Kanalspielhaus Flora - Hamburg

Von der Kunst zum Flüchtlingsheim

Für das Sommerfestival auf Kampnagel haben Baltic Raw die Rote Flora nachgebaut. Während der nächsten Wochen organisiert die Künstlergruppe dort Programm, für die Wintermonate gibt es dann eine neue Bestimmung für den Nachbau: Obdach für Lampedusa-Flüchtlinge. Doch noch fehlt das Geld.
Von der Kunst zum Flüchtlingsheim:Hamburger Künstler sammeln per Crowdfunding

Die kleine Flora, nachgebaut vom Künstlerkollektiv Baltic Raw

Die Elbphilharmonie passt in die Flora. Der Beweis ist erbracht und steht im Hof auf Kampnagel, 100 Quadratmeter groß, geschaffen von der Künstlergruppe Baltic Raw: Letztes Jahr hatten sie die Elbphilharmonie gebaut, dieses Jahr haben sie 10 Kubikmeter Holz recycelt und daraus die kleine Flora gebaut. "Kanalspielhaus Flora" haben sie den Bau getauft. Zwischen Bäumen des "Avant-Garten" liegt der Holzkomplex, ungefähr von der Größe eines Containers. Die Konturen kommen jedem Hamburger vertraut vor, sie sind übernommen von der Roten Flora, einem autonomen Zentrum in der Schanzenstraße. Betritt man die kleine Flora, öffnet sich ein großer Raum mit einem Tresen in der Mitte. Gerade werden Scheinwerfer und Konzerttechnik von der Veranstaltung des Vorabends auf der kleinen Bühne abgebaut. Am Tresen sitzen Berndt Jasper und Móka Farkas von Baltic Raw, die meisten Stunden ihres Tages verbringen sie zurzeit auf dem Hof von Kampnagel.

"Wir greifen immer auf, was in der Stadt gerade relevant ist und verbinden diese kulturpolitische Diskussion mit einem Gebäude", erzählt Farkas. Immer finden diese Arbeiten im öffentlichen Raum statt, ob in der Hafen City oder in Form eines Open Museum vor der Kunsthalle. Voriges Jahr hatte die Künstlergruppe sich an der Elbphilharmonie probiert und auf Kampnagel zum Sommerfestival die "Kanalphilharmonie" errichtet. Nach diesem Erfolg sollte es dieses Jahr die Rote Flora sein: Doch bevor das Projekt starten konnte, mussten die Künstler erstmal mit den Bewohnern der Flora Kontakt aufnehmen. Hatten sie Angst, dort auf Ablehnung zu stoßen? Sofortiges, nachdrückliches Nicken von Móka Farkas. Sie erzählt: "Ich bin dort zum ersten Plenum mit schlotternden Knielein gegangen. Was machen wir, wenn die Nein sagen, das hab ich mich gefragt. Aber nach zwei Minuten vor Ort war dieses Gefühl weg."

Nun findet in der kleinen Flora Programm statt, gestaltet von Baltic Raw. Wie ihr ganzes Arbeiten ist auch dieses Programm prozessual gedacht und kann sich ständig ändern – jeder kann Einfluss darauf nehmen, mitgestalten. Denn grundsätzlich ist es der Frage gewidmet, wie die Stadt im 21. Jahrhundert gedacht werden soll und wie sie sich als gesellschaftliches Konstrukt verwirklichen lässt, sagt Jasper. Um die Diskussion anzuregen, zeigen Baltic Raw zum Beispiel Filme von der Hafenstraßenbesetzung aus der Besetzersicht. Warum fesselt sie das Thema vom Zusammenleben in der Stadt so? "Gibt es etwas Interessanteres?", fragt Farkas zurück und lacht. "Wir haben hier eine unglaubliche Konzentration von Menschen, Gedanken, Gefühlswelten", erklärt sie dann noch, "konzentrierteres Menschsein ist kaum möglich." "Wir wollen einen Denkraum geben", ergänzt Jasper, "Wir machen nichts anderes als Maler oder Bildhauer, die sich in eine Form hineinarbeiten – das hier ist unsere Leinwand, nur eben in 3D."

Als Intendantin auf Kampnagel ist Amelie Deuflhard mit der Arbeit von Baltic Raw und der Wirkung, die diese Arbeit herbeiführt, sehr zufrieden: "Zum Festival und zur kleinen Flora kommen ganz andere Menschen, zum Beispiel auch Leute von der Roten Flora. Und die treffen dann hier auf ein bürgerliches Publikum, das vielleicht gerade von einem Konzert oder einer Aufführung aus dem Theater kommt. Diese Gruppen begegnen sich sonst nirgendwo." Ein Zusammentreffen, das Austausch und Dialog ermöglicht. Genau dieses Zusammenkommen ist es, was Baltic Raw und Deuflhard jetzt nutzen wollen – und nicht nur für Diskussionen.

Denn nach Ablauf des Festivals, das bis zum 24. August stattfindett, soll die Holzflora weiter genutzt werden: Derzeit sammeln Baltic Raw auf bis zum 19. September Geld, um ihr Werk zu einem Winterquartier für Lampedusa-Flüchtlinge auszubauen. Mindestens 10 000 Euro benötigen sie dafür. "Wenn wir 15 000 Euro kriegen, wäre das toll, dann könnten wir auch noch die Arbeitskräfte bezahlen", so Farkas. Das Quartier solle ökologisch ausgebaut werden, damit es von jeglicher Infrastruktur unabhängig ist. Wenn alles klappt, sollen hier dann sechs oder sieben Flüchtlinge überwintern können. "Es geht uns um eine intensive Auseinandersetzung mit einer Situation, die nicht nur Hamburg, sondern Europa als Ganzes betrifft. Es geht um das Phänomen des flüchtigen Menschen, der sich aus seiner vertrauten Umgebung herauslösen muss, um zu überleben", erzählt Japser, "und dieses Problem wird noch lange nicht vom Tisch sein, wenn wir hier fertig sind."

Ecofavela

Die Webseite der Crowdfunding-Aktion
http://www.nordstarter.org/ecofavela

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet