Kandinsky-Preis - Russische Gegenwartskunst

Kandinsky-Preis für Osmolowski

Der Documenta 12-Teilnehmer Anatoli Osmolowski wurde als "Künstler des Jahres" ausgezeichnet und erhielt den ersten Kandinsky-Preis für russische Gegenwartskunst. Doch zwei küssende Polizisten stahlen ihm fast die Show...
Ein Kuss, ein Preis, vier Gewinner:Osmolowski ist der "Künstler des Jahres"

Anatoli Osmolowski bei seiner Performance auf dem Majakowski-Denkmal, 1993

Seine Bilder wurden von den Nationalsozialisten in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt. In Russland wurde er zensiert, und sein Vermögen wurde beschlagnahmt – und aus Deutschland musste er gleich zweimal fliehen, 1911 und 1933. Heute wird Wassily Kandinsky (1866-1944) als Meister der abstrakten Kunst gefeiert.

Und der erste Preis für russische Gegenwartskunst trägt seinen Namen. Der Kandinsky-Preis möchte die Freiheit der Kunst fördern, Einblicke in die wichtigsten Trends der russischen Kunstszene bieten und "das Erbe seines
avantgardistischen Denkens auch im 21. Jahrhundert würdigen", erklärt der Mitinitiator, die Deutsche Bank, in einer Pressemeldung. Genau 121 Jahre nach Kandinskys Geburtstag fand am 4. Dezember die Preisverleihung im neuen Moskauer Zentrum für Gegenwartskunst Winzavod statt – passenderweise kurz nach der Parlamentswahl und der Verleihung des weltberühmten britischen Turner-Preises.

Die Zeremonie begann gleich mit einem raffiniert kalkulierten Skandal: Zwei Polizisten stürmten in die Halle, kletterten auf die Bühne und küssten sich leidenschaftlich. Das Publikum war von dieser Hommage an das umstrittene "Blue Noses"-Bild "Era of Mercy" (2005) begeistert. Ende Oktober durfte das Bild zweier küssender Milizionäre bei einer Pariser Ausstellung über zeitgenössische russische Kunst nicht gezeigt werden. Nach der kleinen Showeinlage kamen dann die "Nasen" Alexander Schaburow und Wjatscheslaw Misin persönlich auf die Bühne und verkündeten den ersten Kandinsky-Preisträger: Anatoli Osmolowski.

Der 38-jährige Osmolowski konnte die Auszeichnung als "Künstler des Jahres" und den Haupreis über 40 000 Euro in Empfang nehmen. Die internationale Jury (u.a. Nikolay Molok, "ArtChronika", Moskau; Friedhelm Hütte, Deutsche Bank Kunst, Frankfurt am Main; Jan-Hubert Martin, französische Nationalmuseen, Paris; Valerie Hillings, Solomon R.
Guggenheim Museum, New York) zeichnete ihn für seine militärischen Fetische, die in Bronze nachgeformten Panzerteile aus der Serie "Goods", die auch bei der diesjährigen Documenta 12 zu sehen waren, aus. Osmolowski
wurde in den neunziger Jahren durch seine linksradikalen und anarchistischen Positionen berühmt. Er initiierte eine Kampagne "Gegen alle Parteien", entwickelte Strategien um "überflüssige" Objekte zu schaffen und gründete 1995 das Magazin "Radek" als Plattform für die intellektuell-künstlerische Opposition.

Dementsprechend skeptisch klang seine Dankesrede. „Alles, worüber wir jetzt reden: Winzavod, Kandinsky-Preis - das sind alles formalisierte Dinge, das Establishment, ernsthafte Leute, die Geld investieren. Die sind alle gebildet und sehr reich und zivilisiert, und in den Neunzigern gab es das nicht. Aber dafür gab es ein spannendes subkulturelles Leben, obwohl es kein Geld gab, keinen Ruhm, nichts“, erzählte Osmolowski dem Deutschlandfunk.

Den Preis in der Kategorie "Bester junger Künstler" erhielt die 24-jährige Wladlena Gromowa. Die Absolventin des Internationalen Slawischen Institus, Fachbereich Design, gewann einen dreimonatigen Aufenthalt in der italienischen Künstlerresidenz Villa Romana für ihre Videoarbeit "Portrait" (2007). Wladislaw Mamyschew-Monroe wurde für das "Beste Medienkunstprojekt des Jahres" pämiert und bekam 10 000 Euro für sein Video "Volga, Volga" (2006). Den mit 5000 Euro dotierten Publikumspreis erhielt der 25-jährige Peter Goloschapow.

Die Ausstellung mit den Gewinnern und den weiteren nominierten Arbeiten wird 2008 auch in Deutschland und den USA zu sehen sein. Ein zweisprachiger Katalog ist bereits erschienen.