Ego Update - Düsseldorf

Vom unbändigen Hunger aufs Ich

Der neue Leiter des NRW-Forums Alain Bieber zeigt zum Einstand eine Ausstellung, die nach der "Zukunft der digitalen Identität" sucht und sie in den Themen Virtualität, Überwachung, Urheberrecht, vor allem aber im guten alten Narzissmus findet – ab Samstag in Düsseldorf.

"Das Web ist ein großer Fotoapparat", schreibt der Schweizer Künstler Kurt Caviezel über seine Bilderserie "The Users". Er durchsucht das Internet nach Webcams, mit denen Leute den Rest der Welt in ihre Wohnung und in ihr Leben schauen lassen. Oft ist das Schauspiel vor der Kamera banal, manchmal, wie beim Pärchen, das ein kleines Waffenarsenal über dem Bett hängen hat, auch gruselig.

11795
Strecken Teaser

Caviezel ist das einerlei, er drückt in jedem Fall auf den Auslöser und hat angeblich bereits über drei Milliarden Screenshots von Webcam-Übertragungen auf seiner Festplatte gespeichert – die User haben es ja nicht anders gewollt.

Teilt sich die Welt bald in Exhibitionisten und Voyeure?

Teilt sich die Welt bald in Exhibitionisten und Voyeure? Und wie viel sind wir bereit preiszugeben, damit jemand ausgerechnet unser Bild aus der alltäglichen Bilderflut herauszieht? Diese und ähnliche Fragen stellen sich bei der Antrittsausstellung von Alain Bieber als künstlerischer Leiter des NRW-Forums in Düsseldorf. Bieber sucht nach der "Zukunft der digitalen Identität" und findet sie in den Themen Virtualität, Überwachung und Urheberrecht, vor allem aber im guten alten Narzissmus: Selfies, wohin man blickt, allerdings künstlerisch gebrochen.

Dabei geht es mal um die Selbstinszenierung als Starprinzip (Dirk Witek alias MC Fitti), mal darum, dass der private Schutzraum im Zeitalter erotischer Selfies zusehends poröser wird (Evan Baden), oder einfach darum, sich ein anderes Ich zu schaffen. So setzt der britische Fotograf Robbie Cooper Videospieler neben lebensgroße Abbilder ihrer selbst entworfenen Avatare, während Oliver Sieber aus Düsseldorf in seiner Serie "Character Thieves" voll kostümierte Rollenspieler zeigt, die in ihrer gewöhnlichen Umgebung genauso verloren erscheinen, wie sie es womöglich tatsächlich sind. Das digitale Ego stößt naturgemäß immer dann an seine Grenzen, wenn das virtuelle Wunschbild mit der analogen Wirklichkeit kollidiert.

Im NRW-Forum gibt es deshalb neben einigen Performances im Netz auch Arbeiten im realen Raum, etwa eine Installation, in der man sich selbst im lebensgroßen Selfie eines anderen gespiegelt sieht. Die deutlichste Kritik am Versprechen, mit dem Internet würde alles besser werden, bringt der Italiener Guido Segni mit nach Düsseldorf: In seiner Arbeit "The Middle Finger Response" zeigen Mitglieder des schlecht bezahlten "digitalen Prekariats", was sie von ihrem bisherigen "Ego-Update" halten.

Ego Update

Die Ausstellung findet vom 19. September 2015 bis zum 17. Januar 2016 im NRW-Forum in Düsseldorf statt.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Preis von 25 Euro, im Buchhandel 29,95 €, der das Thema mit Essays von Autoren wie Jerry Saltz, Douglas Coupland, Brooke Wendt, Adam Levin und vielen weiteren vertieft.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.
http://www.nrw-forum.de/ausstellungen/ego-update