Boom She Boom - MMK 2 in Frankfurt

Auftakt vergurkt

Ausschließlich Werke von Künstlerinnen aus der eigenen Sammlung sind bei der Eröffnung neuer Räume des Frankfurter Museums für Moderne Kunst im Bürohochhaus Taunusturm zu sehen. Der ungewöhnlich Ort hat Potenzial. Die Premiere aber missglückt, weil die präsentierten Arbeiten kaum mehr gemeinsam haben, als das Geschlecht ihrer Schöpfer.

Als sich die Aufzugtür öffnet, fällt der erste Blick auf: nackte Brüste. Erst danach beginnt man, auf die Architektur zu achten. Denn dies ist kein gewöhnlicher Ausstellungsraum und schon gar kein Museum.

Das MMK 2, die neue Dependance des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, befindet sich in der zweiten Etage eines neu gebauten Büro- und Wohnhochhauses namens Taunusturm zwischen Bahnhofs- und Bankenviertel. Es ist eine ungewöhnliche Kooperation: Für zunächst 15 Jahre stellt das Immobilienunternehmen Tishman Speyer in Kooperation mit der Commerz Real AG dem Museum zirka 2000 Quadratmeter (davon 1750 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche) miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung. Im Gegenzug wertet das Museum, zu dem auch ein Café im Erdgeschoss gehört, durch seine Tätigkeit Immobilie und Umgebung auf. Museale Klima- und Sicherheitsstandards sind gegeben, doch die weihevolle Atmosphäre eines Museums stellt sich hier kaum ein. Was vor allem an der mit 3,9 Metern recht niedrigen Deckenhöhe liegt und auch an der unruhigen Struktur der Decke voller Leuchtstoffröhren und Stahlrohre. Die (durchaus vorhandenen) Fenster sind in den meisten Fällen verdeckt, flexible Stellwände strukturieren die Etage – meistens diagonal und frei im Raum stehend – so dass zahlreiche Durchblicke möglich sind.

So kann man es machen, als Ergänzung zum Haupthaus ist der Ort eine mehr als passable Bereicherung, die zu halbjährlich wechselnden, ausschließlich aus der eigenen Sammlung bestückten Themenausstellungen genutzt werden soll. Fantastische Präsentationen sind hier denkbar. Die Eröffnungsschau "Boom She Boom" gehört leider nicht dazu. Es beginnt schon mit dem "Thema", das man eher in einem Provinzmuseum vermutet, als in einem international renommierten Haus wie dem MMK: Gezeigt werden ausschließlich Werke von Künstlerinnen der Sammlung. Warum bloß? Weil man mehr davon hat als andere Häuser? Weil weibliche Kunst auch toll ist?

Sammelsurium großartiger Werke

Was in seiner ausgestellten Progressivität reichlich bieder anmutet, hätte dennoch funktionieren können – wenn Auswahl und Zusammenstellung gestimmt hätten. Was nicht heißen soll, dass im MMK 2 nicht großartige Werke von bedeutenden Bildhauerinnen, Malerinnen und Filmkünstlerinnen zu sehen wären. Rineke Dijkstras Videos ("I See a Woman Crying" und "Ruth Drawing Picasso", beide von 2009) gehören zum Eindringlichsten, was die jüngere Kunstgeschichte über die Sensibilität und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen zu bieten hat. Vija Celmins unendlich detaillierte Gemälde und Radierungen des nächtlichen Himmels oder der Meeresoberfläche sind grandios, und Charlotte Posenenske hat mit ihren industriell hergestellten Vierkantrohren aus verzinktem Stahlblech, die das Serielle betonen und das Unikat verneinen, in den sechziger Jahren ein markantes Statement gesetzt. Bloß haben alle diese Künstlerinnen – außer dem Geschlecht – gar nichts miteinander zu tun.

Schon der Auftakt – als erstes fällt der Blick auf einen Film von Vanessa Beecroft, der eine Gruppe nackter Protagonistinnen zeigt, die anlässlich einer Performance im MMK 2010 gefilmt wurde – ist vergurkt. Muss eine von weiblichen Künstlern bestückte Ausstellung als Allererstes ausgerechnet Frauen zeigen? Daneben hängt ein Blumenbild. Ein farbenfroher Siebdruck, den man augenblicklich Andy Warhol zuordnet, der in Wahrheit aber von Sturtevant gemacht wurde. Wie neckisch.
Und war es wirklich nötig, Katharina Fritschs so berühmte wie raumgreifende Skulptur "Tischgesellschaft" (1988), bei der 32 identische Männerfiguren lethargisch an einer Tafel sitzen, in die letztlich doch ziemlich eng und vollgestellt wirkende Etage zu quetschen?

Dass die traurigen Polyester-Männer in direkter Nachbarschaft zu Anja Niedringhaus’ Kriegsfotografien platziert wurden, stülpt beiden Werken einen Bedeutungszusammenhang auf, den sie nicht haben. Die Fotojournalistin wurde im Frühjahr bei einem Arbeitseinsatz in Afghanistan erschossen. Da lag es offenbar nahe, nebenan eine Bank von Teresa Margolles aufzustellen, die aus Zement und Leichenwasser besteht. Eine Anspielung, auf die man besser verzichtet hätte.
Augenscheinlich wollte man demonstrieren, wie umfangreich die Direktor(inn)en des MMK sich seit der Gründung des Hauses für weibliche Künstlerinnen engagiert haben. Dennoch wäre weniger hier mehr gewesen: lieber drei bedeutende Werkgruppen als ein Sammelsurium.

Boom She Boom

Bis 14. Juni 2015 im MMK 2, Frankfurt
http://mmk-frankfurt.de/de/home/

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