Guido W. Baudach - Berlin

Baudachs Rebellen

Wie der Galerist Guido W. Baudach die Künstler Andreas Hofer, Thomas Zipp und André Butzer zu Weltstars machte – und was die Berliner "Maschenmode" damit zu tun hat.

"Manche Leute halten mich für versponnen", sagt Andreas Hofer, während er wenige Stunden vor der Ver­nissage durch seine Ausstellung in der Galerie Baudach in den Berliner Osram-Höfen tigert. Wie er das sagt, mit einem unverkennbar bayerischen Akzent, klingt es nicht berechnend oder eitel, sondern eher ein wenig ratlos.

Mit dem Outfit hat sein Image des verspulten Ästhetiksprengmeisters jedenfalls nichts zu tun: Hofer, geboren 1963 in München, trägt eine schwarze Baseballkappe mit dem Logo der "Los Angeles Kings", eine grüne Trainingsjacke, schlabberige Jeans und schwarze Turnschuhe. Draußen, auf den Straßen vom Wedding, dem traditionellen Arbeiter- und Einwanderer-Bezirk, da wo das Schultheiss- und Bockwurst-Berlin seit Jahr und Tag wacker der anbrandenden Latte-Macchiato-Welle trotzt, könnte er sich gut unters einfache Volk mischen.

Hier drin ist Hofer ein Star. Schon seit Mittag schlendern die ersten Samm­ler und Art-Consultants durch die Schau, murmeln ins Telefon, schüt­teln Hände, werfen kurze "Hallos" durch den Raum. Die Stimmung in der weitläufigen Fabrikhalle ist entspannt, trotzdem wirkt der Künstler ein wenig gehetzt. In einer Stunde muss er schon weiter. Es sind Probedrucke für den Katalog zu prüfen. Für längere Gespräche mit Journalisten ist keine Zeit, doch um wortlos zu verschwinden, ist Andreas Hofer viel zu höflich. So spricht er dann doch ein paar Sätze über seine Schau mit dem Titel "City of Sokrates", in der er ein großes Acrylgemälde mit acht Frauen­figuren in ei­ner schroffen Marslandschaft zeigt. Davor hat er aus voluminösen Styroporblöcken einen luf­tig-kulissen­haf­ten Säulengang im Ausstellungsraum platziert.

Normalerweise trifft man auch Ho­fers Galeristen, den gebürtigen ­Köl­ner Guido W. Baudach, nie ohne schwar­ze Baseballkappe an. Seit ein paar Wochen aber geht er ohne sein Markenzeichen unter die Leute – und dass ihn nun selbst gute Freunde plötzlich nicht mehr erkennen, be­lustigt den studierten Historiker, Po­litologen und Philosophen sehr. Am Tag der Hofer-Eröffnung sitzt er in seinem spartanischen Büro und erklärt mit sonorer Stimme geduldig die Geschichte der Galerie, zu deren bekanntesten Künstlern neben Hofer auch André Butzer und Thomas Zipp gehören.

Neu­gierige Beobachtung und erbitterte Kritik

Seine Galerie und mit ihr die so genannten "Baudach-Boys" schafften in den letzten Jahren einen kometenhaften Aufstieg vom Rand der Berliner Szene in die allererste Reihe. Doch mit dem schnellen Erfolg avancierte das Unternehmen auch wie kein zweites zum Objekt neu­gieriger Beobachtung, lustvoller Spe­kulation und erbitterter Kritik. Ein gern kolportierter Mythos ist etwa, die "Baudach-Boys" seien lediglich die aktuelle Version des Achtziger-Aufre­gers "Hetzler Boys" und die Galerie Baudach gar das Werk eines gewieften Strategen, der mit den von ihm vertretenen Künstlern das sattsam be­kannte Erfolgsmodell aus dem Ma­le­rei-Boom der achtziger Jahre gna­­den­­los in die zweite Laufzeit schickt. Wenn nicht mit den "Jungen Wilden", so werden die schmut­zig-dunklen Far­ben, geheimnisvollen Privatmythologien und Gräuelsymbole von Zipp und Hofer mit einer neuen Gothic-Welle assoziiert, deren Quelle in der Galerie zu suchen sei. Andere Kritiker werfen Baudach vor, in seiner fast rei­nen „Männergalerie“ ein überkomme­nes Künstlerideal überwintern zu lassen.

