Glenn O'Brien - Berlin

Dada ist nicht tot!

Glenn O'Brien, sophisticated vom Haaransatz bis zur Fußsohle, ist eigentlich mehr als nur eine Person: Literat, Werber, Journalist, Kunst- und Musikkenner, Stilberater. Bereits in sehr jungen Jahren von Andy Warhol mit einem Job bei dessen "Interview Magazine" betraut, gehörte O'Brien später zu den herausragenden Magazinmachern der New Yorker Szene. In der Berliner Galerie Blain|Southern hat der Stil-Kolumnist von "GQ" und zeitweilige Autor von "Artforum" nun eine substanzielle Schau zum "Wort" in der Kunst kuratiert.

art: Herr O'Brien, wie gelang es Ihnen in weniger als drei Monaten diese umfassende Schau über das "Wort" in der Kunst mit zahlreichen Stars zusammenzutragen?

Glenn O'Brien: Eine ganze Reihe von Künstlern sind meine Freunde, einige Arbeiten kommen von mir bekannten Händlern. Als ich diesen Juli von Blain|Southern nach einer Ausstellungsidee gefragt wurde, war mir sofort klar, dass ich eine Schau mit Wörtern in der Kunst machen wollte. Der lateinische Titel "Sed Tantum Dic Verbo" zu "Just Say the Word" ist meiner Schulausbildung zu verdanken. Eine Arbeit wie die von Jack Pierson ist eigens für die Ausstellung entstanden.

Wie hat sich das Verhältnis der Künstler zur Sprache in den letzten Generationen geändert?

Es gibt mehrere unterschiedliche, auffällige Faktoren. Ein entscheidender ist, dass die meisten Kunstwerke heute im Unterschied zu der Kunst vor dem Zweiten Weltkrieg erklärungsbedürftig sind. Deshalb sind Künstler abhängig von Kritikern, Kuratoren und anderen mit der Auslegung beschäftigten Menschen geworden. Meiner Meinung nach müsste das nicht so sein. An der Kunst mit Wörtern mag ich vor allem auch, dass sie die Erklärung in sich selbst trägt.

Ein Schlüsselwerk in der Ausstellung ist "One and Three Lamps" von Joseph Kosuth aus dem Jahre 1965, die sich in Gegenstand, Bild und Text aufspaltet.

Kosuth ist wirklich ein sehr alter Freund von mir, so dass ich mich über viele Jahre hinweg intensiv mit seinem Werk beschäftigt habe. Ich halte ihn für ungeheuer einflussreich. Kosuth und Lawrence Weiner waren die ersten Künstler, die Wörter in die Konzeptkunst eingeführt haben. Die andere große Inspiration rührt von Dada her. Wenn man sich eine Collage von Dash Snow anschaut, so könnte sie fast aus den zwanziger Jahren stammen.

Auch Dash Snow, der 2009 mit nur 27 Jahren an einer Überdosis Heroin starb, kannten Sie persönlich.

Ja, ich schrieb erst letztes Jahr einen Text zu dem posthum erschienenen Buch.

Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die Rezeption von Sprache bei Künstlern um die 30 von der älteren Generation?

Junge Künstler beziehen sich nicht stark auf die Kunstgeschichte, und es interessiert sie in der Regel auch nicht sonderlich, was die ältere Generation über sie denkt – das wirkt vielleicht etwas sonderbar. Aber ich denke, dass es auch ungemein schwer ist, etwas ergreifend Neues in der Kunst zu finden. Das ständige Suchen nach Referenzen in Hinsicht auf eine historische Perspektive führt auch nicht unbedingt weiter.

Offensichtlich ist das Auftauchen von sprachlichen Elementen mehr mit der amerikanischen Kunst verknüpft und hat viel mit der Werbung zu tun. Man denke nur an die Tradition von Andy Warhol bis hin zu Barbara Kruger.

Ja, wahrscheinlich beschäftigten sich in der Tat amerikanische Künstler am intesivsten damit. Andererseits kann man das Kalligraphische in der arabischen und chinesischen Tradition in den Arbeiten einiger europäischer Künstler reflektiert finden. Es gibt zwei Arbeiten von Brion Gyson in der Ausstellung. Sie wissen bestimmt, dass er mit William S. Burroughs zusammengearbeitet hat. Man könnte fast denken, dass es sich bei seinen Skripturen um arabische Schrift handelt, aber Gyson hat sein eigenes besonderes Alphabet aufgestellt.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie auf die Beat Generation, Poetry und Kunst zurückblicken?

Gyson war gewissermaßen isoliert von der Kunstwelt, obwohl er meiner Ansicht nach eine sehr wichtige Figur war – insbesondere wegen seiner Cut-Out-Technik, die Burroughs im Übrigen auch eingesetzt hat. Als typischer Vertreter der Beat Generation verbrachte er einen Großteil seines Lebens in Nordafrika. Er betrieb einen Nachtclub in Tanger mit traditioneller Musik und Tänzen des Landes. Gyson war sowohl Maler als auch Schriftsteller und wurde ein Freund von Burroughs. Er arbeitete gerade an einigen Zeichnungen, als er mehr oder minder zufällig etwas Typographisches ausschnitt und neu kombinierte. So fand er eher beiläufig heraus, dass eine Menge interessanter Dinge bei dem Re-Arrangement der Wörter passieren. Er und Bourroughs dachten, dass dies ein Weg sein könnte, wie man die Kontrolle der Welt durch die Medien unterwandern könnte. Und zwar, indem sie die von den Medien benutzten Wörter anders kombinierten, so dass man sich über ihre Aussagen Gedanken machte. Ich denke, diese Methode ist immer noch wichtig.

