Niki de Saint Phalle in Paris

Die Mutter der Nanas

In Deutschland ist Niki de Saint Phalle vor allem durch ihre »Nana«-Figuren bekannt. Im Pariser Grand Palais eröffnete 2014 eine große Retrospektive der französisch-schweizerischen Künstlerin.
Niki de Saint Phalle, die Mutter der Nanas

Niki und Paris: Nicht nur im Grand Palais, auch vor dem Centre Pompidou ist Niki de Saint Phalle prominent vertreten. Im Bild: der Brunnen "Hommage a Strawinsky", den sie gemeinsam mit Tinguely gestaltet hat.

Kunst ist gefährlich. Beweis: Diese Ausstellung beginnt mit einer Drohgeste. Die schöne Niki, als Braut verkleidet, nimmt uns ins Visier ihres Karabiners, Kaliber 22, wenn wir in aller Unschuld und freudiger Erwartung per Rolltreppe zum Eingang hochschweben. Zwar nur ein Videoloop, aber eindringlich und mit einer klaren Botschaft – in dieser Frau schlummert eine Bombe.

So verschmitzt geht es weiter: Frühe Arbeiten aus der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, als Niki, geschiedene Frau Mathews von der naiv malenden Frau und Mutter zur freien Künstlerin wurde. Linker Hand die bunten Reliefs mit viel aufgeklebtem Plastikspielzeug, rechts große Bildformate wie "Schiff" oder "Rosa Akt in Landschaft": Muscheln, Porzellanstücke und anderer bemalter Alltagsabfall, gekreuzt mit europäischen und amerikanischen Malerei-Einflüssen. In diesen Bildern ist das Zentrum flächig und gegenständlich, bunt und bewusst naiv, doch drumherum regnet es schwarzweisses Pollocksches Dripping. Nikis erste ernsthafte Werkphase, nach amateurhaftem Beginn vor 1956, wirkt wie Dubuffet auf Droge. Diese Frau hätte auch Terroristin werden, so viel in die Kunst fließende Anarchie auch daneben gehen können.

Ist sie aber nicht: Inmitten des Frühwerks schaut den Besucher ein großes "Selbstbildnis" von 1958/59 an. Ein einziges verstecktes Fragezeichen, dieses Bild, Selbstzweifel einer aus bester New Yorker Familie stammenden ehemaligen Klosterschülerin; zwischen den USA und Frankreich pendelnd, eine autodidaktische Quereinsteigerin, die, immer wieder von Depressionen zermürbt, bestens vertraut war mit den literarischen wie künstlerischen Kreisen ihrer Zeit. Wie breche ich aus? Ich weiß, wo ich herkomme, aber wo gehe ich hin? Wie werde ich das Bürgertum los, eine mich auffressende Familie, die Erinnerung an einen inzestuösen Vater?

Schon der nächste Saal der sich über zwei Etagen des Grand Palais ausbreitenden Ausstellung bringt künstlerische Antworten: Ein halbes Dutzend Skulpturen von Hexen im weissen Brautkleid. Selbstbefreiung einer Frau, die nicht mehr nur hübsches Covergirl, sexuelles und sentimentales Objekt sein will, die bereit ist zur – künstlerischen – Gewaltanwendung. Die Horror-"Bräute" sind die aggressiven Vorläuferinnen der ab 1965 produzierten "Nanas", jenen scheinbar gemütlichen Puppen in bunten Farben, für die Niki Saint Phalle berühmt wurde. Und denen sie durch ihren Erfolg fast zum Opfer gefallen wäre. Ein lange gültiges, aber bedauerliches Missverständnis, laut Camillie Morineau, langjährige Kuratorin am Centre Pompidou. Ihre Schau, die nächstes Jahr ins Guggenheim Bilbao weiterwandern wird, zeigt ein vielseitiges und komplexes Gesamtwerk, das nicht auf ein einziges populäres Markenzeichen reduziert werden darf.

Nicht zuletzt dank Niki de Saint Phalle wurde der Begriff Nana zum Ehrentitel

Da sind zum Beispiel die skulpturalen Stillleben der frühen sechziger Jahre wie der "Altar der Frauen", ein Konglomerat von Püppchen und Gipsungeheuern, ein Altar, auf welchem die Frau als Braut und Mutter geopfert wird. Oder "Lucrezia, das weiße Ungeheuer. Jede Menge Waffen, Revolver, Äxte, Messer, in Gips versteckt. Aber auch der fast zwei Meter hohe Obelisk aus Glassteinchen und Kunstharzherzen von 1989, der nichts anderes ist als ein bunter Phallus.

