Klangkunst - XMAS-Spezial

Die genialen Weihnachtsdilettanten

Alle Jahre wieder: Weihnachtskitsch und "Last Christmas"-Terror. Leise rieselt die Fahrstuhlbeschallung. Doch, o Tannenbaum, es geht auch anders: Klangkunst, dieses vergessene Mauerblümchen der Kunstwelt, beschehrt uns auch an Weihnachten den schönsten Ohrenschmaus.
Geniale Weihnachtsdilettanten:Lieder von Jonathan Meese, Tim Berresheim...

Nächtes Plattencover? "Aus dem Fotoalbum meiner Frau: Zwei deutsche Schäferhunde (Tammy und Tubby) bewachen einen Weihnachtsbaum in Hawaii", sagte Jos Moers und schickte uns dieses Bild.

Seit 1999 produziert der niederländische Grafikdesigner Jos Moers, 35, unter dem Pseudonym Meeuw weihnachtliche Klangkunst auf Vinyl – als 7inch-Single, in limitierter Auflage. "Eigentlich begann alles als Spaß", erzählt er. "Der belgische Musiker Timo van Luijk alias Af Ursin schlug mir vor, aus den Weihnachtsgesängen seiner finnischen Verwandten eine Platte zu machen."

Seitdem nimmt Moers jedes Jahr mit Künstlern eine neue Weihnachtsplatte auf – und alle Pioniere der elektronischen und experimentellen Musik haben sich an dieser Serie beteiligt. Aber auch viele Künstler, die man sonst vor allem für ihre visuellen Arbeiten kennt, wie Jonathan Meese und Tim Berresheim.

Die Christmaskameraden: Jonathan Meese und Tim Berresheim

"You are father christmas, accept it", Meeuw Muzak 030:

Albert und Markus Oehlen: "Christmas Day"

Auch die Maler Albert und Markus Oehlen haben mit Moers eine Weihnachtssingle produziert – unter ihren Pseudonymen Wendy Gondeln und Don Hobby. Für Kenner nichts Neues, denn die Brüder experimentieren bereits seit über 30 Jahren mit Musik. Markus Oehlen war Ende der siebziger Jahre Schlagzeuger bei einer der ersten deutschen Punkbands: "Mittagspause". Danach spielte er immer wieder in Bandprojekten wie "Fehlfarben", "Flying Klassenfeind" (mit dem Poptheoretiker Diedrich Diederichsen), "Vielleichtors" und mit seinem Bruder Albert Oehlen bei "Red Krayolas" und "Van Oehlen". Doch all dies passierte stets abseits der großen medialen Aufmerksamkeit.

Jailhouse, "Christmas Day": Hertha BSE: Keyboard, Vocal (= Rüdiger Carl), Wendy Gondeln: Keyboard (= Albert Oehlen), Sven aka Die humane Beatbox: Drums, Don Hobby: Electronics (Markus Oehlen). meeuw muzak 021:

"Natürlich bringt es mehr Geld, ein Gemälde zu verkaufen, als eine Platte zu produzieren", sagt Moers. "Aber gerade deshalb wird die Kreativität nicht eingeschränkt! Man ist eben nicht darauf angewiesen, mit der Musik sein Geld zu verdienen." Die Klangkunst ist eine der letzten Subkulturen, die sich noch immer ihre kommerzielle Unanhängigkeit bewahrt hat. Vielleicht, weil sie einfach zu schwierig und abstrakt ist – und sich nicht so einfach über den Kamin hängen lässt.

Asmus Tietchens: "Weihnachten im Aroma Club"

Auch der Hamburger Klangkünstler Asmus Tietchens, heute 60 Jahre alt, der als Wegbereiter elektronischer Klangerkundung gilt, nahm bei Meeuw Muzak eine Weihnachtsplatte auf. Und auch er produzierte jahrelang seine abstrakten Soundcollagen und verfremdeten Wasser-, Stimmen-, oder Druckmaschinengeräusche ohne große Aufmerksamkeit. "Im Grunde genommen ist das alles sehr aussichtslos, was ich mache – nicht ästhetisch, aber ökonomisch", hatte Tietchens einst gesagt. Heute arbeitet er als Dozent für Sounddesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und hat bereits zweimal den vom Südwestrundfunk gestifteten Karl-Sczuka-Preis erhalten. Das diesjährige Weihnachtslied kommt übrigens von einem weiteren Hamburger Klangkunst-Urgestein: Ditterich von Euler-Donnersperg, bekannt durch sein Plattenlabel "Walter-Ulbricht-Schallfolien" und seine jährlichen "Pelzwurstlieder".

Hematic Sunsets (Asmus Tietchens) und Okko Bekker: "Weihnachten im Aroma Club". meeuw muzak 029:

Die neue Musik lebt von diesen genialen Dilettanten, exzentrischen Einzelgängern und besessenen Außenseitern. Die Klangkunst ist absichtslose Antimusik. Sie klingt so wunderbar unfertig und sperrig. Geräuschimprovisationen treffen auf schiefen Gesang, schrilles Pfeifen und wiederkehrende Melodieschnipsel. Schade nur, dass die Klangkunst heute ein solches Schattendasein fristet. Die Kunst braucht diese Experimentierfreude.

Ditterich Von Euler-Donnersperg: "O Du Fröhliche / O Tannenbaum Dub". meeuw muzak 034