Drei Grazien - Limbach-Kommission

Die mysteriöse Rolle von Curt Valentin

Die Limbach-Kommission spricht sich gegen eine Restitution von Lovis Corinths "Drei Grazien" an die Erben aus. Die Entscheidung wirft viele Fragen auf. Ein Kommentar von Lucas Elmenhorst.
Keine Entschädigung:Die "Drei Grazien" von Lovis Corinth

Lovis Corinth: "Drei Grazien", 1904, Öl auf Leinwand, 164,5 x 150,0 cm

Seit zwölf Jahren fordern die Erben der jüdischen Fabrikantin Clara Levy von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen das Gemälde die "Drei Grazien" (1904/05) von Lovis Corinth (1858 bis 1925) zurück. Das Bild hatte Clara Levy (1864 bis 1940) zusammen mit rund 80 anderen Kunstwerken als Teil ihres Umzugsguts noch 1939 mitnehmen können, als sie mit ihren vier Kindern von Berlin nach Luxemburg flüchtete. Die geplante Weiterreise in die USA erlebte Levy nicht mehr, ihre Kinder ließen im März 1940 einen Teil des Hausrats nach New York verschiffen.

Erhalten haben die Erben die Ladung nach ihren Angaben allerdings nie. Im Mai 1940 besetzten die Deutschen auch Luxemburg und beschlagnahmten und verwerteten den Rest des Umzugsguts der Levys. Curt Valentin von der "Buchholz Gallery – Curt Valentin" in New York verkaufte das Gemälde 1949 an das Kunstmuseum Bern, das es 1950 nach München weiterverkaufte.

Die von beiden Parteien als Schiedsstelle für eine Empfehlung angerufene Limbach-Kommission hat nun entschieden, dass es sich bei dem Bild ihrer Ansicht nach nicht um NS-Raubkunst handele. Bei ihrer bemerkenswert ausführlich begründeten Entscheidung stützt sich die Kommission vor allem auf zwei Argumente: Zum einen belegten Stempel auf dem offiziellen Frachtbrief ("bill of loading"), dass das Bild "Lovis Corinth, Die drei Grazien" Teil des in die USA verschifften Umzugsgut gewesen sei, und damit dessen Ausfuhr in die USA. Zum anderen hätte Curt Valentin, der seinerzeit führende Galerist der deutschen Moderne in den USA, 1951 angegeben, das Gemälde 1941 auf einer Auktion erworben zu haben. Nach Auffassung der Limbach-Kommission ist das Kunstwerk daher im sicheren Ausland verkauft worden, so dass der Verkauf allem Anschein nach freiwillig erfolgt sei und nicht als ein NS-verfolgungsbedingter Verlust im Sinne der Washingtoner Prinzipien zu bewerten sei.

Kunsthändler des Dritten Reichs oder Retter der Moderne?

Hier beginnen die Fragen. Denn ein "bill of loading" bestätigt regelmäßig nur, dass die Fracht vom Spediteur für den Transport entgegengenommen worden sei, nicht hingegen auch deren Auslieferung, wie die Anwältin der Erben Imke Gielen gegenüber art zutreffend anmerkt. "Die Limbach-Kommission hat die Fakten eben so ausgelegt, wie sie es ausgelegt hat", kritisiert Gielen. "Keines der Kinder von Clara Levy konnte bestätigen, dass das Bild tatsächlich in New York angekommen ist", so Gielen. Vielmehr könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Sendung noch in Europa von den Nationalsozialisten vorher beschlagnahmt worden sei.

Schwerwiegender ist ein anderes Argument. "Es gibt bislang keinen Nachweis für die Auktion, auf der Valentin das Corinth-Gemälde 1941 in New York erworben haben will, obwohl andere Auktionen aus dieser Zeit gut dokumentiert sind", wundert sich Gielen. Mit diesem berechtigten Einwand setzt sich die Entscheidung der Limbach-Kommission jedoch nicht auseinander. Die Limbach-Kommission hat offenbar keine Zweifel an Valentins Angaben, wenn sie feststellt: "Es gibt keinen Anlass, an der Mitteilung von Siegfried Rosengart zu zweifeln, der wie Curt Valentin, jüdischer Abstammung war, dass das Bild 1940 oder 1941 von Valentin in New York auf einer öffentlichen Versteigerung gekauft wurde. Warum sollten Rosengart oder Valentin diesbezüglich 1951 die Unwahrheit sagen?"

