Kavalierstart - Museum Morsbroich

Im Vergleich dazu irgendein Scheisser

Kunstkalauer, Sudelbücher und Dosenbier – das Museum Morsbroich Leverkusen sichtet den Aufbruch in die Kunst der achtziger Jahre.
"Im Vergleich dazu irgendein Scheißer!":Kunst der 1980er Jahre in Leverkusen

Katharina Fritsch, "Anturien", 1980. Neun rot-gelb lackierte Kunststoff-Anturien mit Kupferstielen in drei Einmachgläsern. 34 x 32 x 36 cm

Im Jahr 1979 fasste der französische Philosoph Jean François Lyotard den unübersehbaren Erschöpfungszustand der gesellschaftlichen Utopien unter dem Titel "Das postmoderne Wissen" zusammen. Seitdem streiten sich die Gelehrten, ob wir die Moderne wirklich schon hinter uns gelassen haben oder noch in ihrer Abendröte leben.

An die mit diesem Zeitalter verbundenen Heilsversprechen glaubt hingegen niemand mehr. Nirgendwo ist dies deutlicher zu sehen als in der modernen Kunst, die sich in ihrer klassischen Ära noch als Geburtshelferin einer neuen Welt verstand und die Massen mit Hilfe einer ästhetischen Schocktherapie aus den Fängen von Kitsch und Populärkultur befreien wollte. Der heutigen Kunstszene liegt wohl nichts ferner als diese Vorstellung, woraus sich sogleich die spannende Frage ergibt, wann die Kunst vom messianischen Glauben abgefallen ist.

Das Leverkusener Museum Morsbroich gibt mit seiner Ausstellung "Kavalierstart – Aufbruch in die Kunst der 80er" eine gleichermaßen überraschende wie nahe liegende Antwort. Überraschend ist die in Leverkusen vorgeschlagene Epochenschwelle 1978 bis 1982, weil sie in der Pop Art ein bloßes Vorspiel sieht, nahe liegend ist sie, weil die damaligen Schlagworte "Anything goes" und "Close the gap" zum Grundwortschatz des postmodernen Wissens zählen.

Von allen Heilserwartungen befreite Kunst

Der Ausstellungstitel "Kavalierstart" ist mit einigem Hintersinn gewählt. So wie junge Erwachsene in ihren Autos Gummi geben, um ihr Publikum mit qualmenden Reifen zu beeindrucken, gebärdete sich die von allen Heilserwartungen befreite Kunst teilweise ziemlich halbstark und ohne Scheu vor einer spielerischen Aneignung der Tradition. So kehrt Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat" bei Allan McCollum nicht nur im hochkant gestellten Kleinformat wieder, sondern auch in hundertfacher Ausfertigung, was dem Ganzen die ironische Anmutung einer Ahnengalerie verleiht ("Collection of One Hundred Plaster Surrogates", 1982/90). Der heilige Ernst wird im Museum Morsbroich noch einmal vom Sockel gestoßen, und natürlich dürfen dabei Martin Kippenbergers gemalte Kunstkalauer ebenso wenig fehlen wie die mit Kartonschachteln, Knackwürsten, Zigarettenkippen und ähnlichen Haushaltsresten nachgestellten Alltagsszenen von Peter Fischli & David Weiss. Schön aufmüpfig ist auch Georg Herolds zwei Meter lange und mit Goethes Namen beschriftete "Goethe-Latte" (1982), neben der ein sechzig Zentimeter kurzer Holzstummel verkündet: "Im Vergleich dazu irgendein Scheißer."

Im Vergleich zu den großen Erzählern der Moderne sind die jungen Künstler damals alle noch kleine Scheißer – und durchaus froh darüber. Die Berührungsängste mit dem Populären fallen dadurch weg: Raymond Pettibon entdeckt den Comic als Inspirationsquelle, Rosemarie Trockel arbeitet an ihren Sudelbüchern und Isa Genzken lässt Anzeigen für hochwertige Unterhaltungselektronik rahmen. Am folgenreichsten erscheint in Leverkusen die Entdeckung der Fotografie als Medium der Kunst. Cindy Sherman entwirft ihre ersten "Untitled Film Stills" und nimmt damit bereits den Gedanken einer im technischen Abbild beliebig manipulierbaren Identität vorweg. In Deutschland beginnen zur gleichen Zeit die Becher-Schüler mit ihren fotografischen Reihenuntersuchungen: Candida Höfer lässt sich vom Gelsenkirchener Barock auf Seeterrassen und in Wartesälen gefangen nehmen, Thomas Ruff vermisst das Interieur der deutschen Gemütlichkeit, während es Thomas Struth in die dekorative Ödnis amerikanischer Straßenzüge zieht.

Illustre Künstlerliste im kleinen, feinen Haus

Wieder einmal ist es dem Leverkusener Museumsleiter Markus Heinzelmann gelungen, eine illustre Künstlerliste und etliche vorzügliche Werke in sein kleines, aber feines Haus zu holen. Das kann man auch als Versicherung dagegen betrachten, dass die angesetzte Epochenschwelle nicht jeden überzeugen wird. Nicht nur den Zweiflern bietet die Ausstellung einen weiteren Mehrwert: Man blickt beinahe dokumentarisch auf die frühen achtziger Jahre zurück, und man sieht lauter große Karrieren im Larvenstadium. Katharina Fritschs Skulpturen passen noch in einen Setzkasten, während Thomas Schüttes "Mann im Matsch" (1982) schon auf halbem Wege zu seinen Michelin-Männchen ist. Geradezu prophetisch ist leider auch ein Aufkleber Martin Kippenbergers. Er zeigt den 25-jährigen in den Handschellen eines Dosenbier-Sechserpacks. Damals war das noch ein guter Witz, heute ähnelt es einem vorweggenommenen Nachruf.

"Kavalierstart 1978-1982 – Aufbruch in die die Kunst der 80er"

Termin: bis 20. Juli, Museum Morsbroich, Leverkusen. Katalog: DuMont Buchverlag, 18 Euro.
http://www.museum-morsbroich.de/