Art or Sound - Venedig

Im Trommelfeuer

Mit seiner ambitionierten Schau bleibt Kurator Germano Celant doch im Kuriositätenkabinett stecken

Er trommelt sich quasi die Seele aus dem Puppenleib. Auch wenn der Knirps nur jede Viertelstunde im Einsatz ist, hat es das akustische Trommelfeuer in dem venezianischen Palazzo der Fondazione Prada in sich.

Frei nach Günter Grass’ Blechtrommel-Held Oskar hat Maurizio Cattelan 2003 seinen Rabauken geformt. Es ist der adäquat ohrenbetäubende Auftakt zu einer Schau, die anhand von 180 Ausstellungsstücken die Parallelen zwischen Kunst und Musik vom 16. Jahrhundert bis in die Jetztzeit untersucht. "Art or Sound" fragt der Ausstellungstitel, wobei das "oder" den entscheidenden Unterschied macht: "Wir wollten jeden Bereich in seiner Eigenheit akzeptieren, auch wenn es eine gemeinsame Haltung gibt", sagt Kurator Germano Celant. "Das eine ist Kunst, die Sound produziert; und das andere sind fantastische Musikobjekte, die wie Skulpturen aussehen."

Celant hat für seine letzte Schau am Canal Grande, das Remake von "When Attitudes Become Form", viel Prügel seitens der Kritiker einstecken müssen. Dennoch versucht er hier an dem musikalischen Leitfaden erneut eine historische Aufbereitung der Gegenwartskunst. Angefangen bei allegorischer Renaissance-Malerei zieht er wie ein Violinist seinen Bogen hin zur instrumental aufstörenden Fluxus-Bewegung und tonalen Konzeptkunst. Er findet, dass klassische Museen längst tot sind und baut auf größtmögliche Synästhesie. Der Aufwand ist immens: Im ersten Stock postieren sich im Wechsel mit Arbeiten der Moderne (Luigi Russolo, Theo van Doesburg, Alexander Calder, Man Ray) alte Instrumente auf filzverkleideten Sockelgeschossen, darunter so wundersame Leihgaben wie ein von einer (Spiel-)Uhr betriebener, singender Rokoko-Vogelkäfig.

Im zweiten Stock werden mit der zeitgenössischen Kunst radikalere Töne angeschlagen. Tom Sachs bläst in Toyan’s JR. eine Lautsprecherinstallation ins Monströse auf, erinnert dabei an den oft gewalttätig ausgetragenen Wettstreit jamaikanischer Musiker um Sound-Anlagen in den Siebzigern. Auch wenn Celant wieder echtes Leben in das Museum hereinholen will, wähnt man sich oft eher im Libretto des Nussknacker-Balletts, wo plötzlich Zinnsoldaten lautstark auf-zumarschieren beginnen. In Jannis Kounellis’ Installation von 1972 sieht man in der Tat eine Ballerina live vor einer abstrakten Schlierenmalerei ihren anmutigen Spitzentanz aufführen. Selbst das Performative bleibt abgezirkelt, als handle es sich um Spielfiguren im Kuriositätenkabinett.

So frappierend, exotisch, zauberisch die Instrumente und Artefakte in "Art or Sound" sich auch präsentieren mögen – die Ausstellung kommt nicht wirklich in der Jetztzeit an, obwohl durchaus frische Arbeiten wie etwa von Martin Creed, Laurie Anderson und Anri Sala den Palazzo Ca’ Corner della Regina aufhellen.

Art or Sound

Venedig, Fondazione Prada, Ca’ Corner della Regina, bis 03.11.2014
http://www.prada.com/en/fondazione/cacorner#home!