1968 – Die große Unschuld - Kunsthalle Bielefeld

Subtile Nadelstiche ins System

Die Kunsthalle Bielefeld zeigt in ihrer Ausstellung "1968 – Die große Unschuld", wie sich eine stille Revolution in der Kunstwelt vollzogen hat.

"Wenn ich male, werde ich erregt. Ich spreche mit mir selbst, schneide Grimassen, verfluche Leute und verändere mich charakterlich wie körperlich." Um diesen Nebeneffekten des Malens eine beständige Form zu geben, begann Arnulf Rainer 1968 um den Wiener Westbahnhof zu streichen. Über zwei Jahre lang suchte er die dort aufgestellten Fotokabinen auf und gri­massierte ins helle Licht des Automaten­blitzes.

Für Rainer war dies ein weiterer Versuch, sich von der etablierten Kunst zu lösen, für die Wachmänner am Wiener Westbahnhof ein Grund, genauer hinzuschauen. So harmlos Arnulf Rainers "Gesichtsfarcen" auf den ersten Blick erscheinen, so faustdick hat es der (Selbst-)Porträtier­te hinter den Ohren. Für die Kuratoren der Bielefelder Ausstellung sind Rainers Bilder ein Paradebeispiel für die stille Revolution, die sich damals in der Kunstwelt vollzog.

Wie Rainer setzten sich in den sechziger Jahren zahlreiche Künstler vom klassi­schen Werkverständnis ab: In Andy Warhols Factory übernahm die Automatisierung die künstlerische Arbeit, die Land Art ging ins Freie, um mit statt nach der Natur zu "malen", Bruce Nauman entdeck­te den eigenen Körper als Leinwand, die italienische Arte povera erweiterte den Be­griff der Bildhauerei um scheinbar abwegige Materialien, und Marcel Broodthaers rief mit seinen Installationen gleich eine neue Museumskultur aus.

In dieser Perspektive auf das Jahr 1968 erscheint die po­litische Kunstaktion als stumpfes Schwert; weit wirkungsvoller, so der Kurator Thomas Kel­lein, stellen subtile Nadelstiche das herrschende Kunstsystem in Frage. Nach ihrer Schau "1937 – Perfektion und Zerstörung" hat sich die Kunsthalle Bielefeld erneut ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Dieses Mal soll die kunsthistorische Bedeutung von 1968 erkennbar werden, und zwar nicht nur als Chiffre für die Entwicklungen des gesamten Jahrzehnts, sondern als ent­scheiden­des Umbruchsjahr.

Da ist Skepsis angebracht, denn vieles, was die Ausstellung für 1968 reklamiert, war bereits früher im Schwange. Rund 400 Werken von 200 Künstlern von A wie Acconci bis Z wie Zorio werden aufgeboten. Diesen Querschnitt durch das Jahr 1968 zu sehen lohnt sich wohl auch dann, wenn es nicht unbedingt den angekündigten Umbruch markiert.

"1968 – Die große Unschuld"

Termin: 15. März bis 2. August. Katalog: DuMont Buchverlag, 28 Euro, im Buchhandel 49,95 Euro
http://www.kunsthalle-bielefeld.de/

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