Kurzfilmtage Oberhausen - Interview

Geschichte ist autoritär

Im Rahmenprogramm der 54. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen (1. bis 6. Mai) stellt der Kurator Ian White die Frage nach dem Wesen der Geschichte. Mit art-Autorin Judith Scholter sprach er über Tony Blair, die Bedeutung des Oberhausener Festivals und die Zukunft der Filmgeschichte.
"Geschichte ist autoritär":art sprach mit Filmkurator Ian White

"Ich wünschte Geschichtsbücher würden sich selbst abschaffen": Ian White, Filmkurator der Londoner Whitechapel Art Gallery

Herr White, in diesem Jahr kuratieren Sie für die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen ein Programm mit dem Namen "Wessen Geschichte?". Worum geht es dabei?

Der Titel ist einem Aufsatz entlehnt, den die britische Künstlerin Lis Rhodes 1979 geschrieben hat. Der Aufsatz entstand in Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit an der Ausstellung "Film as Film" in der Londoner Hayward Gallery. Rhodes war damals als einzige Frau am kuratorischen Prozess beteiligt. Da lief also etwas komplett falsch. Rhodes widersetzte sich dieser autoritären Politik, die Frauen zu einem großen Teil ausschloss. Zu ihrem Widerstand gehörte auch ein Essay über Frauen als Filmemacherinnen. Darin präsentiert sie die Geschichte als etwas, das immer wieder zusammenbricht und neu konstruiert wird. Dieser Gedanke hat mich bei meinem Nachdenken über die Programme in Oberhausen ständig begleitet. Eine feministische Herangehensweise zieht sich also wie ein roter Faden durch das ganze Konzept.

Im Internationalen Wettbewerb: Susanna Wallin, "Eddie Proctor", 2007, 5' (Ausschnitt)

Ihr Programm handelt von dem Problem, wer eigentlich Geschichte macht: die Menschen, die Gegenstand der Geschichte sind, oder die Autoren, die sie schreiben.

Wenn zum Beispiel Tony Blair über den Krieg im Irak spricht und sagt, dass die Geschichte sein Richter sein werde, dann müssen wir uns fragen: Welche Geschichte meint er denn bloß? Meine oder seine? Dieses monolithische Ding "Geschichte" existiert doch gar nicht. Wir brauchen Geschichte zur Unterstützung oder Rechtfertigung mancher Vorgänge, aber es ist eigentlich ein vollkommen abstraktes Konzept. Es gibt nur viele "Geschichten": die von Kriegen, die von Staaten, die von Religionen.

Es gibt also keine Wahrheit in der Geschichte?

Genau. Welche Geschichte würde es denn rechtfertigen, in den Krieg zu ziehen? Vielleicht die Autobiographie von Tony Blair.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Filme für das Programm ausgesucht?

Jeder Film ist ein Kommentar zu einem anderen. Am deutlichsten wird es vielleicht in dem Programmpunkt "4 Documents". Er beginnt mit "Nachrichten von den Staufern", einem Film von Alexander Kluge und Maximiliane Mainka. Der Film nutzt mittelalterliche Manuskripte und Bilder, um die Anfänge einer deutschen Nation zu diskutieren. Die verbindet er dann mit Nazi-Deutschland. Der darauf folgende Film ist "Perfect Film" von Ken Jacobs. Jacobs zeigt einfach eine Filmrolle, die in einer Mülltonne gefunden wurde. Er hat sie nicht editiert oder bearbeitet. Es gab keine Kontrolle des Künstlers über sein Material. Der Film zeigt Menschen, die beschreiben, was sie gerade gesehen haben: die Ermordung von Malcolm X. Es ist eine ungeheuer fragmentarische, frustrierende und materielle Art, dieses Ding namens "Nachricht" zu verstehen. "Nachrichten von den Staufern" dagegen ist eine sehr sorgfältige Montage von frühen Bildern, und manchmal glauben wir ihnen, manchmal nicht. "Perfect Film" hat keine Einordnung, keine Kontrolle. Er ist das Gegenteil zu "Nachrichten von den Staufern". Die Filme kritisieren sich also gegenseitig.

