October Salon - Belgrad

Endlos gegenwärtig

Der 55. October Salon Belgrad, die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Serbien, kreist um die Krise der Erinnerung im digitalen Zeitalter.

"Disappearing Things": Vom Verschwinden der Dinge handelt der soeben in Belgrad eröffnete 55. October Salon.

Es geht dabei um die zunehmende Auflösung von privater und kollektiver Erinnerung in unserem digitalen Zeitalter, in dem Vergangenheit und Zukunft einer endlosen Gegenwart gewichen sind. Der 1960 gegründete October Salon Belgrad (benannt nach dem Monat der Befreiung Belgrads 1944) gilt als wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Serbien. Seit 2004, mit Übernahme der Organisationsleitung durch das Kulturni centar Beograda, ist die Veranstaltung international ausgerichtet. Realisiert mittlerweile von eingeladenen auswärtigen Kuratoren, gastiert der October Salon an wechselnden Orten in der Stadt. Die 55. Ausgabe wurde von Nicolaus Schafhausen und Vanessa Joan Müller, Direktor und Dramaturgin der Kunsthalle Wien, konzipiert. Es ist eine von schwebenden Bildern, zersplitterten Geschichten und unterbrochenen Gedankenströmen getragene Schau, die dem Spektakel unserer Eventkultur die subtilen Energien der leisen Töne entgegensetzt. Im historisch und kulturell vielfach gebrochenen Belgrad erhält die künstlerische Beschäftigung mit dem Stand von Erinnerung und Geschichtsschreibung im Zerrspiegel der Bilder besondere Brisanz.

Film und Fotografie sind in der Ausstellung stark vertreten, zudem Collagen aus medialen Fund- und Bruchstücken. Über 30 Künstlerinnen und Künstler, vorwiegend aus Serbien und umliegenden Regionen, nehmen daran teil. Hinzu kommen einige internationale Akteure wie Edith Dekyndt, Simon Denny, Liam Gillick, Marko Lulic und Meggy Rustamova. Es gibt darin viele spannende, bisher eher unbekannte Positionen zu entdecken. Die Auswahl trafen die Kuratoren aus fast 250 Einsendungen eines Open Call, der sich gezielt an Künstlerinnen und Künstler aus der Region richtete. Damit legen sie den Fokus auf lokale Protagonisten, die abseits der eingefahrenen westlichen Kunstpfade sonst kaum wahrgenommen werden. Und machen präsent, was diese im erweiterten Kontext der überregionalen Kunstproduktion gegenwärtig bewegt.

Der 55. October Salon tagt in der historischen Militärakademie im Zentrum Belgrads. Nach langem Leerstand soll hier künftig das heimatlose Stadtmuseum Muzej grada Beograda einziehen. Im benachbarten ehemaligen Generalstabsgebäude hat die jüngere Geschichte brachiale Spuren hinterlassen. Nato-Bomben zerstörten die Anlage 1999 in weiten Teilen. Die Kriegsruinen ragen bis heute aus dem Stadtgefüge heraus. Sie sind ein bleibendes, krasses und sehr konkretes Gegenstück zu den flüchtigen Bildmedien, um die die Ausstellung kreist. Die Realität der Ruinen mit ihren durchlöcherten Fassaden, durch die jetzt freigelegten Fenster der einstigen Militärakademie ständig sichtbar, schafft eine aufrüttelnde Rahmung für die gezeigten Arbeiten, die den ständigen Strom unserer bildsaturierten Welt kraft ihrer ästhetischen Stör- und Transformationsprozesse verlangsamen, wenden und neu lesbar machen.

Das klar strukturierte, anmutige Raumgefüge des Berliner Architekten Roger Bundschuh gibt den flirrenden Filmimages und ephemeren Momentaufnahmen, Klängen und Bildern Halt, ohne sie visuell zu überlagern. Die über zwei Stockwerke verlaufende Ausstellung startet mit Installationen, die Fragen zur Fähigkeit der allgegenwärtigen Zeichenflut des Internet aufwerfen, die Wirklichkeit zu erfassen. Simon Denny (*1982, Neuseeland) beschäftigt sich mit der Smartphone-App Snapchat, die Botschaften umgehend nach ihrem Absetzen selbsttätig löscht. Der britische Künstler Liam Gillick schaut in beklemmenden, halbdokumentarischen Szenen auf unsere Erinnerungskultur, auf die Machtstrukuren, die sie lenken, und auf das Ende sinnstiftender Erzählungen. Der aus Belgrad stammende Luka Knezevic-Strika führt die Konsequenzen des digitalen Fotobooms auf die Herstellung, Bewertung und Bewahrung von Bildern vor Augen. An anderer Stelle der Schau zeigt er die Ergebnisse eines Handels: Auf einem Platz in der Belgrader City bot er Fotos zum Tausch an. Geldscheine, Süßigkeiten und anderes mehr ersetzen in einer Wand-Assemblage die vom virtuellen in den "realen" öffentlichen Raum zurückgeholten Bilder.

Im weiteren Verlauf begegnet man Meggy Rustamovas (*1985, Tbilisi) geheimnisvoller visueller Narrative auf den Spuren einer verschwundenen Frau und Leon Kahanes unheimliche Verweise auf die Warschauer Sicherheitsfirma Frontex, die die EU-Grenzen bewacht. Die Belgrader Künstlerin Dragana Zarevac hebelt schrittweise beschwingte YouTube-Clips zum Pop-Hit "Happy" durch Internet-Ansichten von Krieg und Gewalt aus, während Marko Lulic mit seinen baugeschichtlichen Kürzeln und Umdeutungen gesellschaftspolitische Mangelerscheinungen und Paradigmenwechsel aufdeckt. Leonard Qylafi (*1980, Albanien) hat Propaganda-Fotos in Malerei umgewandelt, deren verwischte Farbigkeit Paraden und Luftballontrauben zu Ornamenten einer reglementierten Vergangenheit abstrahiert. Insgesamt überwiegen in der Ausstellung Film- und Fotobilder, Dokumente, Schnappschüsse und Remakes aus dem kollektiven Pool der Medienimages, dem Verbands- und Familienalbum: offene Fragmente, ohne Anfang und ohne Ende, wie die transparente Fahne im Video von Edith Dekyndt, die als ultrazartes Friedenszeichen vor hellem Himmel im Wind flattert und nahtlos mit der Umgebung verfließt. Nationale Zugehörigkeit ist hier unbeschränkter Weite gewichen. Der 55. October Salon kontert die Schnelllebigkeit der Bilder, die sich heute in der zweiten Wirklichkeit des Internet, der Datenspeicher und sozialen Netzwerke nonstop vermehren und überlagern, durch Entschleunigung. Man muss innehalten, sich Zeit nehmen, genauer Hinsehen. Dann entfaltet sich die nachhaltige poetische Intensität dieser Schau.

"Disappearing Things"

55. October Salon Belgrad, 20.9.–2.11.2014
(Neues Gebäude des Belgrade City Museum, Resavska 40b, Belgrad)
Ab November zeigt die Kunsthalle Wien Filme aus dem Programm des 55. October Salon Belgrad
http://oktobarskisalon.org/pocetna/