Europäischer Monat der Fotografie

Berlin



BERLIN IM BILDERRAUSCH

Der Europäische Monat der Fotografie beschert Berlin derzeit einen regelrechten Bilderrausch: Über 130 Ausstellungen wollen gesichtet werden. Eine Orientierungshilfe.
// EVA-MARIA TRÄGER

Wer sich für Fotografie interessiert, muss im November nach Berlin reisen: Dort findet nach 2004 und 2006 nun wieder der bildgewaltige "Europäische Monat der Fotografie" statt. Zum ersten Mal schmückt sich die Veranstaltungsreihe mit einem Motto: "Noch nie gesehen" lautet die wenig originelle Parole – die Ausstellungen hätten Kreativeres verdient. Ein Blick in den üppigen Veranstaltungskalender beweist: Die Richard Avedon-Schau im Martin-Gropius-Bau ist nur eines unter vielen Highlights.

Über 130 Ausstellungen sollen das gesamte Spektrum der Fotografie abbilden, von den Anfängen bis zur Gegenwart, von klassischen Lochkameraaufnahmen bis zu modernen Videoarbeiten. Sich alles anzuschauen, ist trotz der veranschlagten Dauer von einem Monat unmöglich: Ein Pensum von mindestens vier Terminen täglich dürfte sogar Hartgesottene überfordern. Viele Ausstellungen dauern aber auch nach November an, einige sind sogar bis ins neue Jahr zu sehen.

Die Stadtaufnahmen des Architekturfotografen Hans Georg Esch sind leider nur kurz, zwischen dem 7. und 11. November, bei Aedes zu sehen. Unter dem Titel "City and Structure" porträtiert Esch Megacities als reduzierte Strukturen aus zweierlei Perspektiven: aus der Ferne als monumentale Landschaften und aus der Nähe anhand der Feinheiten moderner Fassaden.

Von Luftgängern, Scherenschnitten und komplexen Briten

Für Sebastian Stumpf ist der urbane Raum ein Experimentierfeld, um Seh- und Erfahrungskonventionen zu hinterfragen. Stumpf klettert auf fragile Bäumchen, die sich zwischen den Betonkolossen großer Metropolen behaupten und die seinem Gewicht erstaunlicherweise trotzen. Er rollt mit Anlauf unter sich schließenden Garagentoren durch. Er spaziert lässig durch die Straßen – scheinbar in der Luft. Die entstehenden Videoarbeiten und Fotografien sind reduziert, fast beiläufig, und wirken dadurch umso absurder und unglaublich komisch. C/O Berlin zeigt seine Arbeiten unter dem Titel "Leaving again" noch bis zum 12. Dezember.

Tasja Keetman interessiert sich für die Wechselwirkung zwischen Stadt und Mensch. Ihre Serie "Tantrum", die noch bis zum 22. November im Raum Ybdd zu sehen ist, zeigt Momentaufnahmen von Personen, die ähnlich Scherenschnitten anonym aneinander vorbeihasten und sich in den Weiten der öffentlichen Gebäude verlieren. Ihre Wahlheimat New York dürfte die gebürtige Münchnerin bei diesem Thema inspiriert haben.

Dort arbeitete sie auch für den Star- und Modefotografen Albert Watson. Der ebenfalls in den USA ansässige Brite ist zum Europäischen Monat der Fotografie auch mit einer Ausstellung in Berlin vertreten: Die Galerie Camerawork kündigt einen "Querschnitt des komplexen Werks" an, darunter humorvolle Porträts von Alfred Hitchcock und Mick Jagger – vom 22. November bis zum 17. Januar.

Großartig großformatig

Wer sich Zuhause schon immer ein lebensgroßes Selbstporträt aufhängen wollte, der wird in den Uferhallen fündig. Dort steht die von Werner Kraus Anfang der siebziger Jahre gebaute "Camera Imago 1:1". Sie ist begehbar und fertigt per Selbstauslöser Fotos der Personen an, die sich in ihr bewegen. Die Ausstellung "Begegnungen" von Susanna Kraus, der Tochter des Erbauers, zeigt so entstandene Bilder.

Lohnenswert ist auch ein Besuch der Berlinischen Galerie. Dort sind Aufnahmen aus dem Ostberlin der frühen fünfziger Jahre zu sehen, die ein unbekannter Fotograf für die damalige Bauverwaltung anfertigte. Für "So weit kein Auge reicht", so der Titel, wurden diese Bildfolgen digital zu großformatigen Panoramen montiert und sind so als historische Dokumente neu erfahrbar.

Seltenheitswert haben die Arbeiten von Gisèle Freund: Einige Aufnahmen aus ihrem umfangreichen Porträtwerk sollen die einzigen Farbaufnahmen der gezeigten Personen sein. Im Willy-Brandt-Haus sind bis zum 28. November 100 Fotografien der jüdischen Fotografin zu sehen, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Dazu zählen auch Bilder von Walter Benjamin, James Joyce, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

Ein Beispiel für viel geforderte Vernetzung

Neben zahlreichen weiteren interessanten Ausstellungen, von Walter Gropius im Bauhaus-Archiv über André Kertész in der Galerie Berinson und Léon Herschtritt im Institut français de Berlin, bietet der Europäische Monat der Fotografie begleitende Veranstaltungen: Gespräche, Lesungen, Führungen und Screenings.

In den sechs weiteren Partnerstädten Paris, Wien, Bratislava, Luxemburg, Moskau und Rom ist das Angebot ähnlich groß. Somit ist der Europäische Monat der Fotografie neben einer Huldigung an das Medium vor allem auch ein gelungenes Beispiel für die oft geforderte innereuropäische Vernetzung.

Europäischer Monat der Fotografie 2008

Termin: bis 30. November, in ganz Berlin

http://www.mdf-berlin.de

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