Leipzig - Galerien

Leipziger Galerien-Parcours

In der ehemaligen Baumwollspinnerei eröffneten 13 Galeristen die Herbstsaison. Zur Vernissage tummelte sich die Leipziger Prominenz, um beim Galerienrundgang zu sehen und gesehen zu werden

Es erinnert an den Schichtwechsel vor 25 Jahren. Die Menschenströme, die sich zweimal im Jahr über das Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei wälzen, zeugen beeindruckend davon, wie erfolgreich die Verwandlung eines Textilunternehmens in eine Kunstfabrik gelungen ist. Neun der einstigen Produktionsstätten und Seitengebäude im Klinkerdesign beherbergen mittlerweile die ersten Galerienadressen in Leipzig; mit dem Zuzug von zwei weiteren Galeristen sind mittlerweile dreizehn Galerien zu besuchen.

Das überschaubare Biotop mit seinem Cafe am Eingangstor hat einen hohen Spaßfaktor und wer gesehen werden möchte, kann sich auf das Defilee in den Fabrikgassen verlassen. Verstärkt wurde der Eindruck, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, dann noch von der Penetranz im Konvoi rollender Cheyenne-Limousinen, die so genannte VIPs in den exklusiven Loungebereich in der Halle 14 transportierten. Vornehme Zurückhaltung stand also nicht auf der Tagesordnung des September-Rundgangs.

Mit ungewohnt großer Geste gab auch der sonst eher subversiv agierende „Laden für Nichts“ seinen Einstand auf dem Gelände und eröffnete gleich doppelt. Galerist Uwe-Karsten Günther stellte weithin sichtbar den hölzernen Nachbau seines allerersten Domizils vor seinen neuen Räumen in der Halle 18 auf. Der kleine Laden mit Schaufenster tourte in den letzten Jahren als mobiler Ausstellungsraum durch Europa und hat nichts von seinem Charme verloren. Im Inneren gab Günther drei jungen Künstlern freie Hand: Paule Hammer, Enrico Meyer und Frank Walter produzierten eine begehbare Installation zum Thema Deutschtum und bürsteten Klischees wie deutscher Wald oder deutsche Disziplin gegen den Strich. Das Ganze fungierte am Eröffnungstag als Bühne für zwei Lesungen des Leipziger Literaten Clemens Meyer, der dort unkonventionelle Textcollagen aus der deutschen Literatur zum Besten gab. Den eigentlichen Galerieraum hatte Günther gleich zur Partyzone für wenige geladene Gäste umgewidmet; zu späterer Stunde diente die massive Tafel als Dancefloor und Kunstwerke von Katrin Heichel oder Stefan Stößel als schmückendes Beiwerk. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Underdog-Bonus des Ladens in der neuen Umgebung nicht abnutzt.

Seinen Einstieg in Leipzigs Szene lieferte auch Kavi Gupta aus Chicago, der auf Einladung seines Kollegen Jochen Hempel (Dogenhaus Galerie) für ein Jahr nach Leipzig kommt und seine Dependance mit witzigen Schriftarbeiten der Chicagoer Künstlerin Danielle Gustafson-Sundell und mit zarten Acryllandschaften von Sarah Nesbit bespielte. Während der letzten zwölf Monate hatte sich die Londoner Galerie Fred in dem kleinen Projektraum eingemietet – deren Galeristen Fred Mann gefiel es nach Ablauf der vereinbarten Zeit in Leipzig und in der Baumwollspinnerei offenbar so gut, dass er sich flugs ein neues Domizil auf dem Areal suchte. Man findet ihn jetzt in einem lauschigen Winkel, unter Kastanien und hinter einem verrosten Jugendstileingang, der nur noch wenig vom Produktionsstättenflair des Haupthofs verströmt. Die gelungene Videoinstallation der Britin Melanie Manchot beherrscht den Raum mit der gefilmten Körperrasur eines muskulösen Mannes, der im Verlaufe der Prozedur zunehmend verletzlicher erscheint.

Zurück auf der Hauptschlagader des Parcours, schließt sich ein Besuch in der Produzentengalerie b2 an, wo Mark Hamiltons reduzierte Konzeptskulpturen einen gewissen Vermittlungsaufwand einfordern, um ihre wohl beabsichtigte sozialkritische Tiefe zu entfalten. Als Handlungsanweisung für eine absichtlich verlangsamte Rezeptionsgeschwindigkeit soll dabei wohl Hamiltons große Neonleuchtschrift SLOW BURN dienen.
Nebenan, in der Galerie Filipp Rosbach begrüßen die figürlichen Plastiken von Katja Wiechmann, einer Dresdner Meisterschülerin von Martin Honert, die die Impulse ihres Professors bis zur Kenntlichkeit interpretiert. Doch damit nicht genug, bietet Galerist Josef Filipp dank cleverer Raumaufteilung neben Wiechmann noch zwei weitere Soloausstellungen an; vom Leipziger HGB-Professor und Medienkünstler Joachim Blank (vormals Blank & Jeroen) sowie von Sabine Dehnel, deren nach eigenen Gemälden inszenierte Fotografien durch akribische Detailarbeit mehr erfreuen als die Malereien.

