Gustave Courbet - Basel & Genf

Der Avandgardist

Der Maler Gustave Courbet wollte die eigene Gegenwart darstellen – und verzichtete auf Ideale. Für seine Zeitgenossen waren die realistischen Arbeiten zunächst ein Schock. In Genf und Basel werden Courbets Werke aktuell ausgestellt.

Gustave Courbet gilt gemeinhin als der zentrale Begründer einer realistischen Malerei im Frankreich des 19. Jahrhunderts.

Sein erstes Hauptwerk, "Das Begräbnis von Ornans", zeigt 1850 eine Trauergemeinde seines Geburtsorts an einem Grab – die fast 50 Personen sind in Lebensgröße dargestellt, das Gemälde misst 315 mal 668 Zentimeter. Trostloser kann man Sterben und Einsamkeit, Armut und Verlorenheit kaum vorführen als in dieser ländlichen Szene. Das war ein Schock für die Zeitgenossen. Sie waren idealisierte Darstellungen von historischen Stoffen gewöhnt.

Als Courbet für die Weltausstellung im Jahr 1855 sein großformatiges Bild "Das Atelier des Malers" einreichte, wurde es abgelehnt. Er ließ daraufhin gleich neben dem Gelände eine Bretterbude bauen, nannte sie "Pavillon du Réalisme" und propagierte sie mit einem eigenen "Realistischen Manifest". Darin besteht er auf seiner Kenntnis der Tradition und auf dem Verzicht des Idealen. Er wollte die eigene Gegenwart darstellen, am besten seine Umgebung, das was er sehen und berühren könnte: "Fähig zu sein, die Sitten, Gedanken, Erscheinungen meiner Epoche nach meiner eigenen Einschätzung zu übersetzen; nicht nur ein Maler zu sein, sondern zugleich ein Mensch; kurz, eine lebendige Kunst zu schaffen – das war mein Ziel."

Das lässt sich in einer feinen Ausstellung zur Schweizer Zeit des Künstlers beobachten, die das Genfer Musée d'art et d'histoire in den Räumen seines Musée Rath präsentiert, um den Neuerwerb des späten Hauptwerks "Panorama des Alpes" zu feiern, das Courbet 1876, im Jahr vor seinem Tod, im Schweizer Exil als letztes Werk geschaffen hat.

Wenn dagegen die Fondation Beyeler eine Courbet-Ausstellung komponiert, kann sie sich nicht mit diesem etablierten Bild begnügen. Hier ist schließlich die Moderne zu Hause, die sich gerade gegen den Realismus des 19. Jahrhunderts formulierte, um die Autonomie ihrer Darstellungsmittel als universale Sprache zu feiern. So verwundert es nicht, dass Kurator Ulf Küster auch bei Courbet Ansätze dazu findet, wie Farbe als Material vom Sujet befreit und Malerei selbst zum Gegenstand der Kunst wird. Courbet tritt als Großvater der Moderne, als erster Avantgardist vor uns, der in seinem Manifest bereits selbst die Bedeutung der Individualität, "das überlegte und unabhängige Bewusstsein des Künstlers" betont hat.

Mit rund 55 Werken fächert die Ausstellung diese These nach Werkgruppen überzeugend auf. Darunter sind programmatische Selbstporträts wie die Begegnung mit dem Sammler Alfred Bruyas, "La Rencontre ou Bonjour Monsieur Courbet", in dem der Maler hellsichtig ein schwieriges Verhältnis beschreibt, das heute noch den Kunstmarkt prägt. Dazu zählen die Landschaften mit ihren dunklen Grotten und Quellen, die wie schwarze Löcher in der Bildmitte sitzen. Oder die nackten Frauen am Wasser, die einen neuen Kontext für das gezeigte Skandalbild "L’Origine du monde" schaffen. Nicht zuletzt auch die Meer- und Winterdarstellungen, auf denen Bewegung und Farbe Atmosphäre, Wasser und Schnee fast greifbar werden lassen. Hier gibt der Maler der Farbe eine plastische Präsenz.

Gustave Courbet in Basel & Genf:

Gustave Courbet

Fondation Beyeler, Basel-Riehen, bis 18.01.2015

Gustave Courbet. Die Schweizer Jahre

Musée Rath, Genf, bis 04.01.2015


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