Visual Leader - Hamburg

Emotionen am Kiosk

Die LeadAcadamy präsentiert in den Deichtorhallen die besten Print-Beiträge des Jahres. "Stern", "Zeit" und Co zeigen sich dabei kämpferisch, mutig, innovativ, denn die Plakate, Fotografien und Illustrationen verfolgen ein Ziel: die Emotionen der Leser zu gewinnen.

"Wenn es der Presse schlecht geht, geht es der Kreativität gut", Markus Peichl, Vorsitzender der LeadAcademy, gibt sich knallhart.

Der Konkurrenzdruck durch das Internet verändert die Presse: Tages- und Wochenzeitungen verlassen das klassische Zeitungslayout und legen ihren Fokus auf maximale Bebilderung. Was früher nur Magazine wie "Stern", "Tempo" oder "Twen" gemacht haben, machen heute alle. Ein Beispiel dafür liefert die "Bild"-Zeitung mit der Titelstory "Ohne Worte". Zum 7:1-Sieg der Deutschen bei der diesjährigen WM gab es sieben Seiten – nur mit Fotos, ohne Text. Ein Torschütze, eine Seite (Schürle und Kroos bekamen selbstverständlich jeweils zwei). Gänsehaut, Aufregung und Euphorie werden aktiviert. Gefühle pur, so will man heute Menschen erreichen.

"Näher ran" so kann man den zweiten Trend beschreiben, der in der Ausstellung sichtbar wird. Die Leser sollen das Gefühl bekommen, live dabei zu sein. Ganz zentral zeigt es das Aufmacher-Bild der Ausstellung. Zu sehen ist eine spontane Momentaufnahme: Eine Familie wird in einer kanadischen Gruselbahn unerwartet fotografiert, erschreckt sich, schreit und erreicht beim Betrachter Mitgefühl, Schadenfreude, den "Kenne-ich-gut"-Moment. Weniger Meter weiter, eine Fotoreportage über häusliche Gewalt. Mitten im Gespräch mit der Ehefrau platzt ihr Mann unerwartet ins Zimmer, wütend weil er über das Interview nicht informiert war, und geht kurzerhand auf seine Frau los. Die Kamera hält fest, der Zuschauer ist entsetzt, fühlt sich aber gleichzeitig aufrichtig informiert und eben "live dabei".

Neben schockierenden, faszinierenden und schönen Aufnahmen findet sich auch der eine oder andere Schmunzel-Moment. Die Europawahl-Kampagne, ausgedacht von der Werbeagentur Scholz & Friends. Die Idee der Satire- "PARTEI" ist es, sich für das Volk und seine wahren Bedürfnisse einzusetzen. Auf Plakaten der Demonstranten steht dann "Mettwoch statt Veggie-Day" oder "Schwarzfahren muss bezahlbar sein". So ist die Ausstellung eine "Wunderkammer der Vielfalt" wie Deichtorhallen-Kurator Ingo Taubhorn sagt. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft und zeigt gleichzeitig den harten Wettbewerb um deren Aufmerksamkeit.

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