Unterscheiden Sie denn zwischen dokumentarischen und fiktionalen Filmen?

Alle Filme, die ich ausgewählt habe, sind das Werk von Künstlern. Während meiner Arbeit ist mir aber aufgefallen, dass sie alle Dokumentationen sind. Auch wenn sie komplett fiktiv sind. Genau das ist das Thema meines Programms. Immer und immer wieder zu fragen: Welcher Art sind die Dokumente, und was genau dokumentieren sie eigentlich?

Im Internationalen und Deutschen Wettbewerb: Bjørn Melhus, "The Meadow", 2007, 29'30" (Ausschnitt)

Geschichtsschreibung und Filme müssen also zwangsläufig subjektiv sein?

Geschichtsschreibung ist meistens autoritär. Sie versucht, subjektive Wahrheit gerade auszuschließen und tut so, als gebe es eine allgemein objektive Wahrheit. In Geschichtsbüchern wollen irgendwelche Leute uns sagen, was geschehen ist. Künstlerfilme brauchen eine andere Geschichtsschreibung. Keine, die nur nach Chronologie aufzählt oder sie in die kanonische Kunstgeschichte pressen will.

Wie könnte diese Geschichtsschreibung aussehen?

Es wird in Oberhausen eine Podiumsdiskussion geben, an der Kenneth Goldsmith, der Gründer von "Ubuweb.com", teilnimmt. Das ist eine frei zugängliche Internetseite, auf der kann jeder sich experimentelle und avantgardistische Filme ansehen und Archive mit experimenteller Musik nutzen. Außerdem bietet sie Zugang zu Interviews. Vielleicht ist dies ein Weg, den Nutzern den Weg zu ihrer eigenen Geschichte zu ermöglichen. Einen total subjektiven Blick, eine persönliche Geschichte. Es wird sicher immer Geschichtsbücher geben, und ich schlage auch gar nicht vor, dass man sie abschaffen sollte, aber ich wünschte, sie täten es von selber.

Im vergangenen Jahr haben Sie in Oberhausen nach dem Zusammenhang zwischen Kino und Museum gefragt. Weshalb brauchen wir eigentlich Filmfestivals?

Ich begreife den Kinosaal als einen sozialen Raum. In diesem Raum verbringen Menschen auf intensivste Weise gemeinsam ihre Zeit, und ich möchte sie zu kritischem Nachdenken anregen. Oberhausen hat die ganz besondere Aufgabe der Kritik.

In welcher Weise?

Es geht darum, dass die Besucher ihre eigene Position hinterfragen. In meinem Programm "Kinomuseum" haben wir versucht, mit den Kinobesuchern eine neue Art von Museum zu denken. So etwas passiert sonst in meiner Arbeit nicht, nicht im Filmprogramm der Whitechapel Art Gallery oder wenn ich andere Programme kuratiere. Nur in Oberhausen setzen sich so viele Menschen an einem Ort mit Filmen auseinander. Es ging mir um die ganze Institution Kino, auch im Vergleich zu solchen Orten wie Kunstgalerien. Der experimentelle Film befindet sich immer am Rand des Betriebs und eignet sich besonders gut dafür. Darum ist Oberhausen für mich so wichtig.

Was ist denn der Unterschied zwischen einem Kino und einem Museum?

Im Museum geht man spazieren und guckt sich eher die anderen Menschen an als die Kunst. Museen sind große Boulevards, etwas ganz anderes als Kinosäle, in denen man sich hinsetzt und sich einen ganzen Film anschaut. Im Kino kann man nicht vor der Kunst weglaufen.

"54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen"

Termin: 1. bis 6. Mai, Lichtburg Filmpalast, Oberhausen.
http://www.kurzfilmtage.de/

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