Ein gänzlich unzynisches Ideal von Kunst

Doch merkwürdigerweise wollen alle diese Zuschreibungen nicht auf Baudach passen: Er ist weder der mythische Superstratege noch der me­di­en­geschmeidige Stargalerist, ganz zu schweigen vom Neo-Gothic-Paten oder dem Kulturchauvinisten. Anstatt diese Klischees zu diskutieren, betont der Galerist lieber die Unterschiede zwischen den von ihm am Kunstmarkt vertretenen Künstlercharakteren. Die Existenz einer verschworenen Gemeinschaft oder eines Geheimbundes will er nicht erkennen: "Diese Künstler stehen doch in einem irren Konkurrenzverhältnis zueinander." Das Einzige, was Leute wie Butzer oder Hofer vielleicht verbinde, sei ein gänzlich unzynisches Ideal von Kunst.

Dass trotz aller gegenteiligen Beteuerungen dennoch seit Jahren das Wort von den "Baudach-Boys" die Runde macht, hängt also weniger mit der Gegenwart als mit der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Galerie zusammen. Am Beginn stand die Gründung des Projektraumes "Maschenmode" durch den Künst­ler Peter K. Koch, den Kulturarbeiter Mar­tin Germann und Baudach. Für ein sechswöchiges Ausstellungsprojekt mieteten die drei im Winter 1999 ein ver­waistes Strickwarengeschäft in der Ber­liner Torstraße. Bald blieb Baudach, der eigentlich einmal nach Berlin gekommen war, um eine Dissertation zur NS-Geschichte zu schreiben, als alleiniger Betreiber übrig. Nun gab es jede Woche eine Vernissage, schnell wurde "Maschenmode" zum Treffpunkt ganz verschiedener hauptstädtischer Künstlerkreise. Vielleicht war es ge­rade diese Spontaneität und Unbestimmtheit, mit der viele Besucher sympathisierten. Das Jahr 2000 fiel in eine Art Berliner Zwischenzeit. In den Neunzigern hatten Galerien wie Eigen + Art, Contemporary Fine Arts (CFA), Neugerriemschneider oder Galerie Neu ihre Claims abgesteckt und gingen nun daran, sich inter­na­tional zu etablieren. Die erste Berlin-Biennale hatte 1998 mit großem ­Erfolg stattgefunden, die sanierten Kunst-Werke waren im Herbst 1999 wiedereröffnet worden und Frank Cas­torf sorgte seit ein paar Jahren mit Leuten wie Christoph Schlingensief oder Christoph Marthaler an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz für eine neue, radikale Bühnen-ästhetik, die auch große Strahlkraft in die Kunstszene entwickelte.

"Beschäftigung mit psychisch Kranken"

Wer jetzt neu in die Stadt kam, geh­örte definitiv nicht zur goldenen Gründerzeitgeneration der wilden Nachwendezeit. Er musste ein eigenes, neues Image aufbauen, um sowohl künst­­lerisch als auch in Bezug zum Kunstmarkt Aufmerksamkeit zu erzielen. Dass das der Gruppe um Baudach so schnell gelang, dürfte auch an einer inoffiziellen Bar liegen, die im "Maschenmode"-Haus eröffnete. Der Laden hieß nicht nur "Dirt", er war auch dreckig. Trotz man­gelnder Sitze sah man dort selten jemanden auf dem Fußboden hocken – zumindest nicht nüchtern. Das spartanische Interieur stammte vom ehemaligen Städelschüler Thomas Zipp, der die Bar auch gemeinsam mit Baudach betrieb: Ein Kühlschrank und ein paar Bretter genügten. "Mit dem 'Dirt' geschah der erste Schritt in die Professionalisierung", erklärt Baudach in der Rückschau, "der Geträn­keverkauf half, das Programm der 'Maschenmode' zu finanzieren, zugleich konnte man Club und Ausstellungsraum trennen."

Es war auch Zipp, der Baudach noch vor der Schließung des "Dirt" im Mai 2001 fragte, ob er sich vorstellen könnte, als professioneller Galerist zu arbeiten. "Zipp hatte schon immer die Idee, dass es die passende Galerie für ihn gar nicht gibt, sondern dass man die sich selbst gründen muss." Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Die einzige und vielleicht beste Vorbereitung für das zukünftige Dasein als Galerist, sagt Baudach gleichsam mit einem An­flug von schwarzem Humor, sei die "Beschäftigung mit psychisch Kranken während des Zivildiensts" gewesen.

