Istanbul Biennale - Kritik

Der Weg ist das Ziel

Willkür und Esoterik um jeden Preis dominieren das Konzept der Istanbul Biennale von Carolyn Christov-Bakargiev. Trotz einiger Lichtblicke war unserem Autoren nach einem Rundgang auf der 14. Ausgabe des Kunstfests am Bosporus vor allem nach Heulen zu Mute.

"Salzwasser" nennt die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev ihre diesjährige Biennale von Istanbul und verweist im Begrüßungstext darauf, nichts sei besser zum Entdecken von Kunst als ein Fährschiff, das urbane Hektiker zur Entschleunigung zwinge.

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Strecken Teaser

Folgerichtig sind viele der 36 über die 15-Millionen-Metropole verteilten Schauplätze nur mit dem Schiff zu erreichen, von den Prinzeninseln im Marmara-Meer – mit Installationen von William Kentridge, Ed Atkins oder Adrian Villar-Rojas – den Bosporus hoch zum Schwarzen Meer, wo Werke von Andrew Yang oder Lawrence Weiner die Kunstreisenden erwarten. Doch Vorsicht: Wie schon die Weisen des Taoismus wussten, ist der Weg das wahre Ziel. Und bei der 14. Istanbul-Biennale wird durchaus nicht jede Anstrengung des Besuchers belohnt.

Von Politik kaum eine Spur

Wie vor drei Jahren auf ihrer vielgelobten Documenta 13 läd die sich selbst als Künstlerin und "Entwerferin" der Biennale gebende Christov-Bakargiev auch dieses Mal Wissenschaftler – vor allem Meeresforscher – ein und gruppiert die Ausstellung um ihre persönliche Wunderkammer, ein historisches Epizentrum von angeblichen Initialzündungen herum. Nur dass eben in Istanbul weite Wege dazukommen, was für einzelne Kunstbeiträge gut, für das Ausstellungskonzept aber eher schlecht ist. Nicht jeder gute Kurator ist auch ein guter Künstler. Im Museum Istanbul Modern wartet der sogenannte "Kanal", eine eklektische Ansammlung von Ideengebern, der schnell zum esoterischen Spießrutenlauf wird. Es ist ein verquaster, stellenweise höchst prätentiöser Parcours: vom Anatomiker und Maler Santiago Ramon y Cajal aus dem 19. Jahrhundert über Pflanzen-Fotograf Karl Blossfeldt bis zum im brasilianischen Bahia lebenden Menschenrechtler und Outsider Frans Krajcberg, einem polnischen Holocaust-Überlebenden.

Willkür und Esoterik um jeden Preis überwiegen das kuratorische Konzept. Nachvollziehbar, dass, wenn es um Salz geht, Robert Smithsons berühmter Film über seine auf einem Salzsee New Mexicos installierte "Spiral Jetty" nicht fehlen darf. Was aber tun Emile Gallés Glasvasen, eine Hommage an den italienischen Jugendstil von Fabio Mauri oder die Knoten-Zeichnungen des Psychoanalytikers Jacques Lacan hier? Sie stehen für die einzigartig originelle These Christov-Bakargiev, das eben alles verknotet, sprich vernetzt sei. So werden ein Manuskript Leon Trotzkis oder Zeichnungen aus dem Notizenbuch von Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ausgestellt. Weil Pamuk, ein kluger politischer Schachzug in der von Grabenkriegen geprägten Kulturszene Istanbuls, zum Biennale-Schutzherr gekürt wurde? In seinem Museum of Innocence hängen zwei Bilder des nach dem Völkermord an den Armeniern in die USA geflohenen Arshile Gorky, der als Miterfinder des abstrakten Expressionismus gilt. Keine große, aber immerhin eine kleine politische Randnotiz, aufgenommen vom Belgier Francis Alys, der ein Vogelstimmen-Lied von armenischen Schulkindern singen lässt. Ansonsten von Politik kaum eine konkrete Spur, und das in einem autoritär, vom Größenwahn eines Einzelnen gelenkten Land, das in Syrien und Nordirak zur Zeit gleich zwei Kriege führt.

