Daniel Richter - Besucherrekord

Zeitgenössische Kunst ist wetterabhängig

Ein Rekord! 120 000 Besucher sahen die Daniel-Richter-Ausstellung in Hamburg. Mehr als bisher die Biennale in Venedig. Aber warum eigentlich? art-magazin.de sprach mit Dr. Christoph Heinrich, dem Kurator der Schau, über die Ursachen des Besucheransturms, die Macht der Medien – und das Wetter
120 000 Besucher:sahen die Daniel-Richter-Ausstellung. Warum eigentlich?

Daniel Richter, "Alles Ohne Nichts", 2006-2007

art: Mit wie vielen Besuchern haben Sie denn ursprünglich gerechnet?

Dr. Christoph Heinrich: Wir haben mit 60 000 Besuchern gerechnet. Deshalb waren die Besucherzahlen schon eine freudige Überraschung.

Insgesamt 120 000 Besucher haben die Ausstellung gesehen – mehr als bisher die Biennale in Venedig. Wie erklären Sie sich diesen Besucheransturm?

Man hat deutlich gemerkt, dass die Ausstellung ein sehr junges Publikum angezogen hat. Besucher, die vielleicht Richter persönlich kannten oder zumindest von seinen Hamburger Tätigkeiten unterrichtet waren. Natürlich hat uns auch geholfen, dass es eine große und umfangreiche Berichterstattung vor der Ausstellung gab, die Interesse geweckt hat – und die Richter auch als Person dargestellt hat und so auf sein Werk neugierig gemacht hat. Es war ja ein Werküberblick, der frühe, abstrakte Bilder der neunziger Jahre bis hin zu Bildern, die erst zur Eröffnung fertig wurden, zeigte. Insofern war es eine in dieser Form noch nicht gezeigte Ausstellung, die auch viele Kollegen und Kritiker sehr interessierte.

Daniel Richter ist ja gerade in Hamburg sehr bekannt – hätte die Ausstellung auch in München funktioniert?

Da müsste man spekulieren. Natürlich ist Richter ein Hamburger Gewächs. Er war hier an der Hochschule, ist in der Musikszene engagiert – seine Frau macht das Hamburger Fleetstreet-Theater. Er ist in dieser Stadt eingebettet. Aber ich glaube, er gehört zu den Malern, die auch in anderen Städten ein großes Interesse wecken. Neo Rauch hat ja auch in Wolfsburg und nicht in Leipzig seine ebenfalls sehr erfolgreiche Ausstellung gehabt. Und zeitgenössische Kunst ist wetterabhängiger als Klassische Moderne. Das Publikum ist „Outdoor-aktiver“ als das klassische Museumspublikum – und verreist, wenn das Wetter gut ist, gerne am Wochenende. Insofern haben uns die völlig verregneten Sommertage die Besucher ins Haus gespült.

Aber locken junge Künstler heute generell mehr Besucher an als die Klassiker?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Wir haben letztes Jahr Caspar David Friedrich gezeigt und, obwohl wir immer Friedrich zeigen und die Kunsthalle eine der größten Friedrich-Sammlungen überhaupt hat und Bilder wie der „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ oder „Das Eismeer“ zu unserem festen Bestand gehören – trotzdem kamen über 300 000 Besucher angerannt. Es gibt noch immer alte Meister und Künstler der Klassischen Moderne, die für ein volles Haus sorgen. Aber natürlich ist es auch schön, wenn das Publikum sich zunehmend für aktuellere und jüngere Künstler interessiert. Das hängt auch von den Medien ab, die das für sich als Thema entdeckt haben und in Home-Stories über Künstler wie Neo Rauch oder Daniel Richter berichten. Da wird ein ähnlicher Starkult gepflegt wie bislang nur bei Filmschauspielern oder Popstars. Ich will daran nicht mäkeln, denn natürlich freuen wir uns über eine gute Presseresonanz: Aber es macht trotzdem auch skeptisch. Die Person wird immer wichtiger, und ganz wenige trauen sich, mal über die Bilder zu schreiben.

Viele Journalisten würden wahrscheinlich antworten, dass die Person mehr interessiert als das Werk selbst.

Es gibt immer diesen Aspekt, dass sich Leser mit dem Künstler identifizieren wollen oder nach etwas Besonderem suchen, daß sie selbst nicht haben. Ich als Kunstmensch lese natürlich lieber eine Auseinandersetzung mit dem Werk. Ob das jetzt eine Hymne oder ein beherzter Verriss ist. Den Kern der Kunst empfinde ich als viel aufregender.

