Simon Starling - Kunsthalle Berlin

Unter der Linde

In ihrer nun zweiten Ausstellung präsentiert die Temporäre Kunsthalle Berlin den britischen Künstler Simon Starling. Die einzig neue Arbeit besticht durch ihren spröden Minimalismus: "Under Lime" zeigt einen abgesägten Ast.

An der Außenseite der Temporären Kunsthalle, dort wo der Kasten an den Spreekanal grenzt, steht ein roter Volvo-Kombi. Ein roh gezimmertes Podest verrät sofort, dass der Wagen nicht zufällig abgestellt wurde, diverse Rohre laufen in das Innere des Ausstellungsraumes. Schwarzes Kondensat hat sich am Auspuff gesammelt und ist auf das frisch gezimmerte Podestholz getropft.

Ein spektakulärer Eingriff ins Stadtbild ist die Karre nicht, doch Kenner der Kunst von Simon Starling wissen auf Anhieb, dass es sich um das Baujahr 1988 handelt und im Inneren der Kunsthalle mit der Wiederauflage eines Starling-Klassikers zu rechnen ist. Denn bis vor ein paar Jahren leistete der Kombi dem Künstler und seiner Kunst
gute Dienste, indem er Verknüpfungen zwischen verschiedenen geografischen Orten herstellte, ohne die der Brite es schwer hätte, seine verrückten Hypertexte durch Raum, Zeit und Geschichte zu weben.

Eine dieser komischen Geschichten handelt etwa davon, wie Starling 2002 mit dem Volvo von Deutschland nach Spanien fuhr, um in der andalusischen Wüste einen Kaktus auszugraben, der dort in den Sechzigern als Kulisse für Sergio Leones Spaghetti-Western diente. Anschließend brachte Starling die stachelige Beute nach Frankfurt/Main, wo im Portikus Pflanze und Maschine zu einer Installation verschmolzen: Der ausgebaute Volvo-Motor sorgte im Inneren der Ausstellung für die nötigen Kaktus-Temperaturen.

Ein Statement zum rauhen Klima in Berlin?

Nun ist die Pflanzen-Maschine auf Initiative des Kurators Julian Heynen in der Temporären Kunsthalle gelandet, ebenso wie der "Plant Room", den Starling im letzten Jahr für den Kunstraum Dornbirn konzipiert und installiert hatte: Um in der dortigen, schlecht klimatisierbaren Ausstellungshalle wertvolle Prints von Karl Blossfeldt zu zeigen, wurde ein archaisch anmutentes Lehmziegelhaus errichtet und mit ausgeklügelter Klimatechnik versehen.

Weil Starling für seine Bezugnahme auf den jeweiligen Ausstellungsort bekannt ist, darf das Publikum nun über den ortsspezifischen Gehalt dieser Mini-Retrospektive rätseln. Wollten der Künstler und sein Kurator mit den Wärme- und Kältekreisläufen ein Statement zum rauhen Klima auf dem Berliner Schloßplatz machen, über den eisige Böen wehen, seit die letzten Reste des ehemaligen Palasts der Republik verschwunden sind? Oder ist es das Unspezifische der Gegend, die paradoxerweise immer banaler wird, je stärker Politik und Stadtgeschichtsvereine an ihre Historizität appelieren?

Neben der Flucht in das bereits Erreichte, die sich nun in der Kunsthalle in all ihrer installativen Pracht entfaltet, deutet "Under Lime", die dritte, einzig neue und sehr spröde Arbeit Starlings darauf hin: Unter der Decke wurde ein Ast angebracht, der zuvor mit einer Kettensäge von einem Baum am Berliner Prachtboulevard abgesägt wurde. Das versteht man sofort: Was diesen Ort prägt, ist die Liebe zur Destruktion.

"Simon Starling – Under Lime"

Termin: bis 18. März 2009, Temporäre Kunsthalle Berlin
http://www.kunsthalle-berlin.com/