Daniel Knorr - Fridericianum Kassel

Alles tendiert dahin zu zerbrechen

Daniel Knorr fertigt für seine aktuelle Ausstellung "Scherben bringen Glück" im Fridericianum Kassel Brillen aus Altglas. art sprach mit ihm über Chaos, Energie und Scherben.

Herr Knorr, für Ihre Ausstellung "Scherben bringen Glück" haben Sie einen Haufen Altglas ins Fridericianum verfrachtet. Zwei Altglascontainer wurden zur Eröffnung mit Mordsradau in der Kunsthalle entleert. Warum?

Daniel Knorr: Mich hat daran interessiert, das Materialisierende und das Visuelle aus einem Material herauszuziehen, das – auch im übertragenen Sinn – eine erweiterte Rolle in unserer Gesellschaft hat. Die Zukunft einer Tasse oder Flasche ist, dass sie zerbricht, denn wir leben in einem thermodynamischen System. Das bedeutet: Wir gehen von einem Zustand in einen anderen über und tendieren zu einem höheren Chaosmoment: Alles tendiert dahin zu zerbrechen. So wird Energie frei. Außerdem interessiert mich, was es mit diesem Sprichwort "Scherben bringen Glück" auf sich hat, und was die Scherben für historische Hintergründe haben.

Spielen Sie auf die Reichspogromnacht an?

Auch. Darüber hinaus geht es um das Sammeln und darum, dass es Flaschen und Gläser sind, die von allen benutzt wurden. Sie kommen aus der Gemeinschaft und werden jetzt einfach umfunktioniert. In all meinen Arbeiten geht es immer um den Moment des Materialisierens. Dass man beim Betrachten beispielsweise Jahre Revue passieren lässt, ist ja ein Materialisieren der Vergangenheit in die Gegenwart. Auch was wir gerade machen, das Darübersprechen, ist eine Art des Materialisierens.

Aus den alten Glasscherben basteln Sie Brillen, die entfernt an bestimmte Designtypen erinnern. Zufall?

Nein, mit dem Design der Brillen reagiere ich auf den Volksgeschmack: US-Pilot, Ray Ban oder Gucci. Ich wähle die Scherben nach ästhetischen Prinzipien oder Normen aus, suche zwei, die zusammenpassen und montiere sie an Brillengestelle.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich bin in Berlin auf die Straße gegangen, habe die Scherben gesehen und gedacht: Die sieht fast aus wie eine Ray Ban, natürlich nur notdürftig. In Kassel werden allerdings nicht so viele Flaschen auf der Straße zerschlagen wie in Berlin, wo nach jedem Wochenende alles voller Scherben liegt.

Sind die Brillen denn benutzbar?

Nein. Durch eine solche Brille kann man natürlich nicht sehen, und es wäre sicher schmerzhaft, sie aufzusetzen. Es ist ein Objekt. Es materialisiert sich in unserem Kopf als etwas, das eine Funktion hat, aber eigentlich hat es keine. Es spricht eine visuelle Sprache, ist ein visuelles Werkzeug, das diese Ebene verlassen hat. Es geht mir in der Ausstellung aber nicht nur um die Brillen, sondern auch um den Haufen Scherben. Die Container stehen hier, damit das Glas und seine Materialität wahrgenommen werden und verschiedenste freie Assoziationen möglich sind.

Sie sitzen also vier Wochen lang von morgens bis abends im Fridericianum, suchen sich Scherben aus dem Haufen und basteln daraus Brillen?

So ist es. Ich suche interessante Scherben aus, wasche Sie, lege sie zunächst auf einen Leuchtkasten, und montiere sie dann mit Sekundenkleber an diese billigen Lesebrillengestelle, die es im Supermarkt gibt. Anschließend werden sie fotografiert und in Vitrinen ausgestellt. Es ist eine Produktionskette, der man beiwohnen kann. Ich verlagere ja gewissermaßen mein Atelier hierher. So etwas mache ich übrigens zum ersten Mal, dass ich die künstlerische Produktion als performatives Moment in die Ausstellung einfließen lasse.

Und warum haben Sie die Altglascontainer wie riesige Pillen zusammengesteckt?

Diese "City Pills", wie ich sie nenne, sind eigentlich Nebenprodukte, die der künstlerischen Produktion beiwohnen. Sie sind entstanden, weil ich auf die Idee kam, das Material in den Containern hierher zu bringen. Die Container sind übrigens aus Hannover – in Kassel haben die leider eine andere Form, damit hätte es nicht funktioniert. Wir mussten allerdings die kleine Variante der Container nehmen, damit sie durch die Museumstür passen.

"Daniel Knorr – Scherben bringen Glück"

Termin: bis 4. Januar, Fridericianum Kassel.
http://www.fridericianum-kassel.de/knorr001.html

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