbar auf die üppig beharrte Stelle zwischen den Schenkeln blicken. Eine überdimensionierte Tube mit Rasierschaum, ein billiger Plastikrasierer, der von einer ungelenken Hand mittig über die Vulva gezogen wird, lassen das Bild auf den ersten Blick plakativ, obszön und gewalttätig wirken.

Der Blick bleibt hängen, denn kein Element in diesem Bild passt perspektivisch oder farblich zum anderen. Das vermeintliche Gesicht der Frau ist weggedreht, so als wollte sie aus Schamhaftigkeit der eigenen körperlichen Entfremdung nicht beiwohnen. Der Unterkörper ist daher in unmöglicher Verrenkung den Betrachtern zugewandt. Der Oberkörper wird von einem weißen Tuch oder Shirt verdeckt, das aber gleichzeitig den Hintergrund für ein weiteres Motiv bildet, das an eine Bergkette denken lässt und aus der absurderweise die Hand erwächst, die den Rasierer führt. Der Rasierer könnte auch ein Langhaarpinsel sein, und so changiert das Bild zwischen den merkwürdigen Polen der Beschneidung und einer hygienischen Einschäumung. Die Beine der Figur sind grotesk verrenkt und wirken eher wie Stümpfe. Abgerundet und wenig ausdifferenziert erinnern die Glieder und Gliedmaßen an eine missglückte Kinderzeichnung. Der Strand ist blutrot, der Himmel violett und das Meer schwarz. Wer will hier eine eindeutige Botschaft benennen? Das Bild kann als böser Kommentar zur verordneten Selbstgeiselung von Frauen gelesen werden, als Angriff auf die amerikanische Prüderie oder als surrealer Verweis auf den weiblichen Akt als stilbildendes Motiv einer männerdominierten Bildwelt.

Aber Schutz’ Arbeiten funktionieren nicht wie Appelle und lassen sich nicht als programmatische Figurationen im Dienste einer spezifischen Idee lesen. Die Malerin konstruiert eine ganz eigene Bildwelt, ohne dabei Biografie oder Geschlecht vordergründig zu betonen. Im Gegensatz zu "Shaving" ist das Geschlecht vieler Figuren in Schutz’ Bildern uneindeutig. Die Gesichtszüge und Körperhaltungen wirken stets verzerrt und angespannt und verschmelzen häufig mit anderen Bildelementen, so dass ein einfacher Bildraum, der Vorder- und Hintergrund trennt, sich stellenweise vollständig auflöst. Die Köpfe sind plump und unförmig, die Augen blass und leer, die Arme und Beine sind oft verrenkt und verdreht.

Wie in dem Bild "Small Apartment" (2012), auf dem sich zwei Figuren in einer aggressiven und gleichzeitig Abhängigkeit symbolisierenden Haltung aneinander klammern. Die Gesichter der geschwollenen Köpfe sind bloße Zeichen. Schutz schafft es, die sozialen und psychologischen Komponenten dieser Konfrontation auch formal aufzulösen und plötzlich eine Theorie der Zeichen und Symbole aufzurufen. Damit verliert sich auf charmante Weise jeder realistische Anspruch, den man der Malerin unterstellen könnte, ohne dass sie dabei zur blutleeren Semiotikerin wird. Small Apartment zeigt ungeschönt die Hölle einer ungewollten klaustrophobischen Beziehung auf engstem Raum.

Auf "Flasher" (2012) sieht man die eindeutige und klischeebesetzte Geste eines männlichen Exhibitionisten, der seinen Mantel lüftet. Aber Schutz zeigt keinen nackten Mann, sondern lässt die Innenseiten des imaginären Mantels zur Leinwand werden, auf der die Utensilien und Werkzeuge eines kreativen Prozesses sichtbar werden. Das Gesicht der Figur löst sich auf, wird zur abstrakten Maske, die nunmehr aus Strichen und Klecksen besteht. Künstler und Künstlerinnen als Exhibitionisten zu bezeichnen entstammt dem vorurteilsbeladenen Denken einer allzu einfachen Psychologie. Schutz offeriert etwas anderes: Das Bild bietet keine neurotische Selbstbespiegelung und Nabelschau. Die Attacke und Entblößung wird ins Gegenteil verkehrt und zur Fläche für ein nächstes Bild. Angstfrei und produktiv arbeitet sich Schutz von Motiv zu Motiv und erinnert in ihrer Bildsprache an die Offenheit und Intelligenz eines Philip Guston oder auch an die Setzungen des "Bad Painting” oder der "Neuen Wilden”.

Schutz Bilder sind aber mit diesen Kategorisierungen lediglich grob skizziert und sind weder kruden subjektiven Statements geschuldet, noch folgen sie einem medialen Transfer unterschiedlicher Medien, ihre Bilder bieten weder wohlfeile Abstraktion noch konzeptuelle Reduktion. Immer wieder sieht man soziale Konstruktionen und zweifelhaft definierte Räume. Auch wenn die Arbeiten keine eindeutige Narration aufweisen, folgt man unwillkürlich den zum Teil obskuren Handlungen, erkennt Normen und festgeschriebene Abläufe. In Schutz’ Bildwelt werden Rollenbilder und festgezurrte Grenzen außer Kraft gesetzt und zu Metaphern der Auflösung und Neuordnung.

Schon in frühen Arbeiten ist das Moment einer ständigen Transformation enthalten. Schutz zeigte in diesen Bildern Augen, Münder, Vulven oder Darmausgänge als offene Wunden und verrückt die Körperphysionomie ins Unwahrscheinliche. Aber auch die Figuren dieser Bilder sind keine grotesken Fantasyfratzen, sondern immer als Menschen zu erkennen. Menschen die sich und andere kannibalisieren, die gaffen, glotzen, geifern oder einfach nur um Haltung und Würde ringen und sich dabei immer mehr verstricken. In der Kestnergesellschaft in Hannover zeigt Dana Schutz fast ausschließlich neue großformatige Arbeiten von 2012/13. Die beiden Kuratorinnen Susanne Figner und Lotte Dinse haben sich glücklicherweise entschieden, eine Reihe neuer Kohlezeichnungen zu zeigen. Eine intelligente und bereichernde Erweiterung der Ausstellung, die den großen farbigen Formaten harte und kantige Bilder entgegensetzt, die eine nicht minder intensive Seherfahrung bieten. Im Kabinett der Kestnergesellschaft sieht man so auch die großen handwerklichen Fähigkeiten der Künstlerin Dana Schutz, die mit schwarz-weißen Schraffuren Porträts und Gruppenkonstellationen, Räume und Alpträume gekonnt vermengt. In der Reduktion und Härte der Kohlezeichnung kommt abermals der alltägliche Wahnsinn gesellschaftlicher Zwänge und imaginärer Transformationen deutlich sichtbar zum Tragen.