GSK Contemporary - London

Knalliger Cocktail aus Kunst und Theater

Die Londoner Royal Academy of Arts will mit ihrer neuen zweiteiligen Schau "GSK Contemporary" junge Menschen ins Museum locken und setzt dafür auf Drinks, Entertainment – und Künstler aus Berlin.

Zwischen den Säulen des klassizistischen Portikus der Dependance der Royal Academy begrüßen vier überlebensgroße, metallisch glänzende Figuren den Besucher. Eine sitzt auf ihrem reich verzierten Sockel und spielt mit einem Gameboy, eine zweite verzehrt einen Hamburger von McDonald's, einer dritten wachsen Gewehre aus dem Kopf. Der Cartoon-Realismus der vier "Idol Kids of Today" von Antony Micallef fußt auf der Graffitikunst, sie wurden jedoch nicht mit deren armen Mitteln hergestellt.

Der Künstler durfte seine Figuren in Bronze gießen und mit Nickel überziehen. Dafür sorgte der finanzstarke Sponsor, dessen Kürzel diskret im Titel der zweiteiligen Schau "GSK Contemporary" aufscheint: der internationale Pharmariese Glaxo Smith Kline. Aus dem Titel liest man auch die Intention des Kurators heraus, nämlich Zeitgenössisches zu zeigen, und auf dem Ausstellungsplakat stehen neben Video, Skulptur, Malerei, Performance gleichberechtigt die Worte Bar und Restaurant.

Hier geht es also darum, ein junges Publikum in die altehrwürdige Royal Academy zu locken, mit junger Kunst, aber auch mit einer Kunstbar, wo bis spät in den Abend Alkohol ausgeschenkt wird, wo DJs auflegen und wo das junge Londoner Kuratorengespann temporaryContemporary ein ständig wechselndes Programm zum Thema Skulptur und Performance gestaltet, und mit dem temporären Restaurant Flash, das mit seinen aus Holzkisten bestehenden Wänden selbst Installation ist. Entertainment, Gastronomie und Atmosphäre sind hier ebenso wichtig wie die Kunst.

Die absurde Planung eines Fallschirmabsprungs

Im ersten Teil mit dem Titel "Molten States" untersucht die Schau die Verflechtung von Kunst, Performance und experimentellem Theater. Zu diesem Zweck verfrachtet sie Berlin nach London, in der Gestalt dreier Künstler, die sich in diesem Bereich ansiedeln: Olaf Nicolai, Julian Rosefeldt und René Pollesch. Hinzu kommt die Amerikanerin Catherine Sullivan, die mit ihren komplexen Video- und Filminstallationen dem Wesen von Darstellung auf den Grund zu gehen versucht.

Olaf Nicolai zeigt seinen fiktiven architektonischen Dokumentarfilm "Rodakis" über den gleichnamigen Erbauer eines Fantasiehauses auf einer griechischen Insel sowie eine eigens für die Schau geschaffene Arbeit. "Samani" ist ein computergesteuerter Scheinwerfer, der sich wie eine verrückt gewordene Stripteasetänzerin an einer Stange auf und ab bewegt und den verdunkelten Raum zur Theaterkulisse macht, mit den Besuchern als Schauspielern.

Julian Rosefeldts dreiteilige Videoinstallation "Trilogie des Scheiterns", die hier zum ersten Mal als Ganzes zu sehen ist, thematisiert die Absurdität des Lebens. "Stunned Man" zeigt einen Mann, der sich unauffällig durch seine Wohnung bewegt. Sein Alter Ego auf der zweiten Projektionswand wütet dagegen zerstörerisch durch die Räume, bis beide durch den Sprung durch einen Spiegel identisch werden. In "The Soundmaker" finden Handlung und Geräusche an getrennten Orten in einer Wohnung statt und werden nie identisch. Und "The Perfectionist" zeigt auf drei Leinwänden die absurde Planung eines Fallschirmabsprungs, der aber nie stattfindet.

Laut, anarchisch, witzig, schwer verständlich

Das überraschendste Element der Schau ist das erste Gastspiel des Berliner Theatermachers und entfant terrible der Volksbühne, René Pollesch, in Großbritannien. An drei Abenden nur zeigte er seine Inszenierung "Tod eines Praktikanten", die irgendwo im Niemandsland zwischen Theater und Kunst angesiedelt ist. Drei Schauspielerinnen in Hochzeitskleidern, auf deren Rücken ihre Abendgage gemalt ist, schreien, flüstern, zischen Sätze ins Mikrofon über die Ausbeutung von jungen Leuten als unbezahlte Arbeitskräfte, begleitet von einer ständig laufenden Videokamera. Laut, anarchisch, witzig, schwer verständlich.

Das Bühnenbild mit seinen Stahlrahmen, auf denen Fototapeten mit ständig wechselnden Berliner Straßenszenen gehängt werden, soll in der Galerie weiterentwickelt und als Installation gezeigt werden. Wie der Höhepunkt der Schau: das normalerweise eingelagerte Bühnenbild von Julian Rosefeldts Video "The Soundmaker", das in einem gesonderten Raum aufgebaut wurde. Von oben blickt man auf das kalkulierte Chaos der Wohnung, in der Rosefeldts Held sein absurdes Leben lebt, begleitet von live produzierten Geräuschen.

Im Dezember folgt dann der zweite Teil der Schau mit dem Titel "Collision Course", in dessen Mittelpunkt das künstlerische Werk des Beatpoeten William Burroughs und dessen Einfluss auf mehrere Generationen von Künstlern stehen wird.

"GSK Contemporary: Molten States / Collision Course"

Termin: bis 4. Dezember, Royal Academy, London.
http://www.royalacademy.org.uk/exhibitions/gsk-contemporary-season/