Dieser Vielseitigkeit trägt die Ausstellung Rechnung, indem sie von Saal zu Saal ihren Auftritt radikal wechselt, mit starken Farben, von Blutrot bis Dunkelblau, spielt und sich vor allem multimedial gibt. Intelligente Beschwörung einer Künstlerin, die mit Malerei und Plastik, Performance und Film zugleich arbeitete und als Erste – zeitgleich mit Andy Warhol – auf allen möglichen medialen Hochzeiten tanzte. Berühmt ihre Schießaktionen, wenn sie, ab 1961 vor Publikum oder Kamera, mit dem Karabiner malte, indem sie Figuren beschoss, in denen Farbbeutel versteckt waren. Weniger bekannt, dass die schöne Nikki mit dem unschuldigem Aufschlag ihrer strahlend blauen Augen lange vor ihrer Künstlerkarriere Covergirl war, veröffentlicht von "Life" bis "Vogue", eine damals schon aufmüpfige Modepuppe und spätere Frauenrechtlerin, militant, ehe das Wort "Feminismus" überhaupt geläufig wurde.

Den Nanas, diesen ironischen Puppen mit großem Busen und scheinbar kleinem Kopf, gefertigt aus Gips oder Mosaikglas, begehbar wie die 1966 in Stockholm aufgebaute gigantische Hon, oder aufgeblasen als Ballon aus Plastik, ist natürlich in Paris ein eigener Saal gewidmet, mit Drehbühnen und dramatischer Lichtführung. Nana ist nicht nur der Vornahme einer Prostituierten im gleichnamigen Roman von Émile Zola, sondern auch der leichtabfällige Begriff für die Freundin, mit der mann gerade "geht". Nicht zuletzt dank Niki de Saint Phalle wurde Nana aber auch zum Ehrentitel, mit dem junge Künstlerinnen noch heute ihre weiblichen Kollektive benennen. Was immer Niki dachte, titelte, sagte oder beschoss – es machte Furore.

Niki de Saint Phalle

  • Geboren: 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich
  • Gestorben: 21. Mai 2002 in La Jolla, San Diego, Kalifornien, Vereinigte Staaten

Berühmt wurde Niki de Saint Phalle vor allem mit ihren Nanas, farbenfrohe Frauenfiguren mit runden Formen, die die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Hannover oder Duisburg, installierte.

Niki de Saint Phalles letztes Großprojekt, der Tarotgarten in der Toskana, blieb unvollendet

"Mein Publikum ist das große Publikum" ist ein wichtiges Kapitel überschrieben – Niki de Saint Phalle dachte weit über die damals noch Kunstszene hinaus. Beeinflusst von der Architektur eines Gaudí und dem französischen Garten des Facteur Cheval, vom mexikanischen Totenkult, den sie kennenlernte, als sie im südkalifornischen La Jolla lebte, aber auch von billiger Jahrmarktästhetik oder Ruinenstädten wie dem kambodschanischen Angkor Watt. Sie entwarf Großskulpturen, baute mit ihrem Lebensgefährten Jean Tinguely öffentliche Erlebnis-Brunnen, finanzierte selbst ihre letzte, noch im Todesjahr 2002 unvollendete Großtat, den Tarotgarten in der Toskana. Und sie scheute sich nicht, im Alter ihr Markenzeichen, die Nana, als zeitgenössische Micky Maus in Form von Schlüsselanhängern, Broschen, Puppen zu verhökern, was sie populär machte, den angeblich so seriösen Kunstbetrieb, in dem der kommerzielle Postpop eines Murakami oder Richard Prince noch nicht angekommen war, aber zusammenzucken ließ.

Die Pariser Ausstellung ist die erste große Retrospektive Niki de Saint Phalles seit Jahrzehnten. Bestückt unter anderem aus den reichen Beständen des hannoverschen Sprengel Museums, der Stadt, die sie im Jahr 2000 zur Ehrenbürgerin gemacht hat, ist natürlich – "Mein Publikum ist das große Publikum" – überlaufen, die Schlange vor dem Grand Palais nervend lang. Vor allem aber ist sie eine perfekte Wiedergutmachung – Hommage an den frühen Pop-Star Niki de Saint Phalle, eine in jeder Hinsicht wegweisende Künstlerin.