Villar Rojas' Arbeit gehört zu den stärksten der Biennale

Politik kommt auf dieser Biennale nur indirekt vor. Der von Lenin verstoßene Sowjetrevolutionär Leon Trotzki verbrachte bekanntlich die ersten Jahre seines Exils in einer heute verfallenen Villa auf der größten der Prinzen-Inseln. Vor deren Garten lässt der Argentinier Adrian Villar Rojas eine verstörend schöne Herde weißer, mythologiegesättigter Fantasietiere aus dem Meer steigen: vierbeinige Zombies vergangener Zeiten, die auf ihrem Rücken Felle, Teppiche, Autoreifen, Fleisch oder Melonen tragen. Aus dem Wasser tauchen beladene, aber leblose Wiedergänger von Gestern auf, wie die Leichen der Flüchtlinge von Heute, die an den Stränden des türkischen Badeortes Bodrum angeschwemmt werden.

Villar Rojas' Arbeit "Die schönste aller Mütter" gehört als Hommage ans Meer und die Zivilisation zu den stärksten Werken einer weitverzweigten Ausstellung, die nur dann überzeugt, wenn künstlerische Sensibilität auf Lokalkolorit trifft und sich Emotionen zutraut. Wael Shawky's dritter Teil des historischen Marionetten-Dramas "Cabaret Crusades", von Düsseldorfs Kunstsammlung NRW produziert, spielt größtenteils in Istanbul und ist deshalb auf der historischen Seite des Goldenen Horns in einem restaurierten Hammam, einem Gebäude aus dem 14. Jahrhundert, genau am richtigen Platz. Ed Atkins neuer Film "Hisser", die traurige Geschichte eines digitalen Melancholikers, der mitsamt seinem Schlafzimmer nach einem Erdbeben im Ozean verschwindet, passt perfekt zum bröckelnden Charme des verlassenen Holzpalastes Villa Crispo. Theaster Gates aus Chicago richtet sich in Beyoglu im Laden eines Handwerkers ein, dem er ebenso wie dem – türkischen – Erfinder des legendären Plattenlabels Atlantic Records huldigt.

Villar Rojas, Atkins, Gates, aber auch Pierre Huyghe, William Kentridge, Walid Raad – bekannte Namen, die Christov-Bakargiev aus Kassel an den Bosporus gefolgt sind und ihrem verknausten Esoterismus verlässlich starke Arbeiten entgegenstellen. Neuentdeckungen sind dagegen kaum zu machen, mit Ausnahme der Israelin Bracha L. Ettinger, die bis zur Abstraktion übermalte Flugaufnahmen von Palästina sowie Skizzenbücher der letzten 35 Jahre ausstellt und so Zeit in kollektive Melancholie verwandelt und als Erinnerung wiederauferstehen lässt. Eine perfekte Wiederlegung des Untertitels der diesjährigen Biennale als angeblicher "Theorie gedachter Formen", denn Ausstellungen funktionieren bekanntlich nur, wenn die den Energiezustand der Theorie verlassen und Wirklichkeit werden.

Und solche Momente gibt es dann doch einige in Istanbul. Neben der Prinzen-Insel Büyükada etwa in einem der theatralischsten Ausstellungsorte, der seit 2007 wegen des Schwunds der griechischen Minderheit geschlossenen Galata Grundschule, wo die ägyptische Malerin Anna Boghiguian, Jahrgang 1946, in einer großen Rauminstallation die fiktive Geschichte eines angeblich vor 2000 Jahren in der Arktis gesunkenen Salztransporters erzählt, der heute dank schmelzender Eismassen wieder aufgetaucht ist. Salz als vorkapitalistisches Zahlungsmittel bei den Chinesen, als Lohn (alias Salär) bei keltischen Minenarbeitern, als dem Menschen unentbehrliche Kostbarkeit, die auch im Schweiß steckt, den die Reisen zur Kunst im sonnig heißen Istanbul reichlich fließen lassen. Und natürlich in den Tränen, von denen man einige vergießen möchte ob der Harmlosigkeit vieler Beiträge, die sich in in allzu leichtgewichtiger Reflexion dem der Geschichte von Kunst und Kultur so bedeutenden Sodiumchlorid widmen.

14. Biennale Istanbul

Termin: bis 1. November 2015, verschiedene Orte
http://14b.iksv.org/