Andreas H. Bitesnich

More Nudes

"Wenn jemand nackt ist, ist er nackt"
Andreas H. Bitesnich: "Ingrid", Wien 2005

"WENN JEMAND NACKT IST, IST ER NACKT"

Er ist einer der bekanntesten Aktfotografen der Welt und etliche Modelle reißen sich darum, sich vor seinem Objektiv in abenteuerlichen Posen zu verrenken. "More Nudes" heißt der neue Fotoband des österreicherischen Künstlers Andreas H. Bitesnich, der ab heute in der Wiener Galerie Westlicht präsentiert wird. art sprach mit Bitesnich über unschuldige Nacktheit, sein Schönheitsideal und unerfüllte Wünsche.
// LEONIE RADINE

Herr Bitesnich, was macht Ihre Fotografie aus?

Grundsätzlich ist meine Arbeit sehr übersichtlich und die Bildsprache ist verständlich. Ich habe das Glück, dass meine Auffassung der Bildkomposition nichts Hochkompliziertes ist, sondern die Menschen im Bauch trifft. Meine Arbeiten sind nicht nur einer bestimmten sozialen Schicht oder Altersgruppe vorbehalten – sie sprechen alle an. Das macht die Stärke meiner Bilder aus.

Ich hatte vor vier Jahren im Kunsthaus in Wien eine große Ausstellung mit 40 000 Besuchern. Sowohl Kinder als auch ältere Leute haben das Haus mit einem freundlichen, zufriedenen Gesicht verlassen. Meine Fotografie ist vielleicht nicht "edgy" und nicht "arty", aber das interessiert mich ohnehin nicht. Mir ist wichtig, dass es Reaktionen auf meine Bilder gibt.

Ihre Herangehensweise an die Fotografie ist also eher emotional?

Oft stehe ich in der Frühe da und habe noch keinen Schimmer, was ich am Abend gemacht haben werde. Erst wenn ich ein verheißungsvolles Schwebegefühl im Bauch habe, weiß ich, es wird etwas ganz tolles entstehen. Natürlich zieht sich ein roter Faden durch mein Werk. Alle Bilder sind sehr grafisch, ich benutze kaum Accessoires bei Porträts und Aktfotografien. Alles ist sehr reduziert und ich versuche, meine Werke auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Oft ist es bei Kunst so, dass es die Leute dann trifft, wenn man sie bis auf die Essenz reduziert.

Sie sind vor allem für Ihre Aktporträts bekannt. Tritt denn dementsprechend die Erotik zugunsten der bildhauerischen Abstraktion und der malerischen Ästhetik zurück?

Die Erotik fällt mehr in den Bereich der Reaktion. Für mich sind die Bilder nicht in erster Linie erotisch. Ich sehe zunächst die Form, aus der ich das Bild schaffen will. Wenn die Betrachter die Fotos erotisch finden, finde ich das toll. Mir ist nur wichtig, dass überhaupt eine Reaktion auf meine Bilder erfolgt – ganz egal, ob das eine Akzeptanz des Künstlerischen oder eine erotische Reaktion ist.

Welche Rolle spielt denn Ihre subjektive Leidenschaft für die Modelle und die Nacktheit?

Ich glaube, dass das Werk eines Fotografen immer auch Spiegel seiner Persönlichkeit ist und der Fotograf der Filter, durch den das Bild läuft.

Und nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Modelle aus?

Manchmal treten Personen an mich heran, die sich fotografieren lassen wollen oder ich entdecke die Modelle bei Castings, und so kommt man ins Gespräch. Es ist immer ein Geben und Nehmen und ein Einander-Brauchen, wodurch fantastische Arbeiten entstehen. Die meisten kennen mittlerweile meine Arbeit und wissen, was auf sie zukommt. Am Anfang war das selbstverständlich noch nicht so einfach.

Die Aktfotografien zeigen vornehmlich makellose Körper. Ist das ein Kriterium?

Da kommt wieder der Filter zum Tragen. Wenn jemand zum Beispiel schöne Ohren hat, fotografiere ich die Ohren, eine andere Person hat schöne Lippen, dann fotografiere ich ihren Mund. Fügt man all diese Bilder dann in einem Band zusammen, wird gleich der Eindruck vermittelt, ich würde nur schöne Menschen fotografieren. Das ist jedoch dieser Filter, den die Bilder durchlaufen und ich entscheide, was ich zeigen möchte und was nicht. In meinem neuen Bildband "More Nudes" ist auch ein Foto enthalten, das ich von einer dicken Frau gemacht habe. Ihr Bild ist so wunderschön, dass ich es mir aufhängen werde. Man kann nicht athletisch mit schön gleichsetzen. Es ist schlichtweg so, dass sich athletische Menschen lieber fotografieren lassen und weniger Hemmungen haben, ihren Körper zu zeigen. Ihren eigenen Bierbauch finden die meisten Menschen eben weniger attraktiv. Es liegt also nicht an mir, sondern vielmehr an den Modellen.

Könnte man das auch als Ziel Ihrer Fotografien formulieren – die Schönheit aus jedem Menschen herauszustellen?

Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel habe ich mit einem Mädchen sehr oft gearbeitet und es sind großartige Fotografien von ihr entstanden. Manchen Werbekunden, an die ich sie vermittelte, sind anfangs bei ihrem Anblick die Gesichtszüge entglitten, weil sie auf den Fotos ganz anders wirkt. Vor der Kamera erfolgt jedoch eine regelrechte Transformation. Das ist das wunderbare an der Fotografie, wenn ich merke, dass jemand vor der Kamera durch eine uneingeschränkte Konzentration und Energie immer schöner und schöner wird, auch wenn man es bei erster Betrachtung nicht vermutet hätte. Vielleicht hört sich das auch kitschig an, aber ich versuche einfach, aus allem etwas zu machen und diese schöne Form überall zu finden. Das ist mir bisher auch immer gelungen.

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