Arnold Hau - Neue Frankfurter Schule

Arnold Hau lebt

Erstmals auf DVD: Das fast schon vergessene filmische Gesamtoeuvre der Gruppe Arnold Hau. Die großartigen Kurzfilme von F. K. Waechter, Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Arend Aghte, bezaubern auch nach über dreißig Jahren noch durch ihren wunderbar anarchischen und perfiden Humor.
Arnold Hau lebt:Eine Hommage an das filmische Oeuvre der Gruppe Hau

Acht Fäuste für ein Halleluja: Bernd Eilert, Arend Aghte, F. K. Waechter und Robert Gernhardt (v.l.)

Fichten, Tannen, Kiefern. Eine langsame Kamerafahrt entführt den Zuschauer in das Unterholz eines Mischwaldes. Leise zwitschern Vögel im Hintergrund. Dann erscheint der Titel des Films – und bricht abrupt mit dieser urdeutschen Idylle: "Der Bayrische Wald mit den Augen eines Arschfickers gesehen." Nach wenigen Minuten ist alles schon wieder vorbei – aber man wird nach diesem Kurzfilm die deutsche Eiche mit neuen Augen sehen.

Im Internationalen Wettbewerb: Susanna Wallin, "Eddie Proctor", 2007 (Ausschnitt)

Perfider Humor und virtuose Absurditäten waren die Stärke der Gruppe Arnold Hau um F. K. Waechter, Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Arend Aghte. Deren Geschichte begann 1966 mit dem Buch "Die Wahrheit über Arnold Hau". F. K. Waechter, Robert Gernhardt und F. W. Bernstein hatte eine fiktive Monografie über das Leben – und unterschätzte Werk – des fiktiven Dichters, Denkers, Zeichners, Malers und Städteplaners Arnold Hau veröffentlicht. Das Trio gehörte zur damaligen Gründungsredaktion der literarisch-satirischen Zeitschrift "Pardon" – und gründete 1979, zusammen mit weiteren Weggefährten, auch das Satiremagazin "Titanic".

"Pardon" wurde schnell zum Publikationsorgan der so genannten Neuen Frankfurter Schule (NFS), die später als Hochburg der deutschen Hochkomik in die Geschichte einging. Die NFS bezog sich auf die philosophische Lehre von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, unterlief diese aber ironisch, indem sie eine systematische Sinnverweigerung betrieb.

Von dem Werk "Die Wahrheit über Arnold Hau" fasziniert, stießen Bernd Eilert und Arend Aghte zu der Frankfurter Truppe und regten an, Arnold Hau auch noch zu einem Filmregisseur zu machen. So entstanden das Humorquartett – und zahlreiche Drehbücher, filmische Skizzen und Kurzfilme wie "Der Bayrische Wald mit den Augen eines Arschfickers gesehen".

Arnold Hau haut genüsslich in die Kerbe deutscher Befindlichkeiten

"Immer wenn ich diesen Film Museumsdirektoren vorstellte, spürte ich großes Misstrauen", erzählt der Göttinger Kunsthistoriker WP Fahrenberg, der zahlreiche Ausstellungen über die Neue Frankfurter Schule kuratierte, in einem Interview. "Ich habe mir oft gewünscht, dass die Gruppe bei diesem filmischen Meisterwerk einen vorsichtigeren Titel gewählt hätte. Denn leider verzichteten viele Direktoren auf den Film – nur aufgrund des Titels."

Auf diesen großartigen Film und alle weiteren Werke, muss nun niemand mehr verzichten, denn erstmals erscheint das fast schon vergessene filmische Gesamtoeuvre der "Hau-Coop" auf DVD (Die Filme der Gruppe Arnold Hau 1970 – 1982. Zweitausendeins / Absolut Medien. 29,90 Euro). Neben dem einzigen abendfüllenden Spielfilm "Das Casanova-Projekt" (1981), dem Minisozialdrama "Jetzt bist du dran, Feilchen" (1976) – in einer Nebenrolle: der damalige Bundespräsident Scheel, der skandinavischen Fassung des Sportfilms "Auf falscher Bahn" (1972), dem wegweisenden Animationsfilm "Milchkännchen und Fischstäbchen in der Antarktis" (1973) gibt es auch das wohl erste Musikvideo der deutschen Geschichte zu sehen. In "Hier ist ein Mensch" (1972) – neun Jahre vor dem Beginn der MTV-Ära – verfilmte die Hau-Coop den genauen Wortlaut des Schlagers von Peter Alexander: "Hier ist ein Mensch, der ist allein. Du bist es nicht. Ruf ihn herein. / Hier ist ein Mensch, der will zu dir. Du hast ein Haus – öffne die Tür." Der ohrwurmende Film, in dem ein schüchternder Fremde, Einlass in die Einfamilienhausidylle findet, entlarvt auf unglaublich komische Weise die ganze Verlogenheit der Schlagerkultur.

Zu einer Zeit, in der es außer Schulmädchenreports nichts Komisches im Kino gab und auch die deutsche Spaßgesellschaft noch in weiter Ferne lag, waren diese Filme eine erfrischende Ausnahme. Und sie sind es bis heute geblieben. Die Filme der Kunstfigur Arnold Hau hauen genüsslich in die Kerbe deutscher Befindlichkeiten, haben das anarchische Element und den skurrilen Witz der Monty-Python-Filme, parodieren in virtuoser Absurdität die Marotten des Bildungsbürgertums und täuschen einen naiv-spontanen Dilettantismus vor, der gerade in seiner Ernsthaftigkeit, so brüllend komisch wirkt.

"Die Filme der Gruppe Arnold Hau 1970 – 1982"

Doppel-DVD. Zweitausendeins, Frankfurt/Absolut Medien, Berlin. 29,90 Euro. Die Bonus-DVD bietet Kurzinterviews mit den noch lebenden Freunden und Fans der Neuen Frankfurter Schule.
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