Die parallel laufende Ausstellung „Das schwarze Quadrat.
 Hommage an Malewitsch“ hatte 112 000 Besucher, etwas weniger als Daniel Richter. Ist das der Sieg der zeitgenössischen Kunst?

Die Malewitsch-Ausstellung war eine kunsthistorische Ausstellung, die einen sehr interessanten Bogen spannte. Daniel Richter war eine monografische Ausstellung, die einen Künstler und ein Werk über 15 Jahre ausbreitete. Ich glaube nicht, dass zeitgenössische Kunst grundsätzlich erfolgreicher sein muss als die Klassische Moderne. Was der zeitgenössischen Kunst natürlich auch hilft, ist, dass man in den Medien immer von den Auktionsrekorden liest. Das sind allerdings nur wenige Künstler, die auf dem Markt eine solche Rolle spielen. Aber Wohlstand und Sexappeal ging schon immer zusammen. Deshalb ist es attraktiv, aber nicht automatisch besser als das andere. Ich glaube, es wurde einfach mehr, wie man Neudeutsch sagt, von den Medien „gecovert“.

"Natürlich ist Kunst für Richter nichts, was von schönen Wiesen handelt."

Wie würden Sie denn den typischen Daniel-Richter–Besucher charakterisieren?

Es war wirklich ein auffällig junges Publikum: Vielleicht 16 bis 30 Jahre. Und das auch unter Woche – sonst hat man eher am Wochenende ein jüngeres Publikum. Jetzt war das junge Publikum kontinuierlich da – und trotzdem blieb das klassische Museumspublikum nicht weg. Malerei ist sicherlich auch eine Kunst, die einen gewissen Konsens trifft, was man mit Installationen, Skulpturen oder Video nicht so erreichen kann.

Jonathan Meese hatte in den Hamburger Deichtorhallen „nur“ 24 000 Besucher. Ist Daniel Richter in der Wahrnehmung populärer?

Ich glaube, wir haben grundsätzlich mehr Besucher, weil wir ein größeres Haus sind. Und wir haben eine permanente Sammlung. Man kann da nicht genau trennen, wer wegen der Sammlung kommt und wer ausschließlich wegen Daniel Richter kommt. Die Ausstellung in den Deichtorhallen war wirklich ein großer Wurf, die hat mich enorm beeindruckt und ich fand Meese noch nie so gut wie in dieser Ausstellung. Wenn wir nur Daniel Richter gezeigt hätten, dann hätten wir auch eine andere Besucherzahl gehabt.

Sie glauben nicht, dass Daniel Richter leichter zugänglich ist?

Dazu eine ganz rührende Anekdote: Ich bin mit meiner 83-jährigen Tante durch die Ausstellung gegangen, die wirklich keinen besonders avantgardistischen Kunstgeschmack hat. Und sie erfreute sich sehr an den Farben. Ihr gefiel das Rot, die Kombination mit dem Blau. Oder dass Grün gegen Orange gesetzt wurde. Sie hat sich die Ausstellung angeschaut, wie ich mir die Ausstellung nie angeschaut hätte. Und damit hat sie mir die Augen geöffnet, wie Menschen doch alle anders schauen. Richter hat auch Themen, die viele anstößig finden. In der letzten Führung, die Richter und ich gemeinsam durch die Ausstellung gemacht haben, sagte ein Herr, er könne gar nicht verstehen, wieso Richter so aggressive Themen male, er könne doch auch einmal etwas „Schönes“ malen. Natürlich ist Kunst für Richter nichts, was von schönen Wiesen handelt. Er möchte immer auch ein Stück aufrütteln, aufwecken – und hat eine unbequeme Energie.

Generell kann man aber doch schon sagen, dass zeitgenössische Kunst so erfolgreich ist wie nie zuvor. Woran liegt das? Welcher Mechanismus steckt dahinter?

Auch die chinesische Gegenwartskunstausstellung "Mahjong" hatte extrem viele Besucher – da waren wir auch überrascht, dass wir mit Gegenwartskunst so viele Leute ziehen können. Man liest eben sehr häufig über zeitgenössische Kunst, man liest, wie viel sie kostet.

Das würde ja bedeuten, dass der Erfolg der Kunst von der Außenwirkung abhängig ist und nicht von der Kunst selbst.

