Infosphäre - ZKM Karlsruhe

Gigantische Bandbreite

Für die aktuelle Ausstellung "Infosphäre" trägt das Karlsruher ZKM dick auf und präsentiert ein Feuerwerk des digitalen Zeitalters. Das Publikum wird dabei mit digitaler Kunst und Informationen überfrachtet und steht hinten an. Da stellt sich die Frage: Geht es hier noch um den Mensch oder nur noch um die Maschine?

Kann man sehen, was sich nur hören lässt? Durchaus. Spricht man bei der Installation "Voice Driven Type Design" von Matthias Wölfel, Angelo Stitz und Tim Schlippe ins Mikrofon, ermittelt der Computer die Schrifttype, die – angeblich – zu Tempo, Tonhöhe und Lautstärke passt. Der eine spricht in breiten Buchstaben, der andere in schlanker Serifenschrift.

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Strecken Teaser

Das Karlsruher ZKM widmet sich mit der Ausstellung "Infosphäre" im Rahmen des Festivals "Globale" (bis 17. April 2016) dem digitalen Zeitalter. Installationen und Computerkunst, Apps und interaktive Projekte klopfen das Themenfeld Big Data ab – und Erik Kessels gibt auf seiner Fotografie "24 Hrs in Photos" eine Ahnung von diesen unvorstellbaren Datenmengen: Er hat sämtliche Bilder ausgedruckt, die an einem Tag bei Flickr hochgeladen wurden. Die 350 000 verstreuten Prints ergeben eine bunte Liegelandschaft.

Die Kuratoren Peter Weibel, Daria Mille und Giulia Bini haben eine erschlagende Vielfalt an Beiträgen zusammengetragen, die neueste Techniken nutzen und häufig zum interaktiven Spiel laden. Scottie Chih Chieh Huangs "Dandelion Mirror" übersetzt die Mimik des Betrachters – lächelt der, beginnt ein digitaler Löwenzahn zu blühen. Auch die lustigen Plotterzeichnungen aus Insekten der Installation von Laurent Mignonneau & Christa Sommerer greifen die Schemen der Betrachter auf, verflüchtigen sich 
aber sofort wieder – das Individuum ist auf eine oberflächliche Momentaufnahme reduziert. Jeong Han Kim, Hyun Jean Lee und Jung Do Kim fragen, was die Besucher beim Stichwort "Schlossgarten" empfinden – um den "emotionalen Geist" von Karlsruhe zu ermitteln, der durch wachsende Nervenzellen und Bäume dargestellt wird.

Dem Besucher wird in der "Infosphäre" viel zugemutet

Trotz gigantischer Bandbreite an Themen und Technik fehlen doch inhaltliche Akzente. Der Überfülle an Beiträgen kann man nicht annähernd gerecht werden. Knapp zwei Stunden dauert allein der Dokumentarfilm von Brian Knappenberger über den Hacker Aaron Swartz, der fast fünf Millionen Artikel von dem Zeitschriftenarchiv JSTOR illegal herunterlud. Zwar hilfreich, aber auch anspruchsvoll sind die Textkommentare, in denen es um fraktale und rekursive Algorithmen und RFID Transponder geht, um Normalnull oder Aktivitätstracker. "Infosphäre" ist damit eine der vielen Ausstellungen, die nicht fürs Publikum gemacht sind, sondern vor allem dem Image der Institution dienen sollen.

So lässt man sich am besten wie beim Internetsurfen treiben. Trost bieten in dieser schwarzweißen Welt von Bits und Bytes die Computer von Shinseungback Kimyonghun, in denen eine eingetippte Nachricht in CAPTCHA übersetzt wird – ein Verfahren, mit dem das System testet, ob man ein Roboter oder vielleicht doch noch ein leibhaftiger Mensch ist.

"Infosphäre" im ZKM Karlsruhe

05. September 2015 bis 31. Januar 2016
http://zkm.de/event/2015/09/globale-infosphare
info@zkm.de

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