Triennale - Folkestone

Eine Kleinstadt im Goldrausch

Wer den Triennale-Beitrag des deutschen Künstlers Michael Sailstorfer im englischen Küstenort Folkestone sehen will, muss zunächst tief graben – 30 Goldbarren hat er am Strand verbuddelt. Wer einen findet, darf ihn behalten.

Es dauerte nur einen Tag, da waren die ersten Schatzsucher in Folkestone fündig geworden.

Kevin Wood und seine Partnerin Kirsty Henderson aus dem nahegelegenen Canterbury hatten erst eine Stunde lang gegraben, als ihr Spaten auf Metall stieß. "Meine Knie wurden weich und ich begann zu zittern", sagte der glückliche Besitzer eines Goldbarrens im Wert von 500 Pfund, den er freigelegt hatte, und nahm ihn mit nach Hause.

Nachdem Michael Sailstorfer 2009 im rheinischen Puhlheim schon einmal Goldbarren vergraben hatte, auf die die Bevölkerung Jagd machen durfte, verbuddelte der aus Niederbayern stammende Berliner Künstler nun im Sand des Hafens von Folkestone 30 Barren im Wert von 10 000 Pfund. Kaum war der Gag bekannt geworden, tummelten sich schon hunderte von Goldgräbern, bewaffnet mit Metallsuchgerät und Spaten, auf dem nur bei Ebbe freiliegenden Sandstück in Folkestones kleinem Hafen. Ob alle Barren ausgegraben wurden, wird man nie erfahren, da der Fund nicht meldepflichtig ist.

Insgesamt 21 Kunstwerke wurden für die diesjährigen Folkestone-Triennale in Auftrag gegeben. Sailstorfers Goldgräber-Aktion ist eines davon. Vom Bahnhof aus, wo die Gruppe Strange Cargo unter der Eisenbahnbrücke vier Bürger als 3D-Druck plaziert hat, als "Monument für die Zukunft", geht es in die Stadt, vorbei an mehreren wie New Yorker Wassertanks aussehenden "Pent Houses", die Diane Dever und Jonathan Wright entlang des seit langem unterirdisch verlaufenden Flusses Pent aufgestellt haben, hinunter zum Hafen, wo im stillgelegten, gänzlich überwucherten Hafenbahnhof Tim Etchells entlang den Gleisen den Neonspruch "Kommen und Gehen ist der Grund für diesen Ort" angebracht hat, und auf der Mole spielen Kinder in Sarah Stattons monumentaler Eisenplastik "Steve".

Ganz weit draußen, auf dem Leuchtturm, steht ein weiterer Spruch des Schotten Ian Hamilton Finlay: "Das Wetter ist die Nummer drei nach Ort und Zeit". Weiter am Strand entlang, wo Pablo Bronstein mitten unter die bonbonfarbenen Strandhütten ein absurdes Gebilde "Im Stil des Barockarchitekten Nicholas Hawksmoor" platziert hat, und vor dem Metropole-Hotel an der Strandpromenade steht auf einer Steinplatte "Earth Piece" von Yoko Ono.

An den Ersten Weltkrieg erinnert in diesem Gedenkjahr nur eine Arbeit, obwohl Folkestone in beiden Weltkriegen ein wichtiger Umschlagplatz für die Verschiffung von Soldaten war. Amina Meria hat ein Stück Brachland mitten in der Stadt, wo am 25. Mai 1917 eine deutsche Bombe 60 Menschen tötete, in eine Erinnerungsstätte verwandelt. Die Menschen standen vor einer Bäckerei Schlange, als die Bombe fiel, und über Lautsprecher hört man Brotrezepte, die die algerische Künstlerin bei Bürgern der Stadt eingeholt hat.

Als die Triennale vor sechs Jahren ins Leben gerufen wurde, sollte sie zur Wiederbelebung der ehemaligen Hafen- und Fährenstadt beitragen, die nach dem Bau des Tunnels unter dem Ärmelkanal in Vergessenheit geraten war. So ganz hat es nicht funktioniert: Zwar ist die Stadt stolz auf ihr "Kulturviertel" mit Ateliers, Designstudios und einem neuen Kulturzentrum, doch noch immer ist die Arbeitslosigkeit hoch, viele Läden stehen leer und die Fischereiflotte im Hafen schrumpft immer weiter zusammen. Vielleicht ist die Zeit vorüber, da sich Kultur zur Stimulierung der Wirtschaft eignete.

Zwei der Werke, die das Motto des neuen Kurators Lewis Biggs, "Der Ausguck", ganz ernst nehmen, sind nichts für Besucher, die unter Höhenangst leiden. Die Slowenin Marjetica Potrc hat zusammen mit dem Architekturbüro Ooze eine Windturbine gebaut, die einen offenen Fahrstuhl betreibt, mit dem man ein aufgelassenes Eisenbahnviadukt erklimmen kann. Von dort soll man eine wunderbare Aussicht aufs Meer haben. Und der Brite Alex Hartley hat ganz oben an der Hauswand des vielstöckigen Hotels Grand Burstin am Hafen ein Felsbiwak eingerichtet, in dem er, abwechselnd mit ein paar Freiwilligen, während der Dauer der Triennale wohnen wird. Mit ebenfalls schöner Aussicht, bis nach Frankreich.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de