Sinus Arabicus - Köln

Die Himmelsrichtungen spielen keine Rolle

Die Kunst in den arabischen Staaten hat sich radikal modernisiert – sagt Sheikha Hoor Al Qasimi. Sie leitet die Kunstbiennale des Emirats Scharjah, sitzt im Beirat des MoMA PS1 und wird zu den mächtigsten Frauen nicht nur der arabischen Kunstwelt gezählt. Jetzt zeigt Hoor Al Qasimi im Kölner Barthonia Showroom zeitgenössische Kunst aus der Sammlung der gemeinnützigen Sharjah-Kunststiftung.

In der ehemaligen Fabrikhalle des Kölner Mülhens-Konzerns steht ein gründlich demolierter Kleinwagen.

Die saudi-arabische Künstlerin Sara Abu Abdullah hat das Wrack am Straßenrand entdeckt, es in Mädchen-Rosa lackiert und so den alten Macho-Spruch "Frau am Steuer, das wird teuer" ironisch illustriert. In ihrem Heimatland hat das "Saudi Automobile" eine klare politische Botschaft: Das dort geltende Fahrverbot für Frauen ist lächerlich und überholt.

Den "Execution Squares" des syrischen Künstlers Hrair Sarkissian sieht man ihre Bedeutung hingegen erst auf den zweiten Blick an. 2008 fotografierte Sarkissian friedlich daliegende Plätze in Damaskus, Aleppo oder Latakia – dass sie zugleich Schauplätze öffentlicher Hinrichtungen waren, macht deutlich, wie durchlässig der syrische Alltag für den staatlichen Terror ist. Sarkissian und Sara Abu Abdullah sind zwei der Künstler, die Sheikha Hoor Al Qasimi bis Ende September in Köln vorstellt. art hat mit der Kuratorin über die Modernität der zeitgenössischen arabischen Kunst gesprochen.

art: Die aktuelle Kunst aus den Golfstaaten ist erstaunlich politisch. Woher kommt das?

Sheikha Hoor Al Qasimi: Das ist eigentlich nicht sehr überraschend, denn die Region ist politisch seit Langem im Aufruhr. Und dieser Tumult spiegelt sich auch in der Kunst wider.

Stilistisch könnte die Mehrzahl der Arbeiten auch von westlichen Künstlern stammen. Gibt es keine kulturellen Besonderheiten mehr?

Die Kunstwelt ist die Kunstwelt, es ist nicht mehr so wichtig, woher du stammst. Die Zeiten, in denen man dachte, in der arabischen Kunst drehe sich alles um Verschleierungen, sind lange vorbei.

Es ist eine globalisierte Welt.

Ja, natürlich. Alle schauen MTV und CNN, jedermann ist bei Facebook, alle tun dasselbe. Die Himmelsrichtungen spielen keine Rolle mehr, gerade in den Emiraten. Sharjah ist eine multikulturelle Gesellschaft mit Menschen aus aller Welt.

Die Emirate gelten als politisch konservativ. Wie verträgt sich das mit der Freiheit der Kunst?

Das ist ein produktiver Gegensatz. Es geht immer um Diskussionen und Debatten, wir haben kein Problem damit, politisch brisante Kunst zu zeigen.

Aber es gibt doch Dinge, die Sie am Golf nicht zeigen können.

Ja, wir zeigen nichts, was zu stark sexuell aufgeladen ist. Aber das ist es auch schon. Ohnehin gibt es nicht mehr so viele Künstler, die mit Nacktheit arbeiten. Der Körper schockiert heute nicht mehr so wie in den siebziger Jahren. Worüber die Menschen bei uns reden wollen, ist Politik.

Welche Rolle spielt dabei der Arabische Frühling?

Am Anfang eine große Rolle. Aber mittlerweile sind es einige Künstler auch leid geworden, immer nur darüber zu arbeiten. Diese Dinge passieren in der arabischen Welt seit mehr als 60 Jahren.

Und die Religion?

Das hängt ganz vom Künstler ab. Manche sind mehr an kulturellen Fragen interessiert, manche am Lebensstil, andere an der Politik und natürlich auch einige an der Religion. Das lässt sich nicht generalisieren.

Sie selbst haben in London Kunst studiert. Wie viele junge Künstler aus den Golfstaaten haben eine westliche Kunsterziehung?

Viele Künstler pendeln wie ich zwischen Westen und Osten. In Sharjah gibt es mittlerweile zwei Kunstschulen, so dass einheimische Künstler gute Möglichkeiten finden, dort zu studieren und anschließend nach Übersee zu gehen.

Sharjah hat eine eigene Kunststiftung. Was ist deren Mission?

Ganz grundlegend: Wir wollen Künstler und die Kunst unterstützen – in der Heimat, in der Region und in der Welt. Dazu holen wir Künstler aus allen Erdteilen nach Sharjah und bringen sie mit anderen Künstlern oder auch Kuratoren zusammen. Wir wollen ein Ort der Begegnung sein, ein Ort, wo man Leute trifft, die man nur dort treffen kann. Außerdem schreiben wir Stipendien für konkrete Kunstprojekte aus. Ganz wichtig ist uns die Kunstvermittlung: In Sharjah gibt es ein pädagogisches Programm für alle Altersgruppen. Und natürlich soll unsere 1993 gegründete Biennale eine Bühne für die Künstler, ein Ort der Entdeckungen sein.

Ist die Golfregion die nächste große Sache am Kunstmarkt?

Dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Wir sind strikt gemeinnützig. Alles ist kostenlos.

Aber das Interesse an arabischer Kunst steigt, oder?

Ja, das mag sein. Aber ich will davon gar nichts wissen. Das sind getrennte Welten. Natürlich gehe ich auf Messen, aber ich suche dort nicht nach Trends und Moden.

Sinus Arabicus: Zeitgenössische Kunst aus der Sammlung der Sharjah Art Foundation

Barthonia Showroom (in der ehemaligen 4711-Fabrik), Vogelsanger Strasse 66, 50823 Köln-Ehrenfeld, bis 28. September 2014
http://www.barthonia-showroom.de