Friedrich Vordemberge-Gildewart - Berlin

Der Geheimtipp des Konstruktivismus

Kaum einer kennt ihn, den wohl einzigen deutschen Vetreter des Konstruktivismus. Die Berliner Galerie Berinson widmet Friedrich Vordemberge-Gildewart eine kleine Ausstellung und zeigt zehn Werke.

Wo sich ja heute so viele junge Künstler auf die Klassische Moderne beziehen, lohnt sich manchmal ein Blick auf die Originale. In kondensierter Form kann man das jetzt in der Galerie Berinson tun. Mit Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 bis 1962) zeigt sie einen dem breiten Publikum eher unbekannten Vertreter des Konstruktivismus – und legt dabei mit nur zehn Bildern eine kleine, feine Ausstellung hin, die so auch im Museum stattfinden könnte.

Bis heute zählt VG, wie sich der Künstler selber nannte, nicht zu den Großkünstlern seiner Zeit. Vielleicht, weil sein Werk nur 200 Gemälde umfasst, vielleicht, weil er keine Anna Blume erfand wie Kurt Schwitters oder weil er einfach nicht nach Amerika auswanderte wie Mondrian. Anders als der 27 Jahre Ältere ging VG nie vom Gegenstand aus, sondern begann sofort das reduzierte geometrische Spiel mit Formen und Farben, bei dem er sein Leben lang hartnäckig blieb. Dass er deshalb als einziger deutscher Konstruktivist gilt, hat dennoch nicht ausgereicht, ihm internationalen Ruhm zu verschaffen. VG ist vielmehr ein Nebendarsteller, ein Geheimtipp, einer für Eingeweihte – und für Osnabrücker, die ihn dank einer Stiftung als Lokalhelden mit Stadttouren und Geburtshaus feiern.

Die Liebe zur abstrakten Kunst

Geboren wurde VG dort 1899 als Sohn eines Tischlers und ging zunächst davon aus, dass er den familiären Betrieb übernehmen würde. Auf Wunsch des Vaters studierte er nach seiner Lehre Innendesign an der Kunstgewerbeschule in Hannover – und entdeckte prompt seine Liebe zur abstrakten Kunst. Hannover war um 1920 ein Melting Pot der Avantgarde: Dada war allgegenwärtig, in Kurt Schwitters' Wohnhaus und der Kestner-Gesellschaft trafen sich Dichter, Musiker und Künstler, die Galerie von Garvens zeigte die neuesten Entwicklungen der Abstraktion aus Frankreich und Russland, und das Bauhaus in Weimar war nicht weit. VG wurde also direkt hineingeworfen in das intellektuelle Klima um eine Kunst, die Theo van Doesburg später so formulierte: "Das Kunstwerk muss im Geist vollständig konzipiert und gestaltet sein, bevor es ausgeführt wird. Es darf nichts von den formalen Gegebenheiten der Natur, der Sinne und Gefühle enthalten. Wir wollen Lyrismus, Dramatik, Symbolik usf. ausschalten. Das Bild muss ausschließlich aus plastischen Elementen konstruiert werden, d.h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als es selbst. Denn wir haben die Zeit des Suchens und der spekulativen Experimente hinter uns gelassen." Genauso begann VG nach ersten Experimenten mit Bildhauerei 1923 mit ersten Gemälden: "Ich entwickelte Bilder aus dem Material selbst, aus meinem eigenen Gespür für Komposition, nicht indem ich meine eigenen Versionen von Objekten aus der Natur produziere." Ein Jahr später gründete er die Gruppe K, zusammen mit Hans Nitzschke, aus der später die international bekannte Gruppe "die abstrakten hannover" hervorging. Es folgte eine Ausstellung in der Kestnergesellschaft, Erich Maria Remarque – den VG noch aus Osnabrück kannte – schrieb das Vorwort.

Angekommen in der internationalen Szene

Es war der Startschuss für seine Karriere: Schwitters, Hans Arp und von Doesburg zählten bald zu seinem engsten Kreis. Letzterer nahm ihn in die "De Stijl"-Gruppe auf und lud ihn nach Paris ein – in der Ausstellung "L’art d’aujourd’hui" 1925 war VG der einzige, der ein Bild verkaufte. Van Doesburg stellte ihm auch Man Ray, Tristan Tzara und Georges Antheil vor – VG war angekommen in der internationalen Szene, und als er nach Hannover zurückkehrte, folgte Einladung auf Einladung. Doch dann kam der Krieg, und VG war mit einer jüdischen Frau verheiratet. In einer Stadt, deren Landesmuseum als weltweit erstes Museum einen Raum ausschließlich mit Gemälden der Moderne von Mondrian über Fernand Leger und Pablo Picasso bis hin zu VG besaß, den El Lissitzky dort 1927 als "Kabinett der Abstrakten" eingerichtet hatte, war der Abzug der Bilder in Hitlers Schau "Entartete Kunst" nach München ein doppelter Schlag. Die nächsten 16 Jahre waren für VG geprägt von Umzügen, nach Berlin, Zürich, Amsterdam.

Isolation im Exil

VG malt auch im Exil weiter, verfolgt konsequent seine Linie, und bleibt sich auch nach 1945 treu. Was einmal mit einer reduzierten Farbpalette begonnen hatte, erst kleinteilig, dann immer großflächiger, fängt in den Niederlanden an zu leuchten, in kräftigem Blau, Grün, Rot und Gelb. Bezüge zu Musik und Tanz erscheinen in offen komponierten Räumen mit kleineren Elementen, ein Triptychon wie "Komposition Nr. 167" (1947/48) zeigt klar diesen spielerischen Ansatz. Dabei kommt er in Amsterdam nie wirklich an, fühlt sich isoliert und nicht anerkannt. In der Nachkriegszeit wird es nicht leichter. Zwar arbeitet VG an Buchprojekten, wie sie seine gesamte Laufbahn begleiten, doch plötzlich interessiert man sich in Amsterdam eher für die Cobra Gruppe um Karel Appel, und in Hannover findet der neue Direktor der Kestner-Gesellschaft, "dass meine Arbeiten exzellente Beispiele für Gebrauchsgrafik wären", wie VG in einem Brief an den Kritiker Franz Roh beklagt. Genau diese funktionale Sichtweise auf die Dinge bereitet ihm Kopfschmerzen, als er in den Fünfzigern eine Professur an der Ulmer Hochschule für Gestaltung annimmt, die ihm zudem kaum noch Zeit für seine eigene Kunst lässt.

Ein Berufsjugendlicher

Als er 1962 stirbt, liegen die goldenen Zwanziger also lange hinter ihm.
Es kann sein, dass hier jemand zeitlebens eine Art Berufsjugendlichkeit zelebriert hat, an den Einflüssen seiner frühen Jahre festhielt wie an einem sinkenden Schiff. Doch zu erkennen, dass trotz dieser störrischen, eigenbrötlerischen Haltung auf nur wenigen Werken eine immense Kompositionspalette entstanden ist, und dass genau darin die Qualität dieses Künstlers liegt, der definitiv mehr war als ein Nebendarsteller – dafür reichen auch nur zehn Bilder.

Friedrich Vordemberge-Gildewart

bis 20. Dezember,
Galerie Berinson,
Berlin



http://berinson.de/exhibitions/gemalde/