"Es gab nie eine Künstlergruppe, sondern eher ein kol­legia­les Verhältnis"

Auch heute noch ist er mit Zipp befreundet. Zum Atelier des Ma­­lers, der im Sommer zum Professor für Malerei an der Berliner Universität der Künste (UDK) berufen wurde, ist es nur ein kurzer Weg: Es befindet sich nur ein paar Schritte über den Hof von der Galerie entfernt, in einem Nebengebäude des Osram-Komplexes. Hier entstehen Zipps düs­ter-kaputte Landschaftsbilder, die er mit geometrischen Mustern und ver­fremdeten Porträtcollagen kom­bi­niert. Nebenan, in einem atelierei­genen Probenraum, improvisiert der Künstler gemeinsam mit seinen As­sis­tenten ziem­lich schwer genießbaren Schrammelrock. Alles, was diese Musik an Lange­­weile und Grausamkeit zu bieten hat, treibt Thomas Zipp gleich einem exorzistischen Ritual radikal auf die Spitze.

Seit Sommer 2004 residiert die Galerie im Osram-Komplex. 80 Quadratmeter hatte das "Maschenmode"-Ladengeschäft. Die hohe Industriehalle hier misst fast 500 Quadratmeter, die Fenster sind riesig. Dass der proletarische Wedding bis dahin für kommerzielle Galerien tabu war, schreckte den Galeristen nicht. "Wäre ich nicht in diese Räume gezogen, würde ich heute mit einem Großteil der Künstler nicht mehr zusammenarbeiten", ist sich Baudach sicher. Der Umzug gelang zu einem Zeitpunkt, als die ersten Anfragen von Kunstvereinen und Museen kamen und sich internationale Großgalerien wie die Zürcher Hauser & Wirth oder Metro Pictures in New York für die exzessiven Baudach-Boys zu interessieren begannen.

Wer André Butzer treffen will, muss ins Berliner Umland fahren, nach Rangsdorf, wo der Maler seit zwei Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Flugzeugfabrik lebt und arbeitet. "Ich finde es lustig, wenn ein Begriff wie 'Baudach-Boys' fällt, vielleicht trägt es auch ein bisschen zu unserem ­Erfolg bei", sagt er, "aber leider entspricht es überhaupt nicht der Wirklichkeit. Es gab nie eine Künstlergruppe, sondern eher ein kol­legia­les Verhältnis, wie in anderen Galerien auch." Die bildende Kunst sei eine Disziplin, die ihre Protagonisten vereinzelt. Das klinge vielleicht tragisch, habe aber auch sein Gutes: "Es ist eben nicht so wie in der Musik, wo die Leute zusammen spielen müssen."
Butzer weiß, wovon er spricht. Bevor er von Hamburg nach Berlin kam, war er Mitbegründer der zwischen 1996 und 2000 existierenden Künstlergruppe "Akademie Isotrop", zu der unter anderem auch Jonathan Meese, Markus Selg oder Stefan Thater gehörten. Ziel der losen Gruppierung war die Organisation eigener Seminare fern der Kunstakademie und das weitgehend autonome Ausstellen und Publizieren.

"Der Glaube an die Künstler"

Kurz nach der Auf­lösung der Gruppe wurde Butzer im Frühjahr 2000 von Bruno Brunnet und Nicole Hackert zu einer Einzelausstellung in ihre Berliner CFA-Galerie eingeladen. Trotzdem heuerte Butzer bei Baudachs "Maschenmode" an und zeigt seitdem dort seine expressiv anmutenden Riesengemälde aus seinem rätselhaften "lebenslänglichen Cartoon", der von mondge­sich­tigen "Friedens-Siemensen", furcht­einflößenden "Schande"-Gestal­ten, Kartoffelwesen und "N-Häusern" bevölkert wird.

"Ein guter Galerist lässt den Künstler alles selbst entscheiden", lobt der gebürtige Stuttgarter seinen Ga­leristen, obwohl er seine eigene Produktion schon seit jeher mit der ­Akribie eines global agierenden mittelständischen Unternehmers selbstän­dig steuert und verwaltet. Mit der glei­chen Ernsthaftigkeit, mit der er die Verbreitung seines Werks in Deutschland, Russland oder den USA planmäßig vorantreibt, geht er in seinen Bildern Fragen wie etwa jener nach: "Wie sähe es aus, wenn Donald Duck abstrakt malen würde?" Butzers malerische Antworten interessieren nicht nur private Sammler, für das nächste Jahr ist eine erste Retrospektive in Nürnberg geplant.

Letztlich, so der Maler, zeichneten vor allem drei Dinge einen guten Galeristen aus: "eine Vision zu haben, der Glaube an die Künstler und die Be­reitschaft, kompromisslos zu dienen." Es sind die Grundzutaten einer unglaublichen Geschichte, wie sie sich so wohl nur im Berlin der 2000er Jahre zutragen konnte – dass junge Künstler nicht nur von einem gleichberechtigten und respektvollen Verhältnis zu ihrem Galeristen träumen, sondern tatsächlich einen Partner finden, mit dem sich dieses Ideal in die Wirklichkeit umsetzen lässt.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet