Politikerporträts

Zürich



"ACHTEN SIE AUF IHRE FRISUR!"

Saddam, Obama und Angie – vereint in einer Ausstellung. "Kopf an Kopf – Politikerportäts" im Zürcher Museum für Gestaltung entlarvt auf unterhaltsame Weise politische Inszenierungen.
// ALAIN BIEBER

Als Angela Merkel die neue Nationaloper in Oslo in aufreizender Abendgarderobe besuchte, starrte ganz Deutschland wie hypnotisiert auf ihr Dekolleté. Tagelang gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Merkel bekam prompt Post von Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner: "Mit Ihrem Auftritt in Oslo haben Sie ganz eindeutig gezeigt, dass eine Frau im Kanzleramt sitzt und kein Mann. Und das ist gut so." Und Modedesigner Wolfgang Joop jubelte entzückt: "Ihr Auftritt war zudem – Sie ahnen es! – voller Widersprüche. Das Dekolleté war eine Einladung zum Blick in ihr Gesicht, das so weich und fraulich ist und in scharfem Kontrast zu ihren klaren Augen steht – und als Kontrapunkt dazu ihr marschierender Gang."

Angela Merkel zeigte sich aufgrund der Reaktionen überrascht. Also alles nur ein Zufall? Bestimmt nicht! Merkel arbeitete als Sekretärin für Agitation und Propaganda in der ehemaligen DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend, danach als Pressesprecherin in der Partei des Demokratischen Aufbruchs und später als Ministerialrätin im Bundespresse- und Informationsamt. Sie weiß also ganz genau, wie die Medienmachinerie funktioniert. Zufälle gibt es da keine. Ihr ist bewusst, dass Bilder besser als Worte kommunizieren und der modische Schein schon lange das Bewusstsein bestimmt. "The Body is the Message". So nannten das der Kunsthistoriker Immo Wagner-Douglas und der Trendforscher Peter Wippermann bereits 1998 treffend in ihrem gleichnamigen Buch.

Wenn Wladimir Putin als halbnackter Angler posiert, Nicolas Sarkozy mit Carla Bruni in der Öffentlichkeit schmust, Bush den Bomberpiloten mimt oder Barack Obama und seine Frau den Kennedys nacheifern, dann ist das politisches Kalkül. Und kein Politiker kann heute mehr auf solche Showeinlagen verzichten.

Lenin, Che und politische Persiflagen

Pünktlich zum US-Wahlkampf-Showdown am 4. November eröffnet jetzt im Zürcher Museum für Gestaltung die Ausstellung "Kopf an Kopf – Politikerporträts". Sie möchte Einblicke in die visuellen Strategien der politischen Imagebildung, der Repräsentation und der Demontage bieten. Als "Schlüsselfiguren" werden vier ikonografische Persönlichkeiten der internationalen Politik (Lenin, Che Guevara, Julia Timoschenko und Arnold Schwarzenegger) näher vorgestellt. Zu den weiteren Höhepunkten zählen die Videoarbeit "Democrazy" des italienischen Künstlers Francesco Vezzoli, bei dem die US-Schauspielerin Sharon Stone gegen den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy in einem fiktiven Wahlkampf antritt, sowie der preisgekrönte Bildessay über den Führerkult in Turkmenistan von Nicolas Righetti.

Ein Fleißkärtchen haben sich die Kuratoren außerdem für das Bestreben verdient, alle Regierungen der Welt zu kontaktieren, mit der Bitte, sie mögen für die Ausstellung ein Bild ihres aktuellen Regierungsoberhauptes beisteuern. Und so werden Kopf an Kopf die kunstvollen Inszenierungen des libyschen Wüstenfuchses Muammar al-Gaddafi zusammen mit einem distinguierten Porträt des spanischen Königs Juan Carlos I. hängen. Und als Gegenpol zu all der staatstragenden Propaganda werden zudem noch politische Persiflagen und Karikaturen von John Heartfield, Viktor Deni und Klaus Staek präsentiert.

Politiker sind zu Markenartikeln geworden

Die Ausstellung ist ein Versuch, die raffinierten Inszenierungen zu entlarven, die stark an die Mechanismen der Werbeindustrie erinnern. Statt zu kaufen, sollen wir hier glauben, lieben und wählen. Politiker sind zu Markenartikeln geworden. Und für das richtige Image, schöne Pressebilder und das perfekte "Packaging" (Dressler/Helmut Kohl, Brioni/Gerhard Schröder, Bettina Schoenbach/Angela Merkel) wird viel Geld ausgegeben.

Erst vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass das Wahlkampfbüro von Sarah Palin, Vize-Kandidatin des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain, in den letzten zwei Monaten für Friseurbesuche, Make-up und Garderobe rund 150 000 Dollar ausgegeben haben soll. Wahrscheinlich hatte Palin die Rede von Hillary Clinton vor Yale-Absolventen gehört ("Das Wichtigste, was ich Ihnen heute mitgeben möchte, ist: Achten Sie auf Ihre Frisur, denn jeder andere wird es auch tun") oder sich zu stark von Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner inspieren lassen ("Nicht einmal ein Bombenangriff könnte mich morgens vom Schminken abhalten").

"Kopf an Kopf – Politikerporträts"

Termin: 31. Oktober bis 22. Februar 2009, Museum für Gestaltung, Zürich. Publikation: "Kopf an Kopf – Politikerporträts", Lars Müller Publishing, CHF 46.

http://www.museum-gestaltung.ch

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