Ha, die Gretchenfrage! – Ein Faktor ist sicherlich, dass die Deutschen gerade sehr viele große Künstler haben. Künstler, die nicht nur einen Trick beherrschen und diesen fortsetzen und variieren, sondern die ein großes Spektrum darlegen. Ob das nun Rauch, Meese, Richter, Slominski oder Gursky sind. Die Künstler leben in Deutschland, sind in deutschen Verhältnissen aufgewachsen und reflektieren auch immer ein Stück weit Deutschland in ihren Werken. Das interessiert uns, das liegt uns nahe – und ist uns auch ein wenig vertraut. Der Markterfolg spielt auch eine Rolle in der Rezeption. In der Berichterstattung wird man damit ständig konfrontiert, und irgendwann sagt sich der Besucher: Da muss doch was dran sein! Das muss ich mir jetzt auch mal anschauen.

"Den Hype, den Rauch und Richter haben, wünscht man ihnen nicht für die nächsten 20 Jahre"

Aber warum war das früher nicht schon so? Kein zeitgenössischer Künstler hatte doch, zu Lebzeiten, so viel Erfolg wie heute. Gerhard Richter war im Alter von Daniel Richter nie so erfolgreich, oder?

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so ist. Joseph Beuys war in den siebziger Jahren DER zeitgenössische Künstler schlechthin – sehr angefeindet und nicht gefeiert. Einge, die mit seinem Werk etwas anfangen konnten, feierten ihn natürlich. Aber er war unheimlich im Gespräch. Beuys hatte eine ähnliche Medienpräsenz. Es gab immer Figuren, die schillernd genug waren, um in der Presse aufzutauchen – und es gab immer Künstler, die leiser und zurückgezogener waren. Und Gerhard Richter ist jemand, der Interviews hasst und sehr zurückgezogen lebt. Er arbeitet einfach an seiner Kunst. Deshalb hat es viel länger gedauert – aber stetig wurde einem klar, dass er einer der ganz großen Maler des 20. Jahrhunderts ist.

Und wie würden Sie das Phänomen international einordnen? Gibt es in den USA ähnliche Entwicklungen?

Im Moment vielleicht nicht. Aber es gab in den achziger Jahren eine ganze Riege mit Julien Schnabel oder Kenny Scharf. Es gab viele Maler, die mit einer neuen figurativen Malerei antraten und auch Medienstars waren. Die jungen Wilden waren das in den achziger Jahren auch in Deutschland. Salomé und Rainer Fetting und Walter Dahn – die hatten eine große Medienresonanz, die auf ihr Werk aufmerksam machte. Dieser Medienfaktor freut einen natürlich – ist aber auch gleichzeitig unheimlich. Man weiß, dass diese Spielzeuge relativ schnell wieder weggeschmissen werden können. Und wenn man die Sau durchs Dorf getrieben hat, ist es schwer, das noch ein zweites Mal zu tun. Dann zählt auch wieder die Substanz. Den Hype, den Rauch und Richter gerade haben, möchte man ihnen nicht für die nächsten 20 Jahre wünschen. Es wird sicher wieder Phasen geben, in denen sich das beruhigt, und dann wird man sie wieder neu entdecken können. Vielleicht mit ganz neuen und überraschenden Werken.

Sie gehen jetzt von Hamburg nach Denver. Warum eigentlich?

Ich gehe vor allem, weil man sich mal verändern muss. Wenn man Gegenwartskunst macht, dann sagt man sich nach zehn Jahren einfach: Da muss mal etwas anderes passieren. Für sich selbst und auch für das Haus. Und ich wollte wechseln, bevor es das Haus sagt. Hamburg ist natürlich ein wunderbarer Platz – und deshalb musste etwas ganz anderes kommen, um mich von hier wegzuholen.

Wird das ein schwerer Kultur– bzw. Kunstwechsel für Sie?

Nein, das glaube ich gar nicht. Es wird ein ganz schwieriger Architektur-Wechsel. Denn der Architekt der Kunsthalle, Oswald Mathias Ungers, ist ja der Meister des Quadrats und des rechten Winkels – und Daniel Libeskind, von dem der Neubau des Museums in Denver ist, kennt 359 andere Winkel und wendet diese auch in seiner Architektur an. Das ist eine ganz schöne neue Herausforderung.

Deutsche Malerei ist ja auch in den USA gerade sehr erfolgreich.

Denver ist das erste Museum, das einen Neo Rauch gekauft hat. Und meine Vorgängerin war auch sehr an der deutschen Malerei interessiert. Da gibt es für mich auch Anknüpfungspunkte.

Wird es in Denver eine Daniel-Richter-Ausstellung geben?

Ja, wahrscheinlich. Wir arbeiten dran.

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