Boris Lurie - Köln

Obszönität der Shoah

Er überlebte den Holocaust, kombinierte Pin-up-Bilder mit Leichenbergen und kämpfte in New York einen einsamen Kampf gegen den Abstrakten Expressionismus und die Pop Art. In Köln wird Boris Lurie (1924 bis 2008), Autodidakt, Höhlenbewohner, Aktienmillionär und vor allem Außenseiter des Kunstbetriebs, jetzt erstmals seit 1999 wieder in Europa vorgestellt.

Seine Ausstellungen hießen "Doom Show" oder "Vulgar Show" und trugen ihm Anfang der Sechziger Jahre das geballte Unverständnis der New Yorker Kunstwelt ein.

Dabei behielt Boris Lurie seine heute bekanntesten Werke (was bei ihm nicht viel heißen will) damals noch unter Verschluss: Auf einem Bild seiner "Railroad to America"-Serie schreibt er unter ein berühmtes Pressefoto aus den befreiten Konzentrationslagern: "Assemblage, 1945 by Adolf Hitler".

Auf einem anderen Bild montierte er die Rückenansicht eines Pinup-Mädchens in den Leichenberg hinein und setzte das Zeichen eines Kosmetikkonzerns darüber. Lurie hatte das Foto in der Illustrierten "Time Life" neben Reklamen für Schönheitsmittel gesehen und geißelte die Obszönität dieses Nebeneinanders von Shoah und Konsum.

Jetzt hängen die "Railroad"-Bilder im Kölner NS-Dokumentationszentrum und wirken beinahe normal. Aber es ist schon bezeichnend, dass sich auch heute noch kein Kunstmuseum an das Werk von Boris Lurie herantraut. Es ist oft grell und obsessiv, teilweise mit Pinup-Bildern geradezu zugekleistert und wirkt immer etwas improvisiert. Aber natürlich kann man genau darin auch seine Stärken sehen – und technisch war Lurie, der Autodidakt, der einmal sagte, Buchenwald habe ihn die Grundlagen der Malerei gelehrt, immer auf der Höhe der Zeit.

Er malte seine surreal verdrehten, beinahe abstrakten "Zerteilten Frauen" Anfang der Fünfziger Jahre und klebte, ungefähr als Robert Rauschenberg die ersten Combine Paintings schuf, Bilder und Zeitungsausschnitte (darunter ein gelber "Judenstern" auf nackten Frauenbeinen) auf seinen Flüchtlingskoffer. Nur war Lurie dabei stets strikt politisch und verachtete die seiner Meinung nach der Konsumgesellschaft verfallene New Yorker Kunstwelt. Mitte der Fünfziger Jahre rief er gemeinsam mit Sam Goodman und Stanley Fisher die NO!art-Bewegung ins Leben.

Die Kölner Ausstellung bietet einen Überblick über Boris Luries gesamtes Werk. Sie beginnt mit der "War Series" von 1946, in deren Zeichnungen und Gemälden Lurie die traumatischen Erfahrungen von Ghetto und Konzentrationslager noch in beinahe klassischer Manier zu bannen versuchte (man erkennt die Einflüsse von El Greco und den Expressionisten). Die Serie sollte eigentlich nie gezeigt werden, sie war eine Form der Selbsttherapie und im Wesentlichen privat.

Überhaupt wusste beinahe niemand außerhalb Luries Familie, dass er ein Überlebender der Shoah war – als Maler wollte Lurie nicht mit seinem Schicksal hausieren gehen, sondern mit seinen Mitteln gegen die Verdrängung der Shoah in der amerikanischen Öffentlichkeit rebellieren. Den gut gemeinten Aufforderungen, nach vorne zu schauen, setzte er die Bilder und Symbole einer traumatischen Vergangenheit entgegen. Einer seiner letzten, in den frühen Siebziger Jahren entstandenen Werkkomplexe zeigt immer wieder Messer, die in Davidsternen aus Beton stecken.

Neben der Shoah war die politische Lage in seiner Wahlheimat Luries großes Thema. Er nahm in großformatigen Collagen die Machenschaften der CIA aufs Korn oder stellte Jackie Kennedy als Pin-up-Girl der besseren Gesellschaft dar. Sehen wollte das damals kaum jemand. In den Siebziger Jahren zog sich Lurie dann immer stärker in sein höhlenartiges Atelier in einem vom Vater geerbten Wohnhaus zurück – und spekulierte von hier aus sehr erfolgreich an der Börse.

In einem kurz vor Luries Tod entstandenen Dokumentarfilm sieht man ihn im Halbdunkel seines Hauses leben; die Fenster sind verhängt, die Wohnung im Chaos versunken. Aus diesem steigt nun allmählich das erstaunliche Werk eines entschiedenen Außenseiters der Kunstwelt auf.

KZ – Kampf – Kunst. Boris Lurie: NO!Art

NS-Dokumentationszentrum Köln, bis 2. November 2014
http://www.museenkoeln.de/home/pages/3135.aspx?s=3135

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