In ihrer Ausstellung taucht auch immer wieder die Geschichte von Dada auf, auch wenn deren Philosophie und Technik anders als die der Beat Generation ausgerichtet war."

Das stimmt! Gemeinhin denkt man immer, dass eine Periode auf die andere folgt und damit das Vorangegangene vorüber ist. Aber das stimmt nicht. Dada ist nicht tot! Und auch der Abstrakte Expressionismus ist nicht tot!

Viele Arbeiten besitzen etwas stark Suggestives, wenn man zum Beispiel an Douglas Gordons "Do something evil" von 1997 denkt. Die Wortbilder appellieren sehr direkt und oft auf verwirrende Weise mit dem Betrachter.

Eine ganze Reihe von Arbeiten bezieht das Abgründige und Bizarre des Menschlichen ein. Ähnlich verhält es sich auch mit den Witzen von Richard Prince. Im Fall von Prince und im Kontext von Douglas Gordon funktioniert der Witz eher wie ZEN – er scheint zuerst sehr simpel, aber je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr psychologische Ebenen öffnen sich. Das hat etwas von einer Meditation an sich.

Teils wurde das Abstrakte in den Witzen von Richard Prince ohnehin nicht wirklich verstanden. Welches Bild in der Ausstellung ist am meisten mit Ihrer Lebenseinstellung verbunden?

Christopher Wool, hier mit der Arbeit "Fool" von 1990 vertreten, berührt mich sehr. Das Bild auf Aluminium gehört mir auch, ich lieh es aus, weil die Galerie etwas anderes als eine Papierarbeit von Wool wollte. Und ich schätze Richard Prince gerade für sein mit abstrakter Malerei kombiniertes "Joke Painting", in der Ausstellung findet sich ein Exemplar von 1996. Anders als die reinen Witzbilder von Prince unterschätzte man diesen später entstanden Bildtypus lange, das hat sich mittlerweile etwas geändert.

Wie könnte die Zukunft der Sprache in der Kunst bestellt sein? Sehen Sie eine neue Tendenz?

Das Literarische wird heute in einer vollkommen anderen Art konsumiert. Nehmen wir allein Twitter, wo man nicht mehr als 140 Zeichen pro Kurznachricht verwenden kann. Als ich 1970 nach New York zog, war Poetry ein heißes Ding, heute ist es das mitnichten. Ich denke, dass die Interaktion zwischen den verschiedenen Medien und ihr Mix eine neue Herausforderung darstellen. So ist die Poesie auf gewisse Weise in die bildende Kunst übergesprungen, und ich denke, dass wir gerade dabei sind, diese auch in die neuen Medien und digitalen Medien zu übersetzen. Barbara Kruger kam mit ihrer Ästhetik aus den Magazinen, und heute können wir Künstler finden, die sich aus dem Digitalen erklären. Viele arbeiten jedenfalls gerade daran, selbst Richard Prince hat schon Dinge auf Instagram and Twitter gezeigt. Und im Moment arbeitet er sogar an einem via Twitter realisierten Werk. Viele sind etwas verwirrt über sein Vorgehen. Aber es ist interessant, weil es interaktiv ist. Und es ist sicher auch eine Reaktion gegen die Millionen-Dollar-Preise seiner Kunst.

Wie sieht es mit Ihnen aus? Nutzen Sie Social Media?

Ich bin süchtig nach Twitter! Mein Leben lang habe ich Poetry geschrieben, aber ich arbeitete auch viel in der Werbung. Ich schätze die Werbung gar nicht gering, mehr noch, ich bin sogar stolz auf meine Advertising-Arbeiten. Der Einsatz von Sprache in der Werbung, also mit wenigen Worten visuell zu kommunizieren, ist für mich sehr entscheidend. Im Moment versuche ich ein Buch mit meinen Twitter-Texten herauszugeben.

Haben Sie eine starke Beziehung zu Berlin? Sind Sie oft in der Hauptstadt?

Ich bin erst zum dritten Mal in Berlin! Ich kam erstmals vor drei Jahren hierher, um ein Buch mit Thomas Scheibitz zu machen. Thomas und ich wurden Freunde, und so reiste ich auch zu einer seiner Eröffnungen an. Ich wünschte, ich wäre früher schon nach Berlin gekommen. Es erinnert mich an die Zeit, als New York noch ein Hauptstadt der Kunstproduktion war. Es herrschte eine sehr relaxte und kollegiale Atmosphäre. Heute ist New York zwar immer noch ein Zentrum in der Kunstwelt, aber das betrifft eher die kommerzielle Seite.

SED TANTUM DIC VERBO (JUST SAY THE WORD)

bis 20. Dezember,
Galerie Blain|Southern,
Berlin
http://www.blainsouthern.com/exhibitions/2014/sed-tantum-dic-verbo-%28just-say-the-word%29