Blue Times - Wien

Eine Ausstellung macht blau

Die Wiener Kunsthalle versammelt allerhand blaue Kunst – und wird vor allem da spannend, wo es um den Alltag geht

Ohne Yves Klein geht das natürlich nicht, eine Ausstellung über die Farbe Blau. Mag sie auch noch so quer gedacht sein. Immerhin hängt das blaue Monochrome dann nicht auf der klassisch weißen Wand, sondern wird von klassischen Arabesken hinterfangen, in blau natürlich.

Was genau Liam Gillick mit dem Zitat des griechischen Mäander-Musters bezweckt, bleibt zunächst unnötig wirr: "Farbe wird hier in Bezug auf die jeweilige Form eingesetzt, um die Vergeblichkeit des Unterfangens aufzuzeigen und doch dem kritisierten System anheimzufallen", versucht das Ausstellungsbooklet zu erklären, was vielleicht gar nicht erklärt werden sollte. Ist schließlich einfach schön, diese Wandmalerei mit der integrierten Klein-Ikone, ausgeborgt aus dem benachbarten Museum moderner Kunst.

Wobei die Ausstellung "Blue Times" im gesamten nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich ziemlich anregend gelungen ist. Von Gastkuratorin Amina Gad (Serpentine Galleries, London) und dem Wiener Kunsthallen-Direktor Nicolaus Schafhausen zusammengestellt, besticht erst einmal das überraschende Bekenntnis zu Reduktion – könnte man doch annehmen, dass bei diesem universalen Thema jegliche kuratorischen Hemmungen fallen. Aber nein, Verknappung! Auf rund 30 Künstlerinnen und Künstler. Allein im sogenannten "Blauen Salon" versucht man das ein wenig kleinmütig wieder zu relativieren, indem man hier alles reinsteckte, was einer "Denkfabrik" (fünf Mitglieder, drei Kuratoren) so alles einfiel an Plattencovern, Büchern, Alltagszeugs wie Buntstifte und Parfumflakons. Naja.

Dafür wird in der großen Halle nicht gekleckert, sondern geklotzt, mit auffallend vielen monochromen Bildern beziehungsweise Bildobjekten, seien diese aus grober Jeans-Baumwolle, aus EU-Fahnen-Stoff oder aus mit Dutzenden Schichten Zellophan aufwendig umwickelten Gipsplatten. Letztere seltsame Arbeit hat sich der junge Australier Michael Staniak angetan, die großen Bilder sehen aus wie Drucke irgendwelcher Adern-Landschaft, sind aber äußerst feine Reliefs. Es geht ihm um die Idee der Verflachung durch die digitale Bildwelt, durch die wir tagtäglich surfen. So dominiert die Farbe Blau etwa die Logos der Social-Media-Plattformen, da sie laut Marktforschung "Verlässlichkeit, Freundschaft und Vertrauen" symbolisiert.

Keine Grenzen bei Symbolik und Assoziationen dieser Farbe, vom kapitalistischen "Blue Chip", dem Billy Apple einen zynischen Sockel widmet, bis zum "Blauen Reiter", den Walter Swennen als kitschigen Musketier persifliert. Oder eben die EU-Flagge, deren Geschichte, der 1982 in den Niederlanden geborene Remco Torenbosch recherchierte, und aus dem Straßburger Europarat-Archiv Stoffproben und Teile des Briefverkehrs um die Entstehung des Sternenkranzes auf blauem Grund ausstellt.

Staatstragendes hat auch Goshka Macuga recherchiert: Als Colin Powell 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat zur Irak-Invasion sprach, wurde Picassos Guernica im Hintergrund mit einem blauen Vorhang verhängt – daran will sie unter anderem mit ihrem Teppichbild erinnern, das Prinz William bei einer Rede vor dem Anti-Kriegs-Gemälde zeigt.

Es sind diese Informationen, die eher auf unseren unbewussten Umgang mit dieser Farbe abzielen, die diese Schau am spannendsten machen. Warum ist das Blau in der Porzellankunst so beliebt? Der Beiruter Raed Yassin ließ chinesische Porzellanvasen mit blauen Bildern des libanesischen Bürgerkriegs bemalen. Wieso schreiben wir in Blau? Irma Blank, eine weitgehend unbekannte, 1934 in Celle geborene Zeichnerin, hat seit Aufkommen des blauen Plastikkugelschreibers Ende der Sechziger Jahre viel Papier mit winzigen Strichen eingefärbt oder schraffiert. Überall diese Farbe des Mysteriums. "Do not think of the color blue for 30 seconds", schreibt Sylvie Fleury in Leuchtschrift an die Wand. Unmöglich, weiß sie, wissen wir – und alle Werbespezialisten und Marktforscher dieser Welt.

Blue Times

bis 11. Januar 2015 in der Kunsthalle Wien
http://www.kunsthallewien.at/?event=63248-blue-times