Das ist bemerkenswert. Dafür dass Valentins und Rosengarts Angaben unglaubhaft seien, wie die Anwältin der Levy-Erben meint, gibt es bislang noch keine Beweise. Aber vielleicht hätte die Kommission dennoch die ambivalente Rolle des Emigranten Curt Valentins (1902 bis 1954) einmal hinterfragen sollen. Allein seine jüdische Abstammung – Valentin war nach der Diktion der Nationalsozialisten "Volljude" – macht ihn noch nicht glaubwürdig. Valentin hatte seit 1927 für die legendäre Galerie von Alfred Flechtheim in Berlin gearbeitet.

Nach der erzwungenen Schließung der Galerie 1933 durch die Nationalsozialisten stellte ihn Karl Buchholz (1901 bis 1992) für seine Berliner Galerie an. Buchholz war neben Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Möller und Bernhard Böhmer einer der vier offiziellen Kunsthändler des "Dritten Reichs", die die NS-Regierung mit der devisenbringenden "Verwertung" der beschlagnahmten Werke der "Entarteten Kunst" ins Ausland beauftragt hatte. Mit Buchholz’ Unterstützung emigrierte Valentin 1937 in die USA. Seine in Manhattan eröffnete "The Buchholz Gallery – Curt Valentin" wurde dank seines exzellenten Netzwerks zu Künstlern und Museumsleuten, das er sich noch bei Flechtheim aufgebaut hatte, schnell zur wichtigsten Galerie für die deutsche Moderne in New York.

Im Gegensatz zu der Sammlung, die Hildebrand Gurlitt hinterließ, verkaufte Valentin durchweg Werke erster Qualität. So vermittelte er etwa dem Busch-Reisinger-Museum der Harvard University die beiden Spitzenstücke Max Beckmanns "Selbstporträt im Smoking" (1927) und Erich Heckels Triptychon "Genesende" (1912/13). Und das Museum of Modern Art (MoMA) benutzte die Buchholz Gallery beziehungsweise Curt Valentin als offiziellen Mittelsmann, um im April 1939 fünf Kunstwerke von André Derain, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee und Henri Matisse aus einer nationalsozialistischen Kunstauktion in Luzern zu erwerben.

"Es wäre naiv zu glauben, dass Curt Valentin nie etwas Zweifelhaftes getan hätte, doch bislang konnte ihm nichts Schwerwiegendes zur Last gelegt werden", wie die Berliner Raubkunstexpertin Anja Tiedemann konstatiert, die Verfasserin des Standardwerks zu Curt Valentin und Karl Buchholz "Die 'entartete' Moderne und ihr amerikanischer Markt" (2013). Zur Verwertung erhielt Buchholz 706 Werke der "entarteten" Kunst vom NS-Staat, 644 davon gab er an Valentin, der mit ihrem Verkauf Deviseneinnahmen in Höhe von knapp 20 000 Dollar erlöste, mithin fast die Hälfte der rund 44 000 Dollar, die das Deutsche Reich mit der Verkauf "entarteter" Kunst insgesamt eingenommenen hatte. Man ist schon geneigt zu glauben, dass es Buchholz und Valentin in erster Linie um ein durchaus lukratives Geschäft ging.

"Die Familie bedauert die Entscheidung sehr", bestätigt Gielen. Welche weiteren Schritte die Erben ergreifen, dazu machte sie keine Angaben. Auch Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle und Generaldirektor Klaus Schrenk fühlen sich mit der Entscheidung offenbar etwas unwohl und erklären nur lapidar, sie "nehmen das Votum der Limbach-Kommission zur Kenntnis und prüfen das weitere Vorgehen".

Der Autor ist Rechtsanwalt und Kunsthistoriker bei dtb rechtsanwälte in Berlin.

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