Das Highlight des Leipziger Spinnerei-Rundgangs erwartet (nach Rezensentinnen-Auffassung) die Besucher in der ASPN-Galerie mit einer Präsentation von Grit Hachmeister. Die junge Leipzigerin, die bei Timm Rautert studierte, widmet sich in einem stilsicheren Medienmix von Zeichnung, Fotografie und Installation dem strapazierten Thema geschlechtlicher Identität und tut dies mit soviel Poesie, autobiografischem Schmerz und sublimiertem Voyeurismus, dass diesbezügliche Klischees neue Bedeutung erhalten.
Und da sich ASPN eine Halle mit der Dogenhaus Galerie teilt, tritt man bei Verlassen der Hachmeister-Koje sogleich in eine Malereizone, die vermeintlich alle „Neue Leipziger Schule“- Stereotype bedient: träumerischer Realismus mit einem Hang zu menschenleeren Industrierachitekturen. Die Urheberin der fünf Leinwände: Angelina Gualdoni hat ihre Weihen allerdings nicht vor Ort empfangen, sondern stammt aus Chicago. Für Galerist Jochen Hempel war die „Leipzigähnlichkeit“ der Gualdoni-Werke, ein Ausstellungsgrund; auf manche Besucher wirkte der unverhüllte Wiedererkennungswert eher irritierend.

Den Dunstkreis von gewohnten Markenzeichen wie Schmusekätzchen und laszive Kindfrauen hat auch Martin Eder nicht verlassen, der auf grauem Wandanstrich die Galerie Eigen+Art mit neuen Arbeiten bestückte. Wer sich auf Grund der Einladungskarte mit dem existenzialistischem Selbstporträt des Künstlers und einem Georg-Trakl-Gedicht noch Überraschungen erwartete, wurde vom üblichen Eder-Kitsch begrüßt, erweitert noch um einige Fabelwesen und –immerhin- einer kruden Szene mit abgetrenntem Künstlerhaupt.

Nach dieser etwas abgestandenen Melange aus figurativem Pathos und (Selbst)Ironie erfrischte der Besuch in der Galerie Kleindienst, wo mit Tobias Lehner einer der wenigen aufrechten Abstrakten Leipzigs auf dem Programm stand. Lehner, der nicht viel von synästhetischen Deutungen hält, konstruiert seine rhythmischen Formschichtungen dennoch mit so packender Musikalität, dass man vermeint Beats und Bässe zu hören. Zudem haben Farben seine aktuellen Kompositionen völlig verlassen, so dass Lehner nur noch auf der Klaviatur von Schwarz-, Weiß- und Grautönen spielt: ein fulminantes Vergnügen und innerhalb des Rundgangsangebots ein niveauvoller Urlaub von Bedeutungsschwere. Zunehmend in Bereiche der Abstraktion hinein malt sich auch Miriam Vlaming in der maerzgalerie. Vor ihren fließenden, organischen Bildhintergründe scheinen nur noch sparsam Figuren auf. Pünktlich zur Eröffnung erschien auch Vlamings lange fälliger Werkkatalog im Kerber Verlag.

Der Spinnerei-Rundgang endete für die meisten Besucher im Ableger der Pierogi Galerie aus Brooklyn, die mit ihrer Präsenz seit April 2006 fast zum Inventar gehört. In Galerie 1 landete die hölzerne Replik der historischen Mondlandefähre „Eagle“ von 1969, als zersplitterte Skulptur in magisches Licht getaucht. Urheber sind Lutz-Rainer Müller und Jan Freuchen, die das Objekt zuvor monatelang in einem Sumpfloch als fiktivem Landeort hatten modern lassen. An Themen des Flugwesens bleibt auch William Lamson aus New York in Galerie 2, der eigene Flugversuche in Video und Fotografie in Szene setzte und als Ikarus im weißen Schutzanzug produktives Scheitern vorführte. Solchen kosmischen Schiffbruchphantasien zum Trotz verspricht ein Spaziergang durch die Leipziger Galerien auch in den nächsten Wochen reichlich Kunstgenuss in allen Medien und darf getrost um weitere Stationen erweitert werden. Auf dem Gelände selbst sollte noch der Experimentalraum der Halle 14 „Universal Cube“ mit einer Ausstellung unter der Regie des Berliner Galeristen Jan Winkelmann (in Zusammenarbeit mit der Medienkunstabteilung der HGB) besucht werden und auch das Spinnerei archiv massiv. Außerdem hat bereits vor einem halben Jahr ein neuer Kunstort Leipzigs seine Pforten geöffnet, das ehemalige Tapetenwerk an der nahegelegenen Lützner Straße, wo es unterdessen bereits fünf Galerien und Projekträume zu besuchen gilt.