Henri Matisse - New York

Das zweite Leben

Die Scherenschnitte von Henri Matisse bilden einen Höhepunkt in der Karriere des französischen Künstlers. Über 100 Werke sind jetzt im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen, darunter auch eine Arbeit, die 20 lange Jahre nicht ausgestellt war.

"Une seconde vie", ein zweites Leben, nannte Henri Matisse die letzten 14 Jahre bis zu seinem Tod im Alter von 84 Jahren.

1941 wurde dem Maler Krebs diagnostiziert. Nach einer Operation war er an den Rollstuhl gebunden, die letzten Jahre bis 1954 an das Krankenbett gefesselt. Doch Matisse fand neuen Lebenswillen, mit seinen Scherenschnitten eine neue Ausdrucksform und mit Lydia Delectorskaya eine hübsche Assistentin, die mit dem Meister arbeitete und ihm Gesellschaft leistete.

Malen mit der Schere, nannte Matisse seine Arbeit, die in ihrer radikalen Einfachheit einen Höhepunkt in seiner Karriere darstellt. "Ich brauchte all diese Zeit, um eine Phase zu erreichen, in der ich sagen kann, was ich will", meinte der Meister. Die Erfolgsshow der Londoner Tate Gallery mit mehr als 100 von Matisses Cut-Outs aus der Zeit von 1936 bis 1954, die eine halbe Million Besucher zählte, ist in das Museum of Modern Art nach New York gereist. In Erwartung des großen Blockbusters müssen die Eintrittskarten online vorbestellt werden, damit die Besucher dem Museum nicht die Türen einrennen.

Die Scherenschnitte sind das Ergebnis qualvoller Arbeit

Sich mit Matisses Scherenschnitten in all ihrer Schönheit, Farbigkeit und Strahlkraft zu umgeben, ist wie der Besuch eines Blumengartens. Dass der Künstler an den Kompositionen feilte und sie das Ergebnis harter, qualvoller Arbeit und wochen- oder monatelanger Sitzungen seiner Modelle waren, ist ihnen bei all der Leichtigkeit nicht anzumerken. Die gefingerten Algen, Sterne, Blumen, Ornamente und Körper tanzen durch die Ausstellungshallen.

Arbeiten aus Sammlungen aus allen Teilen der Welt wurden zusammengetragen: darunter das kantige Werk "Die Schnecke" von 1953, "Memory of Oceania", das Matisse in Erinnerung an eine Reise nach Tahiti fertigte, als er aus seinem Fenster einen Segelschoner fotografierte. Die zehn Meter umfassende "Large Composition with Masks" oder das 1952 von dem Magazin "Life" in Auftrag gegebene Glasfenster "Nuit de Noël". Und natürlich die berühmten vier "Blue Nudes", die Seite an Seite gemeinsam präsentiert werden.

Matisses größtes Werk, "The Simming Pool" aus der Sammlung des MoMA, wurde 20 Jahre lang nicht ausgestellt und in den vergangenen fünf Jahren aufwendig restauriert. Der bettlägrige Matisse stillte seine Sehnsucht nach dem Meer, indem er sich mit tauchenden, schwimmenden Figuren in seinem Esszimmer im Hôtel Régina in Nizza, wo er lebte, umgab. "Ich schaffe mir meinen eigenen Pool", hatte der 82-Jährige verkündet, nachdem der Besuch eines Swimmingpools in Cannes auf Grund der Hitze zu anstrengend für ihn gewesen war. Also setzte Matisse blaue, kühle Wellen, Ozean-Kreaturen und sein zweites Leben in all seiner Kraft auf die Wände.

Henri Matisse: The Cut-Outs

Termin: bis 8. Februar, 2015, Museum of Modern Art, New York
http://www.moma.org/interactives/exhibitions/2014/matisse/