Turner-Preis - Die Nominierten

Laue Schau

Die Austellung zum Turner-Preis 2007 bietet wenig Aufregendes. Doch zumindest verleiht der diesjährige Umzug der Ausstellung von der Londoner Tate Britain in die Tate Liverpool eine gewisse Frische
Liverpool:Coley, Bhimji, Nelson und Wallinger nominiert

Nathan Coley, "There Will Be No Miracles Here" 2006

"There will be no miracles here", "Hier wird es keine Wunder geben", verkündet die auf einem Metallgerüst angebrachte Leuchtschrift. Kein gutes Omen für eine Schau, in der die vier derzeit aufregendsten britischen Künstler unter 50 Jahren vorgestellt werden sollen.
Der Schotte Nathan Coley, der diesem Satz seine Nominierung verdankt, zeigt neben der Leuchtschrift ein mit den Worten "Hope" und "Glory" beschriftetes Puppenhaus und drei Fotos von Beichtstühlen, die er mit schwarzer Farbe fast bis zur Unkenntlichkeit beschmiert hat. Das ist alles so banal, dass man augenblicklich im Katalog nach einer Erklärung sucht. Coley interessiere sich für Fragen des Glaubens, heißt es da, und dafür, wie sich politische Macht in Architektur niederschlage – was seine Kunst leider auch nicht weniger banal macht.
Auch die in Uganda geborene Inderin Zarina Bhimji interessiert sich für Architektur. Ihre in Ostafrika aufgenommenen poetischen Fotos von verlassenen Gebäuden, an eine Hauswand gelehnten Gewehren und einer Bootswerft sind menschenleer, und doch ist der Mensch überall präsent. Ihr in einer afrikanischen Sisalfabrik gedrehter Film "Waiting" (2007) zeigt nicht die Arbeiter, sie sind nur schemenhaft als Schatten erkennbar – er ist eine fast abstrakte Elegie auf die einfache Architektur der Fabrik und auf das wie langes blondes Haar aussehende Material.

Mike Nelson ist der britische Gregor Schneider – er baut klaustrophobische Räume. "Amnesiac Shrine" (2007) besteht aus vier raumhohen Kuben, zwischen denen man umhergehen kann. In einer Wand jedes Würfels ein Loch, wie bei einer Laterna Magica. Das Innere ist ganz mit Spiegeln ausgeschlagen, in jedem von ihnen findet man dieselbe sich ins Unendliche fortsetzende Landschaft aus Sanddünen und winzigen Glühbirnen vor. Eine atmosphärische Mischung aus nächtlicher Landebahn und Wüste – oder eine Anspielung auf den Krieg im Irak?
Die “Amnesiacs” des Titels sind eine von Nelson Mitte der neunziger Jahre erfundene Gruppe von Bikern, Veteranen des Golfkriegs, von denen er sich inspirieren ließ. Sie hat er nun wieder vorgeholt, doch sie sind Teil einer so privaten Mythologie, dass dem Betrachter kaum mehr als die Oberflächenschönheit seiner Installation bleibt.
Etwas zu leicht macht es sich der Vierte im Bunde, Mark Wallinger, der wie Nelson zum zweiten Mal in die Endrunde kam. Mit seiner 2006 in der Londoner Tate gezeigten Installation "State Britain", die einen Proteststand gegen den Irakkrieg vor dem Londoner Parlament nachstellt, gab er der Kunst eine in den letzten Jahren verlorengegangene politische Schlagkraft zurück. In Liverpool ist nun die bereits 2004/05 entstandene Videoarbeit “Sleeper” zu sehen, eine Aufzeichnung einer Performance des Künstlers in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Zehn Nächte verbrachte Wallinger, verkleidet als Berliner Bär, im ganz verglasten Foyer des Baus von Mies van der Rohe. Es geht ihm um Nation, Geschichte, Identität – und das nicht ohne Humor. Das Zotteltier hat etwas Anrührendes, wenn es durch den leeren Raum schlendert, sich an die Wand lehnt, an den Fenstern mit Passanten Kontakt aufnimmt. Man identifiziert sich mit seiner rastlosen Einsamkeit. Lieber hätte man von diesem so interessanten wie präzisen Künstler etwas Neues gesehen. Hat er womöglich das Interesse am Turner-Preis verloren?
Trotzdem: Die Buchmacher setzen auf Mark Wallinger.

Turner-Preis 2007

Der Preis wird am 3. Dezember in der Tate Liverpool verliehen
http://www.tate.org.uk/liverpool